Integration "Die Idee eines deutschen Islam begeistert mich"

Er ist eines der prominentesten Mitglieder der Islamkonferenz. Nun will der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu seinen Platz zu Gunsten einer jungen Muslimin räumen: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum er für die Teilnahme einer gläubigen Frau plädiert.


SPIEGEL ONLINE: Herr Zaimoglu, Sie haben angeboten, Ihren Platz auf der Islamkonferenz für eine Kopftuchträgerin aufzugeben. Haben Sie eine bestimmte Frau im Sinn?

Zaimoglu: Ich habe angeboten, meinen Platz einer jungen selbstbewussten Neo-Muslima aus der zweiten oder dritten Einwanderergeneration zur Verfügung zu stellen. Es kann nicht sein, dass ich eine bestimmte Frau vorschlage. Schließlich geht es nicht darum, meinen Willen zu bekommen - es gibt Tausende von solchen Frauen in Deutschland. Sie sind ein Teil der deutschen Realität. Es wird den Verantwortlichen nicht schwer fallen, eine solche Frau ausfindig zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Muss es eine Kopftuchträgerin sein?

Zaimoglu: Ich halte das für ein unwichtiges Detail. Aber wenn man davon spricht, dass die Teilnehmer des Islamgipfels stellvertretend für andere Muslime und Muslima sprechen sollen, dann bitte ich darum, auch eine junge Neo-Muslima auszuwählen, die für sich entschieden hat, ihre Frömmigkeit äußerlich sichtbar zu machen - oder eben nicht. Ich bin ein Mann und es wäre geradezu unanständig von mir, dabei Forderungen nach Kopftuch oder nicht zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie einfach keine Lust mehr, an der Konferenz teilzunehmen?

Zaimoglu: Ich fühlte mich geschmeichelt, als man mich zum Teilnehmer der Islamkonferenz ernannte. Ich fand mich aber in den Zuschreibungen nicht wieder. Ich bin kein säkularer Muslim und natürlich auch kein Orthodoxer. Ich bin ein Schriftsteller. Ich würde gerne mitwirken, aber ich glaube daran, dass es viel mehr Sinn hat, wenn an meiner Stelle eine junge Frau in der Islamkonferenz teilnimmt. Nicht umsonst heißt diese Konferenz Islamkonferenz. Es soll um die Zukunft gehen. Ich habe immer gesagt, dass ich von der Idee des deutschen Islam begeistert bin. Und ich denke, es wird darauf hinauslaufen, dass es in 20, 30 oder 40 Jahren eine speziell deutsche Ausprägung des Islam geben wird.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie auf Ihren Vorschlag schon Reaktionen von anderen Teilnehmern der Islamkonferenz bekommen?

Zaimoglu: Ich rechne damit, dass ich von manchen Aufklärungshysterikern wieder in die Ecke des intellektuellen Idioten gestellt werde. Die ganze Debatte wird nicht sachlich ausgetragen, deshalb kann ich nicht hoffen, dass man schnell auf meine Forderung eingeht und sie als aufrichtigen Wunsch versteht, Repräsentation zu schaffen: über eine Frau, die für Abertausende junge Frauen in Deutschland sprechen könnte. Sonst jubelt man doch, wenn ein Mann seinen Platz für eine Frau räumt, aber in diesem Fall wird mir das bestimmt zum Vorwurf gemacht. Aber ich lasse mich auch angenehm überraschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie werfen den islamkritischen Autorinnen wie Necla Kelek und Seyran Ates vor, dass es ihnen bei ihren Auftritten auch um Selbstdarstellung geht. Sind sie nicht diejenigen, die für muslimische Frauen in die Bresche springen und die ersten, die Probleme offen aussprechen?

Zaimoglu: Ich habe nur kritisiert, dass in den Auslassungen der "Islamkritikerinnen" immer wieder nur der Islam Schuld an Problemen ist - für mich ein nicht nachvollziehbares, ziemlich plumpes Weltbild. Denn so einfach ist es nicht. Ich bin kein Ideologe und kein Eiferer und habe keine fixen Ideen. Meine Forderung ist lediglich: Schluss mit den Schuldzuweisungen. Man sollte nicht so tun, als wäre die Islamdebatte eine apokalyptische Schlacht zwischen Gut und Böse, bei der es darum geht, die bösen Orthodoxen niederzumachen, weil sie für alles "Nichtintegrative" stehen. Einige Politikerinnen haben sich nicht entblödet zu verkünden, dass das Kopftuch ein politisches Zeichen ist.

SPIEGEL ONLINE: Was ist es denn?

Zaimoglu: Es gibt da draußen in der Welt Tausende junge gläubige Frauen, die Basisarbeit leisten, im Alltag stehen - diese Frauen fühlen sich nicht von den "Islamkritikerinnen" angesprochen. Sie haben sich ja auch bereits zu Wort gemeldet und gesagt: Wir sind gläubig und haben uns freiwillig dafür entschieden ein Kopftuch anzulegen - oder nicht. Mein Vorschlag ist nur ein Aufruf, die Debatte etwas anständiger und nüchterner auszutragen.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie sich von der nächsten Sitzung der Islamkonferenz nächste Woche?

Zaimoglu: Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich die Islamkonferenz für einen historischen Schritt halte, und ich glaube weiterhin an den Sinn der Konferenz. Innenminister Schäubles Worte, der Islam gehöre zur deutschen Gesellschaft, waren endlich mal eine richtige Sicht der Dinge. Konkret wünsche ich mir, dass auch bei deutschen Politikern, die an der Konferenz teilnehmen, die Einsicht reift, dass wir es nicht mit dem Christentum zu tun haben, sondern mit dem Islam. Und dass sie nicht stur ihre Forderung nach kirchenähnlichen Strukturen vortragen, denn das rührt an den Kern des Glaubens: Im Islam darf es keine Kirchen geben.

Das Interview führte Anna Reimann



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