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Integration: "Wir Frauen sind ehrgeiziger"

Integrationskurs für Frauen: "Migrantinnen sehen das Leben in Deutschland als Bereicherung" Zur Großansicht
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Integrationskurs für Frauen: "Migrantinnen sehen das Leben in Deutschland als Bereicherung"

Frauen profitieren besonders von der Einwanderung nach Deutschland. In einer neuen Studie heißt es, sie integrieren sich besser als Männer. Die türkischstämmige Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir sagt, warum.

Berlin - Einwanderinnen sind die Gewinner der Integration in Deutschland. Das ist eine Erkenntnis aus der Studie "Neue Potenziale", die das Berlin-Institut vorgestellt hat. Eine dieser Integrationsgewinnerinnen ist Aynur Boldaz-Özdemir. SPIEGEL ONLINE hat mit der Berliner Unternehmerin über ihre eigenen Erfahrungen gesprochen.

Zur Person
  • Forever Clean
    Aynur Boldaz-Özdemir, 45, kam im Alter von 18 Jahren aus Ostanatolien nach Deutschland. Im Jahr 2000 gründete sie das Gebäudereinigungsunternehmen "Forever Clean". Inzwischen beschäftigt sie 400 Angestellte in Deutschland und der Türkei.

SPIEGEL ONLINE: Warum fällt es Frauen leichter als Männern, sich in Deutschland zu integrieren?

Boldaz-Özdemir: Migrantinnen sehen das Leben in Deutschland viel eher als eine Bereicherung für sich. Sie genießen die größere Freiheit, die sie hier haben. Deshalb begreifen Mädchen Bildung auch eher als eine große Chance. Sie sind ehrgeiziger als die Jungen.

SPIEGEL ONLINE: Unter türkischstämmigen Jungen ist dagegen die Schulabbrecherquote überdurchschnittlich hoch.

Boldaz-Özdemir: Das liegt zum Teil aber auch an Vorurteilen. Wenn ein türkischer Junge in der Schule Probleme macht, heißt es oft: 'Typisch Türke'. Sie fühlen sich benachteiligt und spielen erst recht verrückt. Viele brechen dann die Schule ab. Es gibt aber auch viele, die später ihren Abschluss nachholen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst sind erst mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen. Wie waren Ihre Erfahrungen als Zuwanderin in Berlin?

Boldaz-Özdemir: Es war ein Riesenschock für mich. Ich kam aus einem kleinen Dorf aus Ostanatolien und hatte gar keine Ahnung, wo ich hinkomme. Ich wusste nicht einmal, dass in Deutschland eine andere Sprache gesprochen wurde. Ich habe mich überhaupt nichts getraut, nicht einmal U-Bahn-Fahren. Dann wurde ich krank und der Arzt hat mir klargemacht, dass ich unbedingt Deutsch lernen muss. Nach einem Jahr in Berlin habe ich mich dann bei der Volkshochschule angemeldet und schon in sechs Monaten viel gelernt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich in Deutschland willkommen gefühlt?

Boldaz-Özdemir: Nicht wirklich. Ich musste fünf Jahre auf meine Arbeitserlaubnis warten. Als ich dann endlich als Reinigungskraft im Virchow-Krankenhaus anfangen durfte, war das die größte Freude in meinem Leben. Als ich mich dann selbstständig machen wollte, wurde ich bei einigen Ämtern unfreundlich behandelt. Oft wurde ich abgewiesen und vertröstet. Aber das sind Zeiten, die gehören der Vergangenheit an.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich seither verändert?

Boldaz-Özdemir: Gott sei Dank sieht Deutschland die Zuwanderung inzwischen als Bereicherung. Es werden endlich Integrations- und Sprachkurse angeboten.

SPIEGEL ONLINE: Was müssen Zuwanderer tun, damit die Integration noch besser gelingt?

Boldaz-Özdemir: Wir müssen aus der Opferrolle raus! Migranten müssen sich, wenn man sie lässt, noch mehr engagieren. Gleichzeitig gilt aber auch: Wenn wir uns große Mühe geben, wollen wir auch nicht benachteiligt werden. Ich sage: Deutschland ist mein Land, das ich über alles liebe - und ich würde mir wünschen, dass alle Migranten das so sehen.

Das Interview führte Christoph Sydow

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 18 Beiträge
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1. Ein sehr
cirrus51 17.06.2014
schönes Beispiel und zur Nachahmung empfohlen
2. Türkische Frauen haben in Deutschland halt mehr Freiheitsrechte
zoon.politicon 17.06.2014
Zitat von sysopDPAFrauen profitieren besonders von der Einwanderung nach Deutschland. In einer neuen Studie heißt es, sie integrieren sich besser als Männer. Die türkischstämmige Unternehmerin Aynur Boldaz-Özdemir sagt, warum. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/integration-frauen-integrieren-sich-in-deutschland-besser-a-973180.html
Da haben die in Deutschland einwandernden türkischen Männer sicher nicht damit gerechnet, dass sich ihre Frauen - allein schon auf Grund der Rechtslage in Deutschland - früher oder später emanzipieren. Kein Wunder, dass sich die türkischen Frauen leichter mit der Integration tun: sie gewinnen Rechte hinzu, wenn auch mit teils erheblichen Kämpfen innerhalb ihrer Familien.
3. Welch sexistischer Artikel
parsimony 17.06.2014
Hier zunächst aus der Studie zitiert: "Jeder fünfte aus der Türkei zugewanderte und noch in Deutschland lebende Mann und jede dritte Frau haben weder einen Schul- noch einen Berufsabschluss. Das ist mehr als in jeder anderen Migrantengruppe. Der Anteil hat sich weder bei den Männern noch bei den Frauen im Vergleich der Daten von 2005 zu 2010 stark verändert. Ein deutlicher Fortschritt ist dagegen in der Generation der in Deutschland geborenen Personen türkischer Abstammung zu beobachten. Der Anteil derjenigen ohne einen Bildungsabschluss beträgt dort nur noch einen Bruchteil desjenigen der ersten Migrantengeneration, während der Anteil derjenigen mit Hochschulreife deutlich steigt. Bemerkenswert ist, dass in Deutschland geborene türkische Mädchen die Bildungsbenachteiligung ihrer Mütter inzwischen deutlich besser kompensieren als die entsprechenden türkischen Jungen." Mir scheint hier eher erneut bestätigt worden zu sein, dass das deutsche Schulsystem Jungs benachteiligt.
4. optional
derigel3000 17.06.2014
Vielleicht sollte man mehr Frauen dieser Sorte ins Land lassen? Die Steinzeitmänner können dann in Anatolien einen auf Patriarch machen und die weltoffenen Frauen können sich hier eine schöne Existenz aufbauen.
5. Deutsche Ämter
hors-ansgar 17.06.2014
Als ich mich dann selbstständig machen wollte, wurde "...ich bei einigen Ämtern unfreundlich behandelt. Oft wurde ich abgewiesen und vertröstet." Das kann einem auch als Deutscher passieren. Viele Beamte und Behördenangestellte haben immer noch den Untertanen im Kopf, der zu kuschen hat oder aber den gewohnten Ablauf stört. Ist in anderen Ländern aber auch nicht besser. Vielleicht sollte man mal versuchen, die Beamten zu integrieren...in den wirklichen Arbeitsmarkt...aber das nur am Rande...
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Integration in Deutschland: Forscher sehen "neue Potenziale"

Das neue Integrationsprogramm
Fast 200 Seiten stark ist das Integrationsprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darin haben Experten die bestehenden Integrationsmaßnahmen zusammengefasst und Empfehlungen für die Weiterentwicklung gegeben. Ein Überblick:
Deutschkenntnisse
Der Bericht betont die Rolle von Deutschkenntnissen für die Integration. Die Angebote zur sprachlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten eng aufeinander abgestimmt sein - auch zwischen den verschiedenen Bundesländern. Empfohlen werden gemeinsame Angebote zum Deutschlernen für Eltern und ihre Kinder.
Integrationskurse
Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
Lehrer mit Migrationshintergrund
Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
Verbände
Sie sollten sich stärker für junge Migranten öffnen, rät der Bericht. Angeregt wird eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen und Migrantenorganisationen. Menschen mit Migrationshintergrund könnten dabei eine Art "Brückenfunktion" wahrnehmen, um junge Leute für die Verbandsarbeit zu gewinnen.

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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland

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Zugewanderte Akademiker: Die verhinderte Integration von Fachkräften

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.

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