Integration in Deutschland Türkischer Minister fordert Migranten zur Anpassung auf

"Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten an! Schickt eure Kinder auf die besten Schulen!": Mit einem eindringlichen Appell hat der türkische Europaminister Bagis seine Landsleute in Deutschland zu mehr Integration aufgerufen - mitten in dem heftigen Streit um die künftige Zuwanderungspolitik.

Türken in Berlin: "Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an!"
DPA

Türken in Berlin: "Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an!"


Berlin - Die Debatte um Integration in Deutschland ist aufgeheizt. Jetzt hat sich die türkische Regierung mit einem konstruktiven Aufruf in die Diskussion eingeschaltet: Der türkische Europaminister Egemen Bagis appellierte an seine Landsleute in Deutschland und alle Deutschen türkischer Herkunft, sich besser zu integrieren.

"Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten und Gebräuchen eures Gastlandes an", sagte er in der "Bild"-Zeitung. "Schickt eure Kinder auf die besten Schulen, damit sie eine Zukunft haben!" Der Minister forderte die Türken zugleich auf, die Gesetze zu achten , "denn wenn Ali oder Achmed Schlimmes tun, werden die Menschen nicht nach Namen suchen. Sie werden sagen: Der Türke war's!"

Die türkische Regierung stehe deshalb voll und ganz hinter der Idee der Integration "so wie wir für die Integration der Türkei in die EU sind". Der Minister: "Ihr müsst das Geschenk eurer Identität und eurer Kultur nicht aufgeben, sondern euch als Botschafter der Türkei verstehen."

Braucht Deutschland mehr Fachkräfte - auch aus der Türkei und arabischen Ländern? Nach den Äußerungen von CSU-Chef Horst Seehofer geht der Streit darüber weiter - auch aus den eigenen Reihen erntet Seehofer weiterhin Kritik.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, plädierte für eine engere arbeitsmarktpolitische Zusammenarbeit mit der Türkei. Diese sei auf längere Sicht ein gutes Partnerland für einen flexiblen Arbeitsmarkt, sagte Zimmermann dem "Hamburger Abendblatt". Er bezeichnete es als "schweres Missverständnis", zu glauben, Türken und Araber seien für den deutschen Arbeitsmarkt weniger tauglich.

FDP-Mann Vogel fordert deutlich mehr gesteuerte Zuwanderung

Auch Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) wandte sich gegen CSU-Chef Seehofers Forderung nach Zuzugsbeschränkungen für Türken und Araber. Es sei unerheblich, aus welchem Kulturkreis die Zuwanderer kommen, sagte er der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". Zugleich forderte er stärkere Bemühungen, hoch qualifizierte Zuwanderer nach Deutschland zu locken. Um diese müsse aktiv geworben werden, sagte Schünemann.

Auch der FDP-Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel hat Bayerns Ministerpräsidenten in der Zuwanderungsdebatte energisch widersprochen. "Wir benötigen nicht weniger, sondern erheblich mehr gesteuerte Zuwanderung. Der Wettbewerb um die klügsten Köpfe muss endlich ernst genommen werden", sagte Vogel der "Passauer Neuen Presse". "Deutschland ist leider im Moment nicht das bevorzugte Zuwanderungsland. Dabei brauchen wir Hochqualifizierte, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten", fügte Vogel hinzu. Zwar müsse auch alles daran gesetzt werden, "jedem Langzeitarbeitslosen eine Perspektive zu geben". Aber nicht jede freie Ingenieurstelle könne mit einem deutschen Arbeitslosen besetzt werden. "Mehr gesteuerte Zuwanderung nimmt niemandem etwas weg, sondern bringt neue Perspektiven auch für deutsche Arbeitnehmer", sagte Vogel.

Seehofer hatte in einem Interview gesagt, Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern täten sich schwerer bei der Integration. Daraus ziehe er den Schluss, "dass wir keine zusätzliche Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen brauchen".

Studie über Verhältnis zwischen Deutschen und Türken

Nach Auffassung der Grünen hat sich Seehofer beim Thema Islam völlig vergaloppiert. Fraktionschefin Renate Künast warf dem CSU-Chef in der "Neuen Osnabrücker Zeitung" vor, er gehe mit billigem Populismus auf Stimmenfang und dränge angesichts des Umfragetiefs seiner Partei darauf, die Zuwanderung aus anderen Kulturkreisen einzuschränken.

Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening sprach von "verheerenden Signalen" des CSU-Chefs, die die positiven Signale der Rede von Bundespräsident Christian Wulff, der den Islam als zu Deutschland gehörig bezeichnet hatte, zunichtemachten. "Die Seehofers und Sarrazins simplifizieren, polarisieren, grenzen aus", sagte Piening der "Frankfurter Rundschau". Bei solchen Debatten bestehe die Gefahr, "dass sich die Einwanderer angewidert abwenden und zu dem Ergebnis kommen, dieses Deutschland wird es niemals kapieren".

Rückendeckung erhielt Seehofer vom Integrationsbeauftragten der Unionsfraktion im Bundestag, Stefan Müller. "In der Tat sind relativ gesehen Muslime, vor allem türkische Muslime, schlechter integriert als andere", sagte der Geschäftsführer der CSU im Bundestag der Nachrichtenagentur dpa. Eine Änderung des Zuwanderungsrechts lehnte Müller trotz des Fachkräftemangels ab. "Unkontrollierte und massenhafte Zuwanderung hilft niemandem", sagte Müller.

Studie offenbart große Distanz zwischen Deutschen und Zuwanderern

Ähnlich die Haltung des innenpolitischen Sprechers der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Hans-Peter Uhl (CSU). "Wir brauchen die klügsten Köpfe und bekommen Analphabeten", sagte er dem "Kölner Stadt-Anzeiger" über die derzeitige Lage. Das müsse sich ändern.

Uhl wies darauf hin, dass kommendes Jahr ab dem 1. Mai 70 Millionen Menschen aus den Beitrittsländern Osteuropas Niederlassungsfreiheit in der EU genössen, davon 38 Millionen im erwerbsfähigen Alter. "Wie viele davon Gebrauch machen, weiß im Moment kein Mensch. Bevor wir aber noch weitere Menschen aus fremden Kulturkreisen zu uns holen, sollte man diese legale Völkerwanderung abwarten", forderte der CSU-Politiker.

Er äußerte sich zudem "empört über dieses ahnungslose Geschwafel, zum Teil auch von Leuten aus unserer Partei und von Arbeitgeberverbänden". Ihnen gehe es "um willige und billige Arbeitskräfte, die man dem Staat dann vor die Nase setzt zur Hartz-IV-Alimentation, wenn sie nicht mehr willig und billig sind". Zuwanderung sei "noch nie ein Geschäft für den Staat" gewesen.

Unterdessen offenbart eine neue Studie eine große Distanz zwischen Deutschen und Zuwanderern: Nach der Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wünschen sich junge Türken Kontakt zu Deutschen. Dagegen seien Türken bei deutschen Jugendlichen ausgesprochen unbeliebt, heißt es in der Studie, aus der die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. 40,9 Prozent der Türken sagten der Umfrage zufolge, sie fänden deutsche Nachbarn sehr angenehm. Deutsche Jugendliche fänden dagegen nur zu 9,2 Prozent türkische Nachbarn sehr angenehm, mehr als 38 Prozent würden türkische Nachbarn nicht mögen. Für die Untersuchung habe das Institut knapp 1600 türkischstämmige und mehr als 20.000 deutsche Jugendliche befragt.

anr/dpa/Reuters/dapd



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Seite 1
Geziefer 12.10.2010
1. Merkwürdig.
Zitat von sysop"Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten an! Schickt eure Kinder auf die besten Schulen!": Mit einem eindringlichen Appell hat der türkische Europaminister Bagis seine Landsleute in Deutschland zu mehr Integration aufgerufen - mitten in dem heftigen Streit um die künftige Zuwanderungspolitik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722553,00.html
Wozu bedarf es eines solchen Aufrufs eines türkischen Ministers aus der Türkei? Warum sind dazu die hiesigen Migrantenverbände nicht in der Lage?
nixda 12.10.2010
2. das Problem mit der Einwanderung
in der Schweiz haben wir das ähnliche Problem, dass unglaublich viele Deutsche in die Schweiz wollen. Entegen der Betäuerungen der Politiker kommen aber scheinbar nicht wirklich die Qualifizierten. Wir haben hier Einwanderer, die nach mehreren Jahren noch nicht mal eine Begrüssung in der Landessprache können. Häufigste Ausrede der Deutschen: "ach, wenn ich versuche Schweizerdeutsch zu reden klingt das so komisch". Mit dieser Ansicht dürfte ich ja weder Französisch noch Englisch sprechen.
ugt 12.10.2010
3. Uuuhhh ...
Zitat von sysop"Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten an! Schickt eure Kinder auf die besten Schulen!": Mit einem eindringlichen Appell hat der türkische Europaminister Bagis seine Landsleute in Deutschland zu mehr Integration aufgerufen - mitten in dem heftigen Streit um die künftige Zuwanderungspolitik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722553,00.html
Herr Seehofer schnell, jetzt hetzt der türkische Minister seine Landsleute gegen uns auf. Recht hat er der Herr Minister, einen besseren Rat kann er den Menschen auf der Welt nicht geben. "Passt Euch den Gegebenheiten an die ihr vorfindet" und nicht "Gebt eure Identität und eure Kultur auf"
deb2006, 12.10.2010
4. .
Zitat von sysop"Lernt Deutsch! Passt euch den Sitten an! Schickt eure Kinder auf die besten Schulen!": Mit einem eindringlichen Appell hat der türkische Europaminister Bagis seine Landsleute in Deutschland zu mehr Integration aufgerufen - mitten in dem heftigen Streit um die künftige Zuwanderungspolitik. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,722553,00.html
Wenn das der Erdogan wüsste ... Prinzipiell ok, wobei der Teufel im Detail steckt. So lange 'Botschafter der Türkei' bedeutet, dass man über die türkische Kultur informiert wird, ok. Botschafter des Islam lehne ich hingegen ab. Davon gibt es leider hierzulande schon viel zu viele. Gestalten wie z.B. die, die sich z.Z. in Mönchengladbach ausbreiten, braucht dieses Land nicht.
wasissn, 12.10.2010
5. Peinlich
Wahrscheinlich ist die deutsch-negierende Haltung der Nomenclatura Deutschlands selbst dem Ausland schon peinlich. Oder vielleicht haben sie auch nur Angst, dass auf diesem Boden der Selbst- und Realitätsverleugnung auf Dauer nur die Rechtsextremismus und Unfrieden hervorkommen.
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