Integration in Deutschland "Ich bin sehr wütend. Aber ich ziehe Kraft daraus"

Deutschland ist ihre Heimat, sie sind beruflich erfolgreich, man könnte sagen: gesellschaftliche Vorbilder. Trotzdem fühlen sich diese fünf Frauen manchmal unwohl. Warum? Und was müsste sich ändern?

Privat; Viviane Wild (R. UNTEN)

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Sie haben es geschafft. Diese fünf Frauen sind erfolgreich, sie haben erreicht, wovon viele andere träumen. Professuren, Doktortitel, leitende Positionen. Trotzdem fühlen sie sich manchmal unwohl, sind wütend oder enttäuscht von ihrer Heimat.

Sie alle haben eine Migrationsgeschichte, ein Elternteil oder beide kommen aus anderen Ländern: Ägypten, Tunesien, Korea, aus der Karibik oder der Türkei. Man sieht ihnen diese Geschichten an. Mit Folgen: Manche sprechen ihnen deswegen ab, Deutsche zu sein.

Hier erklären die fünf Frauen, welche Erfahrungen sie in der Vergangenheit gemacht haben - und wie sich Deutschland für sie heute anfühlt.

Riem Spielhaus, 44, ist Professorin für Islamwissenschaft an der Universität Göttingen und Leiterin der Abteilung Schulbuch und Gesellschaft am Georg-Eckert-Institut - Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung

 Riem Spielhaus

Riem Spielhaus

"Ich komme aus Ost-Berlin und bin in eine deutsche Familie geboren worden. Weil ich einen ägyptischen Vater hatte, wurde meine Zugehörigkeit infrage gestellt, das habe ich aber erst nach der Wende erlebt. In der Wahrnehmung vieler Westdeutscher war ich plötzlich Türkin.

Als ich drei Jahre alt war, brachten meine Eltern mich in Ost-Berlin in ein Musikensemble, in dem viele binationale Kinder waren. Das war ein ganz bunter Raum, von denen es damals in Ostdeutschland nicht viele gab. Geleitet wurde das Ensemble von einer jüdischen Kommunistin, Anni Sauer. Als sie mit 82 Jahren starb, erfuhren wir, dass sie 18 Jahre ihres Lebens in einem sowjetischen Gulag verbracht hatte. Mit Anni Sauer sangen wir Kinder in 18 Sprachen und musizierten auf Instrumenten aus aller Welt, für mich war das eine sehr wichtige und prägende Erfahrung der Anerkennung von Vielfalt.

Inzwischen werden rassistische Haltungen wieder offen gezeigt. Einzelne Gruppierungen äußern öffentlich den Wunsch, dass in Deutschland nur noch weiße Menschen leben dürfen sollen. Sie wollen keine Vielfalt. Gleichzeitig schafft unsere Regierung es nicht immer zu zeigen: Nicht-weiße Menschen gehören ganz normal dazu.

Dass die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özoguz, gegangen wurde, ohne eine ähnliche Person ins Kabinett zu nehmen, halte ich für hochproblematisch. Natürlich kann Annette Widmann-Mauz Politik für Menschen mit Migrationshintergrund machen.

Aber was war das für ein Zeichen? Ein AfD-Politiker fordert die Deportation einer Staatsministerin, und sie wird tatsächlich verbannt - zwar nicht außer Landes, aber sie kriegt einen Abflug aus der Regierung.

Angela Merkel hat von Anfang an hart dafür gearbeitet, dass Frauen in die Politik kommen. Sie hat Frauen als Staatssekretärinnen eingesetzt. Ohne irgendeine Quote zu fordern. Sie hat einfach gehandelt. Die Repräsentanz von Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund steht aber offenbar nicht auf Merkels Agenda.

Doch warum nimmt sich die SPD nicht dessen an? Viele würden ihr das hoch anrechnen. So aber werden viele potenzielle Wählerinnen und Wähler nicht vergessen, was gerade passiert. Niemand, der für Vielfalt steht, bekleidet derzeit einen höheren Posten auf Bundesebene. Keine Ministerin, kein Staatssekretär. Da ist gar nichts."


Sun-ju Choi, 49, ist Filmemacherin und Autorin, sie ist Gründungsmitglied der "neuen deutschen Organisationen", eines bundesweiten Netzwerks von Vereinen gegen Rassismus und für ein inklusives Deutschland

Sun-ju Choi
privat

Sun-ju Choi

"Ich bin nicht blond. Bei mir wird sofort kategorisiert und einsortiert. Anfangs merkt man das ja gar nicht, man wächst auf und denkt, man sei ganz normal. Sobald man sich jedoch in der Gesellschaft bewegt, und je höher man aufsteigt, desto spezifischer wird man auf die Hautfarbe reduziert.

Die Anschläge von Mölln und Rostock im Jahr 1992 sind für mich noch nicht so lange her. Danach gab es so etwas wie ein Rassismus-Bewusstsein. Aber seit den Terroranschlägen von 9/11 ist vieles schlimmer geworden. Das hat letztendlich zur AfD geführt.

Unter Integration verstehen fast alle, dass Menschen mit Einwanderungsgeschichte etwas für die Deutschen leisten müssten. Es wird als ein Mangel verstanden. Dabei ist es ein Segen und eine Chance.

Ich habe als Journalistin angefangen. Als Migrantin darf man sich keine grammatikalischen Fehler erlauben. Da wird man gefragt, wie man überhaupt dazu käme, die Texte anderer zu lektorieren. Als ich noch beim Fernsehen gearbeitet habe, sagte man mir: 'Mach doch mal was mit Asien.' Das ist mir ins Gesicht eingeschrieben.

Asiaten werden oft als Musterbeispiel vorgeführt. Weil sie scheinbar gut lernen und vernünftige Berufe ergreifen und nie aufmucken. Das ist aber irreführend. Denn es gibt auch Rassismen gegen asiatische Deutsche und Asiat*innen, Proteste und Widerstand dagegen, und auch viele nicht bewältigte Probleme und Konflikte.

Das größte Manko sehe ich in der Bildung. Das hat mit Zugang und Privileg zu tun. Es ist immer wichtig, woher die Eltern kamen - das meine ich aber nicht länderspezifisch, sondern klassenbezogen. Ich habe Akademiker-Eltern, es war klar, dass auch ich studiere. Ich bin privilegiert. Doch es ist wichtig, den Fokus auf Bildung für alle zu legen und die Zugänge zu erleichtern.

Ich denke, Rassismus hat es immer gegeben. Es ist nur die Frage, wie man damit umgeht. Eine Demokratie ist ja nicht das, was die Mehrheit entscheidet, sondern welche Lösungen man gemeinsam findet, damit alle teilhaben können."


Meltem Kulaçatan, 42, ist Politikwissenschaftlerin und Religionspädagogin

Meltem Kulacatan

Meltem Kulacatan

"Ich bin sehr wütend und entsetzt. Aus beiden Empfindungen kann ich jedoch auch eine Antriebskraft herausziehen: Demokratie und Freiheit sind schließlich keine Selbstläufer.

Für mich kam die AfD nicht überraschend. Antimuslimische Ressentiments, Fremdenhass und politische Strömungen, die bis dahin Unsagbares legitimierten, gab es bereits zuvor. Trotzdem war ich unglaublich demoralisiert, als sie mit mehr als zwölf Prozent in den Bundestag eingezogen sind. Das ist schließlich ein Statement. Da sind Menschen dabei, die wirklich faschistoid sind, die nazistische Parolen brüllen. Denen hätte ich in dem Moment wirklich gern zugerufen: Ihr kriegt unser Land nicht.

Momentan werden soziale Abstiegsängste gegen Geflüchtete ausgespielt. Das finde ich unsäglich.

Wenn wir in meiner Kindheit in den Sommerferien in Izmir an der Ägais waren, wurde an unserem Tisch Türkisch, Farsi, Deutsch, Englisch und Italienisch gesprochen. Das war ganz normal. So bin ich mit einer inneren Kartografie aufgewachsen, die über nationalstaatliche Kontexte hinausging.

Ich zögere aber zu sagen, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Schließlich bin ich in Deutschland geboren. Aber meine migrationsbiografischen Erfahrungen sind trotzdem wichtig für mich. Meine Eltern stammen aus der Türkei, haben aber unterschiedliche Herkunftskontexte. Meine Großmutter väterlicherseits war Jüdin, meine Mutter ist Muslimin.

Ich dachte als Kind immer, die Welt sehe aus blauen Augen anders aus, schöner, besser, behüteter. Ich habe als sehr junges Mädchen gespürt, dass anders mit einem umgegangen wird.

Während meiner Jugend gab es eine Zeit, da habe ich den türkischen Teil in mir ganz stark abgelehnt. Ich wollte deutscher sein als deutsch. Ich dachte immer, das würde meine Suche nach meinem Platz in der Welt vereinfachen.

Ich war als Jugendliche auf einer katholischen Mädchen-Realschule und hatte eine Lehrerin, die uns das Wort 'Emanzipation' mit Kreide auf die Tafel schrieb. Sie fragte, ob wir wüssten, was das bedeute. 'Nö', haben wir gesagt. Und sie sagte uns: 'Das heißt, ihr könnt alles werden, was ihr wollt.' Anwältinnen, Ärztinnen. Das war für mich ein Schlüsselmoment: Wenn jemand dir sagt, du kannst alles werden, unabhängig von deiner Herkunft und deinen finanziellen Ressourcen, das löst viel aus."


Susanna Steinbach, 39, Geschäftsführerin der Türkischen Gemeinde in Deutschland

 Susanna Steinbach
VIVIANE WILD

Susanna Steinbach

"Mit dem Aufstieg der AfD ist vieles wieder sagbar geworden. Unser Vorsitzender erhält Briefe mit Klarnamen, auf Briefpapier, von Angehörigen des deutschen Adels. Die schreiben, dass sie es richtig finden, dass die AfD im Bundestag sitzt. Wie sich unser Vorsitzender als Türke denn erdreisten könne, sich zur politischen Lage in Deutschland zu äußern.

Das ist keine sogenannte schweigende Mehrheit, sondern eine sehr laute Gruppe. Ihr wird in der Politik und der Berichterstattung viel Macht gegeben. Das muss man sich mal überlegen: Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund machen 20 bis 30 Prozent der Gesellschaft aus. Aber wenn man über Ängste spricht, redet man meist über die Ängste der AfD-Wähler. Deshalb ist das Land nach der Wahl nach rechts gerückt.

Lange Zeit habe ich gedacht, man könne Ressentiments abbauen, indem man sich begegnet, sich austauscht. Aber können wir die AfD-Wähler noch erreichen? Es steckt schließlich auch viel Demokratieskepsis dahinter.

Im Moment ist die Frage ja auch, wie sehr gilt das Grundgesetz für Menschen, die nicht rein-weiß-deutsch markiert sind? Gibt es einen funktionierenden Diskriminierungsschutz? Gerade mit der türkischen Community in Deutschland gab es immer wieder Brüche. Solingen, oder der NSU. Der Aufstieg der AfD reiht sich dort ein wenig ein. Die türkische Community hat immer eher schon eine Ausgrenzung, keine Einbindung, erlebt.

Wir müssen mehr Repräsentanz und Teilhabe erreichen. Es gibt ein Bild: Kleine und große Menschen wollen über einen Zaun gucken. Vor ihnen stehen Kisten unterschiedlicher Größe. Darüber steht: Gleichbehandlung ist nicht Gerechtigkeit. Würde man nämlich allen die gleiche Kiste hinstellen, könnten trotzdem nur die großen Menschen über den Zaun gucken. Soll heißen: Wir müssen mutiger werden und spezifische Förderinstrumente schaffen, um die Sichtbarkeit von nicht-weißen Menschen in diesem Land zu erhöhen."


Soufeina Hamed, 28, ist Comic-Zeichnerin und Psychologin

Soufeina Hamed

Soufeina Hamed

"Ich habe eigentlich gar keine Lust mehr auf die Debatte über meine Religion. Seit ich klein bin, ist das 'Anderssein' ein Thema. Aber im Grunde ist es eine Scheindebatte. Wir diskutieren seit Jahren darüber, und es geht nichts voran. In Deutschland leben und arbeiten so viele Menschen, die zu unserer Gesellschaft täglich beitragen und gern mehr beitragen würden. Doch ständig diese Debatte führen zu müssen, lenkt davon ab, sich als Teil der Gesellschaft zu verstehen und sein Bestes zu geben. Das finde ich schade.

In den letzten Jahren sind die Hemmungen gefallen. Ich habe gerade mit meinem Mann ein Jahr in Irland verbracht. In Dublin gab es über mein Aussehen, meine Herkunft, und darüber, dass ich ein Kopftuch trage, einfach keine breitgetretenen Diskussionen. Das war auch psychisch echt eine Auszeit für mich.

Als ich wieder hier war, habe ich sofort gemerkt: Da ist es wieder, das alte Thema. Es ist immer präsent. Sobald ich auf der Straße bin, frage ich mich, wie die Menschen um mich herum auf mich reagieren. Mittlerweile versuche ich, die Debatte eher zu ignorieren - auch aus Gründen der psychischen Hygiene. Stattdessen versuche ich, meine Energie für Dinge zu nutzen, von denen ich glaube, dass sie uns tatsächlich voranbringen.

Beim Thema Integration habe ich ein ähnliches Gefühl: Wir reden viel darüber, aber eigentlich daran vorbei. Wir sind in der Regierung zum Beispiel überhaupt nicht repräsentiert. Das kann doch eigentlich nicht sein.

Doch das Problem beginnt viel früher, bereits in der Schule. Dort fängt Integration schließlich an. Wenn ich mich aber mit keinem meiner Lehrer identifizieren kann, mich nicht in den Bildern aus Schulbüchern wiederfinde und auf dem Schulhof Diskriminierung erfahre, ist das ein Problem. Schließlich brauche ich ein faires Umfeld, um meine Stärken bestmöglich zu entfalten.

Bei uns an der Schule in Berlin-Wedding waren gefühlt 90 Prozent der Schüler nicht-weiß-deutscher Herkunft, aber 100 Prozent der Lehrer und Lehrerinnen weiß. Ein Freund von mir ist schwarz und Lehrer. An der Schule, an der er gearbeitet hat, wurde er gefeiert wie ein Rockstar. Es war endlich jemand da, mit dem man sich identifizieren konnte, jemand der gezeigt hat: Auch du kannst in eine Entscheiderposition vorrücken und einen wichtigen Platz in unserer Gesellschaft einnehmen. Solche Vorbilder sind sehr wichtig."

Im Video: Deutsch-Türken in Zeiten des Özil-Rücktritts

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