Integrationsdebatte Aufbruch zum Marsch durch die Institutionen

Warum werden in Deutschland so wenig Ausländer zu Inländern? Die türkischstämmigen Einwanderer brauchen einen Impuls wie die 68er-Revolte, fordert der Grüne Cem Özdemir. Die Protagonisten eines solchen Aufstandes gibt es längst.


Brüssel - Am Sonntag fand die Trauerfeier für die türkischen Opfer der Brandkatastrophe in Ludwigshafen statt. Nicht nur der türkische Ministerpräsident Erdogan hielt eine Ansprache, auch der Oppositionsführer Deniz Baykal war eigens aus Ankara eingeflogen. Man kann darüber streiten, ob eine Trauerfeier im Angesicht der traumatisierten Hinterbliebenen tatsächlich der richtige Ort für ein Plädoyer für das Erlernen der deutschen Sprache ist. Jedenfalls beruhigten Erdogan wie auch Baykal die Gemüter und warben für ein friedliches Zusammenleben und die Integration "ihrer" Landsleute in Deutschland.

Türkischer Ministerpräsident Erdogan in der Kölnarena: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"
DDP

Türkischer Ministerpräsident Erdogan in der Kölnarena: "Verbrechen gegen die Menschlichkeit"

Mitte der neunziger Jahre flog ich mit einer Delegation des Bundestages nach Usbekistan und Kasachstan. Es ging zu "unseren" deutschen Brüdern und Schwestern, deren Vorfahren sich im 18. Jahrhundert auf Einladung der Zarin Katharina der Großen im damaligen Russland niederließen. Diese Auswanderer waren zumeist Bauern gewesen, die in Russland das fruchtbare, aber brachliegende Land nutzbar machen sollten. Wir besuchten das Deutsche Haus, lauschten deutschem Liedgut und bewunderten deutsche Trachten - mehr als 200 Jahre, nachdem die erste Generation dieser Auswanderer ihre ursprüngliche Heimat verlassen hatte.

Was haben diese beiden Episoden mit dem Streit um die Rede Erdogans in Köln vor 16.000 Menschen zu tun? Viel mehr, als manche wahrhaben wollen und uns recht sein kann. Denn zum einen offenbart sich die Heuchelei der Union, die für sich selbst in Anspruch nimmt, die Interessen der ethnisch Deutschen im Ausland zu vertreten, dies aber einem türkischen Ministerpräsidenten offenbar nicht zugestehen will.

Zum anderen zeigt sich aber auch, dass die Deutsch-Türken tatsächlich die Aussiedler der Türkei werden könnten. An der Tatsache, dass es selbst in der vierten Generation nicht wenige geben dürfte, die (nur) türkische Staatsbürger sind, kann ein Integrationspolitiker verzweifeln. Die Vorstellung, dass in 200 Jahren türkische Politiker nach Deutschland kommen, um türkischem Liedgut zu lauschen und türkische Trachten zu bewundern, mutet jedoch bizarr an. Dabei hat die Türkei schon einen "Aussiedlerbeauftragten". Mustafa Yazicioglu ist für die im Ausland lebenden Türken zuständig. Doch hat sein Ministerpräsident die Angelegenheit diesmal zur Chefsache erklärt.

Die Diskussion um Erdogans Rede führt ins Abseits

Im Vorfeld der Veranstaltung in Köln wurde bemängelt, dass fast ausschließlich mit Plakaten in türkischer Sprache geworben wurde. Tatsächlich hätte der Veranstalter hier mehr Sensibilität an den Tag legen können. Hinterher wurde jedoch auch noch kritisiert, dass Erdogan es auf deutschem Boden gewagt habe, eine Rede in türkischer Sprache zu halten. Es muss mir entgangen sein, dass deutsche Regierungsvertreter bei Auslandsbesuchen ihre Ansprachen immer in der jeweiligen Landessprache halten.

Doch führt die Diskussion um Erdogans Rede ins Abseits. Die entscheidende Frage ist doch nach wie vor: Warum werden in Deutschland so wenige Ausländer zu Inländern? Warum muss Angela Merkel ausdrücklich klarstellen, dass sie auch die Bundeskanzlerin der Deutschtürken ist? Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass selbst in Deutschland geborene Jugendliche den Ministerpräsidenten eines Landes sehen wollen, das sie selbst nur vom Urlaub kennen dürften. Offenbar fühlen sie sich bei einer solchen Veranstaltung wohler und besser akzeptiert als bei einem Parteitag der CDU - was angesichts des Wahlkampfs dieser Partei in Hessen auch nicht verwunderlich ist.



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