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Integrationsdebatte: Einmal Einwanderer, immer Ausländer

Ein Kommentar von

Wie schön, mal wieder eine Integrationsdebatte! Damit lässt sich Stimmung machen, damit gewinnt man Wähler. Um echte Fortschritte in der Zuwanderungspolitik geht es dabei nicht. Im Gegenteil. Die Wahrheit ist doch: Deutschland wird seine Furcht vor dem Fremden nicht los.

Migrantinnen in Deutschland: Integrationsdebatte ohne Arroganz und Hysterie Zur Großansicht
dapd

Migrantinnen in Deutschland: Integrationsdebatte ohne Arroganz und Hysterie

Über dieses Lob kann ich mich regelmäßig aufregen: "Sie sprechen aber gut Deutsch!" Ich weiß nicht, wie oft mir Leute in Deutschland das voller Erstaunen gesagt haben. Und ich befürchte, dass ich das noch häufiger in meinem Leben ertragen muss. So ist das wohl, wenn man sichtbar fremde Wurzeln hat.

Das Lob mag aufrichtig nett gemeint sein. Aber es vermittelt eine Botschaft: Du kannst dich noch so sehr um Integration bemühen, die Sprache beherrschen, so richtig gehörst du nicht hierher.

Anders formuliert: Man kann machen, was man will, eine umfassende Integration, wie sie derzeit mal wieder so gern und laut eingefordert wird, ist überhaupt nicht möglich. Offensichtlich ist, entgegen der deutschen Lebensrealität, noch nicht allgemein akzeptiert, dass Deutschsein schon lange nichts mehr mit Hautfarbe und erst recht nichts mehr mit Abstammung, mit dem "Recht des Blutes" zu tun hat.

Viele hängen hierzulande noch der Welt von vorgestern nach: Sie denken in der Kategorie des Volksstammes. Und fürchten nichts so sehr wie "Überfremdung".

In dieser Welt bleibt man als Nachfahre von Einwanderern immer der Türke, der Italiener oder, in meinem Fall, der Pakistaner oder der Inder. Und man gewöhnt sich daran, dass alle Jahre wieder gefordert wird, "die Ausländer" sollten sich besser integrieren. Mal heißt es dann, sie sollen endlich die Sprache lernen, dann wieder eine "Leitkultur" anerkennen. Mal sind sie kriminell oder jetzt sogar, und da muss man dann doch schlucken, genetisch irgendwie minderwertig.

Man nimmt diesen Unsinn hin wie all das Gerede der Politiker. Und erwidert besser nichts, sonst gilt man als wehleidig. Kritisiert man doch, kommt sofort: "Menschen wie Sie sind doch gar nicht gemeint!"

Freundlichkeit klingt trotzdem anders.

Ausländische Wurzeln und hochqualifiziert? Nichts wie weg!

Deutschland bräuchte eine ernst gemeinte und vor allem konstruktive Integrationsdebatte. Frei von Arroganz und Hysterie und Selbstverliebtheit, ohne Forderungen von oben herab, geprägt von der - eigentlich selbstverständlichen - Erkenntnis, dass es nicht nur eine Verpflichtung des Einwanderers, sondern auch eine Bringschuld der Gesellschaft gibt (letzteres wird ja gern verschwiegen, sie ist bislang noch von keiner Regierung erfüllt worden).

Es geht nicht darum, die Augen zu verschließen vor Problemen wie Parallelgesellschaften und ein Abgleiten sozial schwacher und nicht integrierter Jugendlicher in die Kriminalität. Die Abschiebung von "Hasspredigern" widerspricht keineswegs einer menschenfreundlichen Integrationspolitik - sehr wohl aber dieses Begleitpoltern, dieses Stammtischgegröle von Politikern, denen keine Aussage zu primitiv ist, um bei ihren Wählern zu punkten.

Die Debatte müsste stattdessen geprägt sein von dem Gedanken, dass man Menschen, die ein Interesse an einem Leben in Deutschland haben, die Hand reicht.

Gerade jetzt, wo es wieder heißt, es gebe einen Fachkräftemangel und man sei auf Zuwanderung angewiesen. Menschen aus anderen Ländern sind keine beliebig verfügbare Ressource, auf die man zugreifen und die man rauswerfen kann, gerade so wie man es braucht. Die "Greencard für IT-Fachkräfte", im Jahr 2000 von Kanzler Gerhard Schröder angekündigt, lockte gerade mal ein paar tausend Menschen nach Deutschland - viel weniger als erwartet.

Aber verwundert das? Glaubt man ernsthaft, die Welt würde die tief sitzende deutsche Ablehnung gegenüber allem Fremden nicht spüren? Warum kehren wohl immer mehr Hochqualifizierte mit ausländischen Wurzeln, allesamt gut integriert, Deutschland den Rücken?

Sarrazin und Co. ahnen gar nicht, wie sehr sie ihrem Land schaden.

Eine konstruktive Integrationspolitik? Fehlanzeige

Aber offensichtlich will ein Teil der Bevölkerung das gar nicht: Fremden die Hand reichen. Lieber erhebt man die Hand zum Stoppsignal, oder wie soll man sonst die Zustimmung zu Thilo Sarrazins kruden Theorien interpretieren? In Tausenden von Leserbriefen, Beiträgen in Internetforen und sonstigen Meinungsbekundungen heißt es: Eigentlich habe der Sarrazin doch recht, "das wird man ja wohl noch sagen dürfen".

Mit Verlaub, womit hat er recht? Mit seiner merkwürdigen Vererbungslehre? Oder mit seiner generellen Feststellung, dass es Probleme bei der Integration gibt? Das eine ist ein unfassbarer Unsinn, das andere bestreitet doch niemand - nachdem jahrzehntelang keine Integrationspolitik betrieben wurde und manch ein Politiker bis heute nicht wahrhaben will, dass Deutschland schon längst ein Einwanderungsland ist.

Nein, die Art und Weise der jetzigen Debatte entlarvt, dass gar kein Interesse besteht an einer konstruktiven Integrationspolitik in Deutschland.

Wer die Ursachen von Problemen auf die Gene zurückführt, sagt damit, dass sich das Problem nicht lösen lässt - außer man wird all diese Menschen mit eben jenen "minderwertigen" Genen los. Integrationspolitiker befassen sich lieber mit dem Burka-Verbot. Als wäre das ein echtes Problem in Deutschland.

Meine Familie hat 16 Jahre für die deutsche Staatsbürgerschaft kämpfen müssen. Ich stand mehrmals kurz vor der Ausweisung, war ein "geduldeter" Ausländer, obwohl ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin.

Der Mief der achtziger Jahre ist glücklicherweise verschwunden, Deutscher zu werden ist leichter geworden.

Es wäre schade, wenn sich dieser Geruch wieder übers Land legt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 892 Beiträge
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1. Wen wunderts eigentlich
jocurt1 23.09.2010
Zitat von sysopWie schön, mal wieder eine Integrationsdebatte! Damit lässt sich Stimmung machen, damit gewinnt man Wähler. Um echte Fortschritte in der Zuwanderungspolitik geht es dabei nicht. Im Gegenteil. Die Wahrheit ist doch: Deutschland wird seine Furcht vor dem Fremden nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718469,00.html
wir kommen ja auch nicht mit uns selbst zwischen Norden und Süden, Osten und Westen klar. Eine große Zahl der "Unfreundlichkeiten" die jetzt Einwanderer der 2 und 3. generation treffen pflegen wir doch wirklich herzlich zwischen Ost und West. Für einen aus dem Osten ist das ein tolles Dejavu.
2. Globalgalaktisch
DJ Doena 23.09.2010
Zitat von sysopWie schön, mal wieder eine Integrationsdebatte! Damit lässt sich Stimmung machen, damit gewinnt man Wähler. Um echte Fortschritte in der Zuwanderungspolitik geht es dabei nicht. Im Gegenteil. Die Wahrheit ist doch: Deutschland wird seine Furcht vor dem Fremden nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718469,00.html
Das egal, wie man zu der Thematik an sich steht: Tut doch bitte nicht immer so, als ob das ein deutsches Phänomen wäre. Als ob die weißen Amis die Hispanics mögen würden. Oder die Polen die einwandernden Weißrussen. Oder ...
3. Whoops
DJ Doena 23.09.2010
Zitat von DJ DoenaDas egal, wie man zu der Thematik an sich steht: Tut doch bitte nicht immer so, als ob das ein deutsches Phänomen wäre. Als ob die weißen Amis die Hispanics mögen würden. Oder die Polen die einwandernden Weißrussen. Oder ...
Das "Das" bitte streichen.
4. .
frubi 23.09.2010
Zitat von sysopWie schön, mal wieder eine Integrationsdebatte! Damit lässt sich Stimmung machen, damit gewinnt man Wähler. Um echte Fortschritte in der Zuwanderungspolitik geht es dabei nicht. Im Gegenteil. Die Wahrheit ist doch: Deutschland wird seine Furcht vor dem Fremden nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718469,00.html
Furcht vor Ausländern? Lebe ich in einem anderen Land als so viele andere Deutsche? Ich kenne diese Furcht vor Ausländern nicht. Ich kenne höchstens die Furcht vor gewaltbereiten Menschen, egal woher diese ursprünglich stammen. Mir ist es doch letztlich egal, ob mir nun ein Deutscher oder ein Türke eins auf die Mütze gibt. Ehrenmorde geschehen nur durch Ausländer und Amokläufe nur durch Ur-Deutsche. Beides sind Verbrechen deren Bedeutung nicht durch die Herrkunft der Täter oder das eigentliche Motiv bewertet werden sollten. Diese Debatte in den letzten 4 Wochen hat mich zunehmend verstört. Müssen jetzt alle Türken Lederhosen tragen und Spätzle futtern damit wir Sie aktzeptieren? Was machen wir Deutsche denn wenn wir auswandern? Gewöhnen wir uns an traditionelle Speisen und Gewohnheiten oder suchen wir nicht auch zuerst den Kontakt zu unseren Landsleuten vor Ort? Achten deutsche Frauen in Dubai darauf, dass ihre Brüste nicht aus dem knappen Bikini fallen? Nicht falsch verstehen. Gegen Einwanderungsgesetze im Stile der USA und Kanada hätte ich nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Härtere Einwanderungsgesetze könnten durchaus hilfreich sein. Jedoch dürfen wir die hier lebenden deutschen Staatsbürger mit Migrationshintergrund nicht an die Wand stellen. Deren Erfolg liegt in unserem Interesse. Daran sollten wir arbeiten. Es bringt daher nichts über "die Türken" zu reden weil sich damit die deutschen Staatsbürger mit Wurzeln in der Türkei ebenfalls angesprochen fühlen. Das wäre, wenn wir in einer ähnlichen Situation wären, bei uns auch nicht anders.
5. ttt
everhard, 23.09.2010
Zitat von sysopWie schön, mal wieder eine Integrationsdebatte! Damit lässt sich Stimmung machen, damit gewinnt man Wähler. Um echte Fortschritte in der Zuwanderungspolitik geht es dabei nicht. Im Gegenteil. Die Wahrheit ist doch: Deutschland wird seine Furcht vor dem Fremden nicht los. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,718469,00.html
Na und? Und wie ist es denn mit den Einwanderern? Werden die ihre Furcht vor Deutschen los? Die Wahrheit ist doch, daß die Einwanderer sich abschotten, sich furchtsam weigern, wirklich deutsch zu werden und sich generationenlang an ihre Heimatkultur klammern. So wird eben ein Schuh heraus. Mit dem Unterschied, daß wir dies hier unser Land ist, und nicht das der Einwanderer. Sie sind herzlich willkommen mitzumachen. Aber dann bitte richtig!
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Zeitleiste: Chronik der Integration in Deutschland

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.
Einkommensschwelle
Keine Probleme haben Forscher und leitende Angestellte, die so viel verdienen, dass sie die Beitragsbemessungsgrenze der allgemeinen Rentenversicherung erreichen. Sie liegt in diesem Jahr bei 66.000 Euro. Diese Hochqualifizierten erhalten sofort eine sogenannte Niederlassungserlaubnis, die ihnen die gleichen Rechte zugesteht wie deutschen Arbeitnehmern. Auch ihre Familienangehörigen dürfen arbeiten.
Vorrangsprinzip
Fachkräfte mit weniger lukrativen Stellen müssen sich weiterhin dem "Vorrangsprinzip" unterwerfen. Sie bekommen den Job nur, wenn die Bundesarbeitsagentur feststellt, dass es keinen deutschen Bewerber dafür gibt. Ihr Aufenthalt wird befristet. Erst nach drei bis fünf Jahren können sie mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen.
Selbständige
Selbständige können ohne Probleme zuwandern, wenn sie mindestens 250.000 Euro investieren und fünf Arbeitsplätze schaffen. Wer dies nicht leisten kann, muss darauf setzen, dass seinem Projekt ein "übergeordnetes wirtschaftliches Interesse" attestiert wird.
Studenten
Ausländische Studenten dürfen 90 ganze oder 180 halbe Tage arbeiten. Nach ihrem Studium können sie ihre Aufenthaltserlaubnis um ein Jahr verlängern, um einen qualifizierten Arbeitsplatz zu finden.
Blue Card
Mit der europäischen "Blue Card" werden ab 2011 die Anforderungen nochmals gesenkt. Fachkräfte aus Drittstaaten müssen einen mindestens ein Jahr geltenden Arbeitsvertrag vorlegen. Darin sollte ein Bruttogehalt vorsehen sein, das 1,5 mal höher liegt als das Durchschnittseinkommen des Mitgliedstaates. In Deutschland wären das nach aktuellem Stand 42.000 Euro.

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Integration: Migranten in deutschen Firmen
Das neue Integrationsprogramm
Fast 200 Seiten stark ist das Integrationsprogramm des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Darin haben Experten die bestehenden Integrationsmaßnahmen zusammengefasst und Empfehlungen für die Weiterentwicklung gegeben. Ein Überblick:
Deutschkenntnisse
Der Bericht betont die Rolle von Deutschkenntnissen für die Integration. Die Angebote zur sprachlichen Bildung in Kindertageseinrichtungen und Schulen müssten eng aufeinander abgestimmt sein - auch zwischen den verschiedenen Bundesländern. Empfohlen werden gemeinsame Angebote zum Deutschlernen für Eltern und ihre Kinder.
Integrationskurse
Der Bericht empfiehlt, die Integrationskurse mehr zu nutzen, um die Teilnehmer für den Arbeitsmarkt fit zu machen. So sollten Migranten stärker auf berufsbezogene Deutschkurse im Anschluss an den Integrationskurs hingewiesen werden. Zudem müsse darauf geachtet werden, dass nicht zu viel Zeit vom Abschluss des Integrationskurses bis zu einem Eintritt in den Beruf vergehe.
Lehrer mit Migrationshintergrund
Die Experten plädieren dafür, mehr Lehrer mit ausländischen Wurzeln zu gewinnen. Sie seien an deutschen Schulen immer noch die Ausnahme. Sie könnten Kenntnisse in Herkunftssprachen und Einblicke in andere Traditionen und Kulturen in den Unterricht einbringen. Damit die Aufnahme eines Studiums - auch auf Lehramt - nicht am Geld scheitert, werden Stipendienprogramme angesprochen.
Verbände
Sie sollten sich stärker für junge Migranten öffnen, rät der Bericht. Angeregt wird eine stärkere Zusammenarbeit mit Schulen und Migrantenorganisationen. Menschen mit Migrationshintergrund könnten dabei eine Art "Brückenfunktion" wahrnehmen, um junge Leute für die Verbandsarbeit zu gewinnen.


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