Integrationsdebatte Merkel hat Sarrazins Buch nicht gelesen

Einem hat die Integrationsdebatte schon jetzt genutzt: Buchautor Thilo Sarrazin, der bei der aktuelle Auflage von 650.000 Exemplaren siebenstellig verdienen soll. Das Buch findet reißenden Absatz. Allerdings hat sich jetzt auch eine prominente Nichtleserin geoutet - Angela Merkel.

Sarrazin signiert sein Buch: Kanzlerin Merkel reichen schon "These, Kern und Intention"
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Sarrazin signiert sein Buch: Kanzlerin Merkel reichen schon "These, Kern und Intention"


Frankfurt/Main - Bundeskanzlerin Angela Merkel sagt es immerhin offen und ehrlich: Sie hat das Buch, über das die ganze Nation seit zwei Wochen streitet, nicht gelesen. Es hätten ihr die Vorabdrucke von Thilos Sarrazins Werk gereicht, erklärt die CDU-Chefin, um "These, Kern und Intention seiner Argumentation" zu erfassen.

Gleichzeitig verteidigte sie ihr Verhalten im Fall Sarrazin. Sie hatte das Buch "diffamierend" und "nicht hilfreich" genannt. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte die Kanzlerin, die Integration von Einwanderern sei ihr "seit langem ein Herzensanliegen". Thilo Sarrazin habe es durch den "Kern seiner Aussagen" nicht leichter, sondern schwerer gemacht, "nicht zu bestreitende Integrationsprobleme zu benennen".

Eine Gefährdung der Meinungsfreiheit sah Frau Merkel angesichts der Kritik an Sarrazins Buch und dessen Rückzug aus der Bundesbank nicht. Es handele sich um "die Bewertung eines Zusammenhangs mit öffentlich-rechtlichen Funktionen". Die Bewertung habe die Bundesbank "in ihrer Unabhängigkeit" vornehmen müssen.

Sarrazins Verlag jubelt

Wie viele Nichtleser sich wie die Kanzlerin an der Debatte über Sarrazins Thesen beteiligen, lässt sich nicht abschätzen, genaue Zahlen gibt es jetzt aber immerhin über den Absatz des Buchs. Der Vorstandsvorsitzende der Gütersloher Bertelsmann AG hat sich geradezu begeistert vom Verkaufserfolg des Buchs gezeigt. Die Druckauflage von "Deutschland schafft sich ab" liegt aktuell bei 650.000 Exemplaren.

"Das freut uns", sagte Hartmut Ostrowski der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Das Buch verkauft sich derzeit in rasanter Geschwindigkeit: Noch am vergangenen Dienstag hatte Bertelsmann die gedruckte Auflage auf 400.000 Exemplare beziffert. Der Autor Sarrazin wird für sein Buch nach Einschätzung von Marktbeobachtern vom Verlag ein Honorar in siebenstelliger Höhe erhalten, oder wie es Ostrowski in der "FAS" formulierte: "Der Autor erhält ein normales Autorenhonorar mit einer üblichen Absatzkomponente."

oka/APN/dpa



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