Integrationsdebatte Sager warnt vor Generalverdacht gegen Muslime

Die Fraktionschefin der Grünen, Sager, hat davor gewarnt, alle Menschen muslimischen Glaubens als reaktionäre Hinterwäldler darzustellen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat vor der heutigen Kölner Großdemonstration gegen den Terror eine größere politische Teilhabe gefordert, um die Integration zu verbessern.


Sager: "Man darf nicht 3,5 Millionen Muslime unter Terrorismusverdacht stellen"
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Sager: "Man darf nicht 3,5 Millionen Muslime unter Terrorismusverdacht stellen"

Köln - "Wir können nicht, wenn wir bestimmte Entwicklungen in konservativen Familien kritisch diskutieren, sämtliche Menschen, die muslimischen Glaubens sind, wie reaktionäre Hinterwäldler darstellen", sagte Krista Sager heute im Deutschlandfunk. Die Grünen-Politikerin sagte weiter, es gebe zwar Probleme und auch Verhaltensweisen von manchen Muslimen, die man nicht akzeptieren könne und mit denen man sich auseinander setzen müsse. "Aber man darf nicht 3,5 Millionen Muslime unter Terrorismusverdacht stellen."

Man dürfe nicht den Fehler machen, gewaltbereiten muslimischen Fanatikern wie auch gewaltbereiten ausländerfeindlichen Menschen das Gefühl zu geben, dass ihre Handlungsweise von einer Stimmung gedeckt werde. Das Denken und das Vorgehen dieser Menschen dürfe nicht geduldet werden. Dafür wäre aber mehr Respekt und Würde im gegenseitigen Umgang nötig, sagte Sager.

In der Vergangenheit seien viele Fehler gemacht worden, "weil man immer so getan hat, als wenn diese Menschen, die zu uns gekommen sind, einfach verschwinden würden". Zur Überwindung der Integrationsprobleme müsse Einwanderern eine wirkliche Chance eingeräumt werden, die deutsche Sprache zu lernen. So gebe es beispielsweise viel mehr Nachfrage als Angebote bei Sprachkursen wie auch bei Kinderbetreuung mit sprachlicher Förderung.

Zugleich schlug Sager vor, die Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten anzubieten. Den Vorschlag eines islamischen Feiertags in Deutschland lehnte Sager ab. Man müsse zu mehr Gemeinsamkeit kommen und nicht sagen "jeder kriegt seins und dann ist ja jeder gut bedient", sagte die Grünen-Politikerin.

Zentralrat fordert mehr politische Teilhabe

Die Muslime in Deutschland fordern eine größere politische Teilhabe, um die Integration zu verbessern. Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Nadeem Elyas, sagte der in Kassel erscheinenden "Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen", Sprachförderung sei nur ein erster Schritt. Man müsse auch mehr Mut haben, Muslime in die Parteien aufzunehmen und sie zur Mitwirkung in der Kommunalpolitik und in Rundfunkräten zu ermutigen.

Notwendig seien auch die Einführung von islamischem Religionsunterricht an deutschen Schulen und Lehrstühle für Lehrer und Akademien für Imame. Bislang werde aber in Deutschland alles getan, um das islamische Erscheinungsbild zu unterdrücken.

Nachdrücklich stellte sich Elyas hinter die deutsche Verfassung. "Das Grundgesetz ist für uns maßgebend, ohne Wenn und Aber", unterstrich der aus Saudi-Arabien stammende Arzt, der seit 1964 in Deutschland lebt. Zu den Prinzipien des Grundgesetzes gehöre auch die Gleichstellung von Mann und Frau. Zwangsverheiratungen lehne der Zentralrat ab. Diese erlaube der Islam auch nicht. "So etwas darf nicht geduldet werden und muss mit einer harten Hand des Gesetzes und der Sicherheitsorgane verhindert werden", verlangte Elyas.

Die von Grünen-Politikern in die Debatte gebrachte Einführung eines islamischen Feiertages in Deutschland lehnte der Zentralratsvorsitzende strikt ab. "Das polarisiert nur", sagte Elyas. Die Muslime wollten nicht auf Kosten anderer feiern. Auch wäre ein Feiertag gegen den Willen der Bevölkerungsmehrheit "das Letzte, was wir brauchen".

Großdemonstration in Köln

Gegen Mittag werden zu einer Großdemonstration von Muslimen in der Kölner Innenstadt mehr als 15.000 Menschen erwartet. Organisiert wird die Veranstaltung von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib). Unter dem Motto "Hand in Hand für Frieden und gegen Terror" soll zunächst von zwei Orten aus ein Demonstrationszug durch Köln gehen. Gegen 14 Uhr wird eine Abschluss-Kundgebung unter anderem mit den Ministern Fritz Behrens (SPD) und Günter Beckstein (CSU) stattfinden.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, hat sich derweil dagegen ausgesprochen, aufgegebene Kirchen zur Moscheenutzung freizugeben. "Wird eine Kirche zur Moschee, erwecken wir den Anschein, der Unterschied zwischen Christentum und Islam sei geringfügig", sagte der Bischof von Berlin-Brandenburg dem Nachrichtenmagazin "Focus".

Die Moscheen sollten von sich aus Deutsch als Predigtsprache fördern und praktizieren, forderte der EKD-Ratsvorsitzende. "Es wäre im Interesse der Moscheegemeinden, wenn sie sagen würden, wir haben nichts zu verstecken, wir können, was wir predigen, öffentlich vertreten." Er glaube nicht, dass die Predigtsprache per Gesetz festgelegt werden könne.



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