Integrationsdebatte: Sarrazins Sündenböcke

Thilo Sarrazin stellt in seinem thesenstarken Buch alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar - und erntet dafür Applaus. Wie kann das sein, fragt sich SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim.

Buchautor Sarrazin: Groteske Einer-muss-es-ja-mal-sagen-Mentalität Zur Großansicht
dapd

Buchautor Sarrazin: Groteske Einer-muss-es-ja-mal-sagen-Mentalität

Thilo Sarrazin hat ein thesenstarkes Buch veröffentlicht, mit vielen Fehlern in der Argumentation. Das ist kein Grund zur Ärgernis, so etwas kommt häufiger vor. Als bizarr und beschämend empfinde ich aber die menschenverachtende Art der Debatte danach, wie plötzlich "die Türken" und "die Muslime" als Sündenböcke für alle Probleme der Republik dastanden.

Früher nannte man das Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, eine peinliche Angelegenheit für jede zivilisierte Gesellschaft. Heute heißt das "Islamkritik" und man scheut vor Pauschalurteilen, vor der Verunglimpfung einer ganzen Glaubensgemeinschaft nicht zurück. Man erfindet sogar eine "christlich-jüdische Leitkultur" und zwingt damit das Judentum zur Komplizenschaft in der Ablehnung gegenüber dem Islam.

Diese Debatte hat meine Sicht auf Deutschland, dem Land, aus dem ich komme, in dem ich aufgewachsen bin und das ich eigentlich schätze, nachhaltig verändert. Vermutlich gebildete, wahrscheinlich gut verdienende, jedenfalls gut gekleidete Menschen kamen da zu Lesungen - und jubelten ihrem Helden zu, als der äußerst fragwürdige Äußerungen über muslimische Einwanderer machte. Eine groteske Einer-muss-es-ja-mal-sagen-Mentalität.

In drei Generationen, schwadronierte Sarrazin, sei die deutsche Bevölkerung verschwunden. Die Deutschen würden dümmer, da Intelligenz "zu 50 bis 80 Prozent vererbbar" sei, die Klugen würden aussterben. Dann könne die ganze Republik so aussehen wie Marxloh - einem Stadtteil in Duisburg, in dem jeder dritte Mensch ausländische Wurzeln hat.

Wie bitte? Da stellt einer unverhohlen alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar, und es klatscht auch noch jemand? Da wird ein Kritiker Sarrazins, der die Debatte versachlichen will, ausgepfiffen? Wollen wir wirklich auf diesem Niveau diskutieren?

Es gibt in Deutschland offenbar ein Integrationsproblem. Das soll man nicht wegdiskutieren, Probleme können nur gelöst werden, indem man sie offen anspricht. Aber doch nicht, indem man grundlegende Prinzipien eines zivilisierten Miteinanders über Bord wirft.

Ich habe einen "Migrationshintergrund". Die Art der Debatte, dieses Stammtischgegröle, hat den nichtdeutschen Teil in mir größer werden lassen. Ich kenne viele Menschen mit fremden Wurzeln, die seit diesem Jahr ähnlich denken. Wollen wir wirklich ein Land unsere Heimat nennen, in denen Menschen mit solcher Feindseligkeit begegnet wird?

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insgesamt 92 Beiträge
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1. .
c++ 24.12.2010
*"Da stellt einer unverhohlen alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar,"* Ich kann mich nicht erinnern, dass Sarrazin das gesagt hat. Hätte er das geschrieben, wäre es in der Tat schlimm. Wer so etwas über Sarrazin behauptet und schreibt, noch dazu als Journalist des Spiegel, sollte das auch belegen, und zwar mit Zitaten. Die Zustände in Marxloh sind real, Marxloh wächst um Straße nach Straße. Es ist das Ergebnis einer falschen ungesteuerten Zuwanderungspolitik, leider hat man nichts dazu gelernt.
2. Danke Herr Kazim, ich kann selber denken
arinari 24.12.2010
Zitat von sysopThilo Sarrazin stellt in seinem thesenstarken Buch alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar - und erntet dafür Applaus. Wie kann das sein, fragt sich SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735774,00.html
Aha, da haben wir es wieder, nach einer differenzierteren Diskussion kommt so ein puschales "Gegröhle"(Wort des Verfassers). Anders kann man den Kommnentar nicht bezeichnen. Wieder mal einer , der meint vorschreiben zu müssen, was Leute zu denken haben und der ganze Bevölkerungsschichten(Nichtmigranten) pauschal beschimpft und beleidigt. Das ist aber ganz legal, es ist ja nur die deutsche Bevölkerung. Dieser Kommentar verkürzt, pauschalisiert und polemisiert aufs graumsamste. Gratulation, ich dachte, wie wären schon weiter.
3. Polemik vom Feinsten
Transmitter, 24.12.2010
Wieder einmal voll daneben. Ein grauenhaft durchsichtiger Kommentar. Gerade Sarrazin differenziert durch trockene Zahlen und Fakten. Seine Thesen überzeugen. Kein vernünftiger Zeitgenosse hierzulande, Mitbürger mit muslimischen Mitgrationshintergrund eingeschlossen, zweifelt die von Sarrazin aufgezählten Fakten an. Im Gegenteil: Immer mehr muslimische Migranten prangern die archaisch-mittelalterliche Praktik grosser Teile der islamischen Religionsrepräsentanten hierzulande an. Und immer mehr intelligente, gut ausgebildete (und dementsprechend gut integrierte) Moslems verlassen so verluderte, so verlogene Länder wie Deutschland mit Sack und Pack.
4. ??
Klapperschlange 24.12.2010
Zitat von sysopThilo Sarrazin stellt in seinem thesenstarken Buch alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar - und erntet dafür Applaus. Wie kann das sein, fragt sich SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735774,00.html
Herr Hasnain Kazim, Sie müssen nicht verstehen, warum Thilos Buch diese Republik verändert, Hauptsache es verändert die Republik. Zuviele Jahre hat man alles akzeptiert, damit ist jetzt Schluss. Deutschland bleibt demokratisch, besinnt sich aber auf seine Wurzeln und diese liegen nicht im Islam!
5. Hysterischer Kommentar
join3 24.12.2010
Zitat von sysopThilo Sarrazin stellt in seinem thesenstarken Buch alle Angehörigen einer Minderheit als dumm und minderwertig dar - und erntet dafür Applaus. Wie kann das sein, fragt sich SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent Hasnain Kazim. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,735774,00.html
Ihre Anwendung des Heimat - Terminus ist darauf aufgebaut, dass es keinerlei Kritik an Minderheiten geben darf. Doch ! In einer Demokratie darf man das. Gewöhnen sie sich daran oder suchen sie sich eine demokratischere Heimat (falls sie eine finden).
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