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Integrationspolitik: Deutsche Politiker lehnen Erdogans Schul-Importplan ab

Von und Alexandra Sillgitt

Türkische Lehrer, mehr Türkisch an deutschen Schulen, türkische Unis: Ministerpräsident Erdogan provoziert mit überraschenden Forderungen beim Staatsbesuch in Deutschland. Politiker hierzulande sind sich einig: Für einen solchen Bildungsimport besteht kein Bedarf.

Berlin - Es war ein Gipfel der Besänftigung: Nach den Ängsten, dem Misstrauen der vergangenen Tage diskutierten der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heute mit türkischen und deutschen Berliner Schülern im Kanzleramt. Merkel forderte gleich zu Beginn eine Schweigeminute für die Opfer von Ludwigshafen. "Das hat uns alle sehr erschüttert", sagt Merkel. "Wir werden alles tun, damit die Brandkatastrophe so schnell wie möglich aufgeklärt wird."

Erdogan, Merkel: "Wir haben kein Problem mit deutschen Schulen"
Getty Images

Erdogan, Merkel: "Wir haben kein Problem mit deutschen Schulen"

Die Kanzlerin wollte klar machen, wie ernst sie die Sorgen der Menschen nimmt. Und auch Erdogan überschlägt sich beinahe in Harmoniebekundungen. Er übermittelt Grüße von "ganzem Herzen" aus der Türkei. Er spricht von der "großen Freundschaft", die sich in den vergangenen Jahrzehnten zwischen Deutschen und Türken entwickelt hätte.

Aber es geht Erdogan noch um etwas anderes: Er sei für Integration und gegen Assimilation und es sei sehr wichtig, dass türkische Migranten auch gut Türkisch sprechen, betont er. Und dann hat der türkische Ministerpräsident noch einen Vorschlag: Er biete an, zu diesem Zweck eigens türkische Lehrer nach Deutschland zu entsenden. Und: "Wir haben in der Türkei Schulen, Gymnasien, die in Deutsch unterrichten. Wir haben kein Problem damit. In Deutschland sollten auch Gymnasien gegründet werden können, die in türkischer Sprache unterrichten." Die Bundesregierung solle darin kein Problem sehen.

Skepsis in allen Parteien

Merkel schweigt zu dieser Forderung. Die Arbeit türkischer Lehrer an deutschen Schulen stelle sie sich indes "schwierig vor".

Zwar hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, die Mehrsprachigkeit an deutschen Schulen zu stärken - und dass sehr gute Kenntnisse der Herkunftssprache oft eine Voraussetzung für das Lernen neuer Sprachen sind, sagen Sprachwissenschaftler seit langem.

Tatsächlich aber ist Erdogans Vorstoß politisch höchst umstritten. Politiker quer durch alle Parteien warnen davor, türkische Bildungseinrichtungen nach Deutschland zu exportieren. Außerdem gibt es bereits sechs deutsch-türkische Schulen in Deutschland.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün sagt, sie sei eine Anhängerin des Muttersprachenunterrichts. Dafür seien aber Lehrer nötig, die in Deutschland ausgebildet worden seien. Akgün zu SPIEGEL ONLINE: "Ich bin total dagegen, in Deutschland eine türkische Schule einzurichten." Es brauche nicht mehr Fächer wie Geschichte und Erdkunde auf Türkisch, sondern Türkischunterricht als Sprachunterricht - aber auch der müsse sich an der Lebenswirklichkeit in Deutschland orientieren.

"Sie würden in der Türkei bessere Verwendung finden"

Auch der SPD-Fraktionsvize Fritz Rudolf Körper findet deutliche Worte: Es gebe keinen Bedarf für "Schulen und Hochschulen des türkischen Staates in Deutschland", sagte er der Zeitung "BZ".

Gegen eine Aufwertung des Türkischen habe er nichts, sagt der Grünen-Politiker Cem Özdemir. Spanisch sei in, Türkisch hingegen out. Dagegen etwas zu tun, sei nicht falsch: "Zweisprachigkeit ist kein Schaden, da kann ich Erdogan nur beipflichten", sagt er SPIEGEL ONLINE. Es dürften aber nicht Schulen aus der Türkei nach Deutschland verlagert werden.

Und Unterricht auf Türkisch könne auch nur Teil eines Gesamtkonzepts sein, das frühere Sprachförderung auf Deutsch beinhalte. Zu dem Vorschlag Erdogans, Lehrer aus der Türkei zu holen, sagt Özdemir: "Diese Lehrer würden vielleicht in der Türkei bessere Verwendung finden - wenn es etwa darum geht, die Schulpflicht durchzusetzen." Denn die existiere dort oft nur auf dem Papier.

"Kontraproduktiv" findet die Grüne Ekin Deligöz den Vorschlag, Lehrer aus der Türkei nach Deutschland zu schicken. Die Lehrer, die in Deutschland unterrichten, müssten die Sorgen der Migranten hier kennen und hier sozialisiert sein, sagt Deligöz SPIEGEL ONLINE. "Im Übrigen halte ich die Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland für nicht hilfreich." Mehr Türkisch auf dem Gymnasium wäre eine Antwort auf sehr hohen Niveau. "Wir haben nicht das Problem, dass es auf Gymnasien zu wenig Türkisch gibt, sondern dass viele türkische Migranten gar nicht erst aufs Gymnasium kommen", sagt die Grüne.

"Die reinste Integrationsbremse"

Der CDU-Politiker Bülent Arslan aus Nordrhein-Westfalen hält die "Gründung von deutsch-türkischen Schulen für durchaus sinnvoll, aber das darf nicht von der Türkei ausgehen." Das vorrangige Ziel müsse es außerdem sein, dass Schüler gut Deutsch könnten. Dennoch könne es für die Sprachkompetenz insgesamt helfen, wenn Migranten auch ihre Herkunftssprache sehr gut sprechen.

In der CSU stößt Erdogans Vorschlag nach türkischsprachigen Schulen und Universitäten in Deutschland auf scharfe Ablehnung. Derartige Bildungseinrichtungen wären "die reinste Integrationsbremse", sagte Generalsekretärin Christine Haderthauer. "Wer türkische Hochschulen besuchen will, soll in der Türkei studieren."

Auch der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde sieht Erdogans Vorschlag kritisch. Die Muttersprache sei wichtig, die deutsche allerdings nicht minder, sagt Kenan Kolat SPIEGEL ONLINE. "Nur so kann Integration funktionieren." Den Vorschlag Erdogans, Lehrer aus der Türkei in Deutschland einzusetzen, lehnt er deshalb ab: "Sie kennen die Gesellschaft nicht, sie haben nicht hier studiert."

Mehr Türkischunterricht an deutschen Schulen hält Kolat allerdings für richtig: Türkisch müsse als zweite oder dritte Fremdsprache an den Schulen angeboten werden, das Abitur an mehr Gymnasien auch auf Türkisch abgelegt werden können - wie es in Berlin schon möglich ist.

Mit Material von AFP und ddp

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