Von Anna Reimann
In der Gesellschaft tobte derweil eine teilweise absurde Debatte - mit den Anschlägen vom 11. September in den USA, dem Terror von Madrid und London, nach dem Ehrenmord an der Berlinerin Hatun Sürücü im Jahr 2005 wurde die Debatte um Integration immer mehr zu einer Debatte um Muslime in Deutschland.
Auf der einen Seite wurde unerträglich pauschalisiert - der Schriftsteller Ralph Giordano erklärte die Integration für gescheitert und gab dem Islam daran die Schuld. Die andere Seite spielte reflexhaft die beleidigte Leberwurst, wenn es darum ging, dass von Migranten und Muslimen klare Bekenntnisse gefordert wurden. Kritiker vermuteten hinter der Deutschpflicht auf dem Schulhof einer Berliner Realschule gar eine "Zwangsgermanisierung", Grünenpolitiker ereiferten sich über eine "grundgesetzwidrige Diskriminierung".
Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Islamexpertin Lale Akgün bescheinigt der gesellschaftlichen Debatte dennoch große Fortschritte. Die Diskussion sei im vergangenen Jahrzehnt explosionsartig vorangekommen."Es war wichtig, dass wir über Tabus gesprochen haben und über die Lebensform in einer Gesellschaft - wie der muslimischen - in der das Individuum oft nicht viel zählt. Am Ende muss die Erkenntnis stehen: Wenn eine Frau als Hure leben möchte, ist auch das ihr Recht", so Akgün.
Spuren haben Pauschalisierungen über Muslime trotzdem hinterlassen. Der Journalist Bayraktar fühlt sich seit dem 11. September immer öfter auch in eine Rolle gedrängt. "Warum muss ich mich ständig für Ehrenmorde oder gewalttätige Migranten rechtfertigen?", fragt er. "Und wie muss sich der türkische Hauptschüler fühlen, wenn schon ich als Akademiker mit dieser Stigmatisierung nicht klarkomme?"
Das Jahrzehnt der Entdeckung der Einwanderer geht zu Ende - Gesetze wurde geschaffen, das große Palaver hatte seinen Höhepunkt. Die Gefahr ist jetzt, dass über den Dialog vergessen wird, was das Leben von Migranten in Deutschlands noch mehr betrifft, als schöne Bilder von gemeinsamen runden Tischen.
Zehn Jahre nach dem Staatsangehörigkeitgesetz steht im Koalitionsvertrag von Union und FDP die Einführung eines Betreuungsgeldes für Eltern die ihre Kinder zuhause erziehen. Damit werden alle bisherigen Bemühungen zur Sprachförderung von Einwandererkindern konterkariert - denn es ist die Einladung an alle Eltern ihre Kinder fortan nicht mehr in deutsche Kitas zu schicken.
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