Von Anna Reimann
Berlin - Ein Mädchen, klein wie eine Grundschülerin, dünn und mit eng um den Kopf gebundenem Kopftuch, öffnet die Tür. Sie läuft in einen Raum, hockt sich im Schneidersitz auf einen Stuhl. Hier, hinter Gardinen, sitzen vier Frauen zusammen. Es geht um die Pflichten der Muslime, das fünfmalige Beten. Darum, "innere Ausgeglichenheit" zu finden. Neu in der Runde ist Abiturientin Yasmin*. "Es ist das Miteinander hier", sagt sie. "Draußen werde ich nach Äußerlichkeiten beurteilt". Sie fühle sich sehr geborgen in der Moschee.
Die große Gebetshalle ist gefüllt. Männer sammeln sich, viele in Turnschuhen, Jeans. Der junge Imam spricht mit reicher Mimik und in geschliffenem Deutsch. Er spricht von Depressionen. Davon, dass einzig der Islam Rettung bringen kann. Die ARD hatte die Predigt gefilmt.
Es sind Szenen aus der Al-Nur-Moschee in Berlin. Die Moschee steht im Brennpunktbezirk Neukölln am Rande eines Industriegebiets, das Gebäude ein grauer Betonblock. Aber die triste Fassade trügt: Das islamische Gotteshaus ist voll, und der Zulauf wird immer größer. Auf Internetportalen wirbt die Gemeinde um Jugendliche, zeigt auf ihrer Homepage Videos von Übertritten zum Islam, bietet Gesprächsgruppen, in denen Jugendliche über Probleme reden können. Für ein Islamseminar stellt die Gemeinde eigens einen Shuttle-Dienst von den Berliner Flughäfen zur Verfügung. Service wird in der Al-Nur-Moschee groß geschrieben.
Und das zeigt Wirkung: Zu den Freitagsgebeten kommen rund tausend Gläubige, Hunderte Schüler pilgern in dem sozial schwachen Berliner Bezirk regelmäßig in das Gotteshaus - gepredigt wird auf Deutsch.
Das Problem: Die Al-Nur-Moschee ist ein Hort der Radikalen. Um ihren Einfluss ist Streit entbrannt.
"Wir erreichen diese Jugendlichen nicht"
Sozialarbeiter, Lehrer, Politiker beklagen, dass die Moschee rasant an Einfluss gewinne, "normative Kraft" entwickle, eine enorme Ausstrahlungskraft für Jugendliche habe. Seinen Namen nennen will dabei kaum jemand - die Sorge vor Reaktionen der Moschee ist groß. Aus ganz Berlin sollen Familien wegen der al-Nur in die Gegend gezogen sein, angeblich sogar aus anderen deutschen Städten. Längst ist die Moschee zu einer eigenen Macht geworden.
In der Al-Nur-Moschee predigen fundamentalistische Imame einen extrem strengen, ultrafrommen Islam - nach der Richtung der Salafisten. Salafisten legen den Koran wörtlich aus, ihre Haltung zum Dschihadismus ist unklar: Die meisten wenden sich öffentlich gegen Gewalt, aber eine Minderheit befürwortet sie. Integration lehnen Salafisten ab, die Gläubigen sollen unter sich bleiben, die Geschlechter ebenfalls. Gemischte Klassenfahrten sind verpönt, gemeinsamer Sportunterricht von Jungen und Mädchen ein Problem. Auch innerhalb der muslimischen Community beäugt man Salafisten mit großer Distanz. Deren Imame seien oft extrem missionarisch, ihr Absolutheitsanspruch sei verstörend, ist zu hören.
Tatsächlich haben Salafisten einen großen Zulauf unter Jugendlichen, nicht nur in Berlin. Parallelwelten entstehen.
Wenn sie aus der Moschee wieder raus gehe auf die Straße, in die normale Welt, dann sei das wie ein Schock, sagt Abiturientin Yasmin* in der Frauenrunde. Die Schülerin beschreibt genau das, was Sozialarbeiter und Lehrer zunehmend ratlos hinterlässt. In der Moschee bilden sich Gruppen, die sich von der Außenwelt abgrenzen, die ein Gegeneinander aufbauen und die Gemeinde als einzigen Zufluchtsort, als Heimat begreifen. "Wir müssen leider ganz klar sagen: Wir erreichen diese Jugendliche nicht", so eine Behördenvertreterin. Sie warnt vor den Auswirkungen: Ein Teil der Jugendlichen in Neukölln laufe in ultrafromme Moscheen und die, die immer gut integriert waren und sich engagiert für ein Miteinander in Neukölln eingesetzt hätten, würden sich vor allem seit der Sarrazin-Debatte komplett zurückziehen. "Die Mischung wird immer brisanter."
In den Schulen gebe es Probleme, insbesondere arabische Mütter würden immer unkooperativer auftreten, beklagt eine Lehrerin. Für sie sei die Schule keine Autorität mehr, sie stünden den Lehrern grundsätzlich feindlich gegenüber. Ein Sozialarbeiter berichtet, Moscheevertreter würden intrigieren, bei Gesprächen absichtlich falsch übersetzen. Die Gemeindevertreter gebe sich nach außen offen, aber verweigerte jeglichen Zusammenarbeit.
"Für sie sind wir nicht richtige Muslime, das merkt man an der Verhaltensweise", so der Sozialarbeiter, der selbst Migrant ist. Für Gewalt an Schulen sei die Moschee kein Partner.
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