Integrationsthesen Sarrazin-Debatte bringt "Pro Deutschland" neue Mitglieder

Die Republik diskutiert über Thilo Sarrazin, der rechte Rand profitiert: Die islamfeindlichen Parteien Pro Deutschland und Pro NRW verzeichnen überdurchschnittlich viele Eintritte - etliche unter Verweis auf die umstrittenen Thesen des Bundesbankers.

Ex-NPD-Mann Rouhs 2008 in Köln: Parteiengefüge "aufrollen"
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Ex-NPD-Mann Rouhs 2008 in Köln: Parteiengefüge "aufrollen"

Von Yassin Musharbash


Berlin - "Der Anstieg ist enorm", freut sich Lars Seidensticker, Geschäftsführer der islamfeindlichen Partei Pro Deutschland. Das ist natürlich reichlich übertrieben. Genau 25 Menschen haben sich in den vergangenen drei Tagen bei ihm schriftlich um eine Mitgliedschaft beworben: sieben am Montag, zehn am Dienstag, acht am Mittwoch. Aber eines stimmt: Es sind deutlich mehr als sonst.

Die Neumitglieder kommen der rechtslastigen Truppe, die bei den Berliner Abgeordnetenhauswahlen 2011 antreten will und derzeit Kreisverbände aufbaut, äußerst gelegen. Wie sehr, das wird deutlich, wenn man die Zahl der Neuzugänge in Relation zur bisherigen Mitgliederzahl von gerade einmal 180 setzt.

Ähnlich sieht es bei der ebenfalls islamophoben Schwesterpartei Pro NRW aus. Sie erzielte bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 1,4 Prozent; zu ihrem Dunstkreis gehört der Verein Pro Köln, der in der Domstadt schon seit Jahren im Rat vertreten ist. "Deutlich zweistellig" sei die Zahl der frisch eingetroffenen Anträge auf Mitgliedschaft, sagt der Generalsekretär von Pro NRW, Markus Wiener, einst CSU-Mitglied. Das seien etwa 50 Prozent mehr als im Vormonat.

"Unsere Themen werden salonfähig"

In Berlin wie in Köln ist man sicher: Die Neuzugänge verdanken sie vor allem dem Sozialdemokraten, Berliner Ex-Senator und Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin. Etliche Antragsteller, heißt es übereinstimmend, hätten ihren Beitritt ausdrücklich mit Zustimmung zu dessen Thesen begründet.

Sarrazin als Steigbügelhalter für organisierte Islam-Feinde, die - jedenfalls in NRW - vom Verfassungsschutz beobachtet werden, weil dieser laut Bericht für das Jahr 2009 Anhaltspunkte für den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit sieht? Und in denen etliche Ex-Anhänger rechtsextremer Parteien unterwegs sind, nicht zuletzt der Bundesvorsitzende Manfred Rouhs, im Januar 1987 NPD-Bundestagskandidat?

Rouhs scheint genau darauf zu setzen. Die Empörung über Sarrazins in Buchform vorgelegte Thesen hatte gerade erst begonnen, da bot Rouhs schon an, er werde mit Vergnügen den Parteivorsitz niederlegen, sollte Sarrazin sich seiner Partei anschließen. Mit Sarrazin an der Spitze könne man das Parteiengefüge problemlos "aufrollen". Markus Wiener sekundiert: "Unsere Themen werden salonfähig, wenn jemand mit einem renommierten Posten sie aufgreift."

Gespräche beim Bäcker

Tatsächlich ist die Pro-Bewegung im Grunde eine Ein-Themen-Organisation: Sie agitiert auf allen denkbaren Ebenen vor allem gegen muslimische Migranten und eine vermeintliche "Islamisierung" Deutschlands, auch wenn der Kampf gegen Parteienfilz und Kriminalität offiziell ebenfalls auf der Tagesordnung steht. Pro Köln ging einst hervor aus einem Bündnis gegen einen Moscheebau.

Im Wahlprogramm von Pro Deutschland, trotz des bombastischen Namens in Wahrheit der Berliner Landesverband der Pro-Bewegung, ist unter anderem von einem angeblichen "demographischen Dschihad" die Rede und davon, dass eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus Vernebelung gleichkomme. "Islamische Parallelgesellschaften" hätten sich zudem als "ideales Biotop" für Terrorplanungen erwiesen. Das stimmt natürlich nicht, wie etwa der Werdegang der im Papier ausdrücklich aufgeführten Sauerland-Zelle zeigt, deren Mitglieder nie auch nur in der Nähe einer großstädtischen "Parallelgesellschaft" waren.

Gary Beuth, Landesvorsitzender von Pro Deutschland, behauptet dennoch, dass er bei "Gesprächen beim Bäcker, in der Bank oder im Kaufhaus" regelmäßig von drei Vierteln derer, die er anspricht, Zustimmung für sein Programm erfahre. Derzeit versucht die Truppe massiv, neue Aktivisten zu rekrutieren. Unter anderem durch eine Hauspostsendung gegen den EU-Beitritt der Türkei an möglichst alle Berliner Haushalte. Wer antwortet und seine Adresse offenbart, darf mit einem Anwerbungsanruf rechnen.

Sarrazin will die SPD nicht verlassen

Die Pro-Bewegung träumt dabei von einem zweistelligen bundesweiten Wählerpotential, angefacht unter anderem dadurch, dass Umfragen zufolge jeder fünfte deutsche Wähler sich vorstellen kann, eine Partei rechts der CDU zu wählen. Im Auftreten geben sich die Aktivisten betont bürgerlich. Sie bezeichnen sich als "rechtsdemokratisch" und versuchen so, sich von Rechtsextremisten und Nazis abzugrenzen.

Das ist aber nicht einfach. So hält der Verfassungsschutz NRW die Ideologie von Pro NRW und Pro Köln für "antidemokratisch" und "ausländerfeindlich". Zudem haben nicht wenige Aktivisten eine rechtslastige bis rechtsextreme Vorgeschichte. Rouhs und seine NPD-Kandidatur ist ein Beispiel. Seidensticker wiederum war drei Jahre lang Mandatsträger der Republikaner. Die Liste lässt sich verlängern.

Sarrazin hat seinerseits zu keinem Zeitpunkt angedeutet, dass er mit "Pro Deutschland" auch nur sympathisiert. Er will stattdessen einem bereits in Gang gesetzten Ausschlussverfahren der SPD trotzen und als Sozialdemokrat sterben, wie er bekundete. Gegen Beifall aus der Ecke der organisierten Islamophoben und deren Anhängerschaft feit das freilich nicht.

Der letzte Streich von Pro Köln: die Beantragung der Ehrenbürgerwürde für Thilo Sarrazin.

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