Intellektuelle in der Politik Moralisten, schweigt!

Weil sie selbst die Maßstäbe verloren hat, verlangt die Gesellschaft nach moralischer Deutung. In die Lücke stoßen gerne selbsterklärte Intellektuelle, die von der Sache kaum etwas verstehen, aber schnelle Urteile liefern. Wahre Denker widerstehen den Verführungen der Praxis.

Französischer Philosoph Bernard-Henri Levy: Deutungsmonopol über Gut und Böse?
AP

Französischer Philosoph Bernard-Henri Levy: Deutungsmonopol über Gut und Böse?

Ein Debattenbeitrag von Paul Liessmann


Die Rolle der Intellektuellen in der Öffentlichkeit ist von einer seltsamen Ambivalenz gekennzeichnet. Wie immer sich der Intellektuelle hier positioniert, er macht es sicher falsch. Sind angesichts von politischen Krisen, Finanzskandalen, Naturkatastrophen, Islamfeindlichkeit und den drohenden Gefahren der neuesten Technik keine Stimmen der Dichter und Denker, Künstler und Wissenschaftler zu vernehmen, lässt der Vorwurf nicht lange auf sich warten: Warum schweigen die Intellektuellen?

Schweigen diese aber nicht, mischen sie sich ein, warnen sie, fordern sie, geben sie gar Empfehlungen für moralische oder militärische Interventionen, heißt es gleich: Warum können sie nicht schweigen? Mit anderen Worten: Entweder schweigen die Intellektuellen, obwohl sie sich doch einmischen sollten; oder sie mischen sich ein, dabei sollten sie doch schweigen.

Solche Uneindeutigkeit hat ihre Gründe. Denn weder weiß man genau, was unter einem Intellektuellen zu verstehen ist, noch, was es heißt, sich als Intellektueller in was auch immer einzumischen.

Einfacher, als den Intellektuellen und sein Engagement zu definieren, ist es wahrscheinlich, einmal festzuhalten, was ein Intellektueller nicht ist.

  • Ein Wissenschaftler, der auf seinem Gebiet forscht, ist noch kein Intellektueller, auch dann nicht, wenn er hin und wieder von der Politik um Rat gefragt wird und in der einen oder anderen Ethikkommission sitzt.
  • Ein Dichter, der Gedichte schreibt, ist auch noch kein Intellektueller, auch dann nicht, wenn er sich hin und wieder im Feuilleton zum Verschwinden gedruckter Gedichte äußert.
  • Ein Künstler, der Bilder malt, ist auch noch kein Intellektueller, auch dann nicht, wenn seine Bilder anklagen, provozieren oder verstören.
  • Ein Philosoph, der philosophiert, ist auch noch kein Intellektueller, auch dann nicht, wenn er über Gerechtigkeit in der Postdemokratie nachdenkt und zu diesem Thema gerne von Studierendenvertretungen eingeladen wird.

Umgekehrt gilt aber auch: Wer weder forscht, noch schreibt, noch dichtet, noch malt, noch philosophiert, kann erst recht kein Intellektueller sein.

Sollen Intellektuelle Distanz halten? Oder Partei nehmen?

Sich nur einzumischen, ist auch zu wenig. Es sind schon die Dichter und Denker, die Künstler und Kulturschaffenden, die zu einem Intellektuellen werden können - dann nämlich, wenn sie ihr Tätigkeitsfeld verlassen und mit dem Renommee, das sie in diesem Feld erworben haben, in einer politischen und moralischen Frage mahnend, protestierend, empört oder fordernd ihre Stimme erheben.

Was aber bedeutet dies? Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat aus guten Gründen zwei Voraussetzungen genannt, die ein Intellektueller erfüllen muss, um Intellektueller zu sein: Er muss einem relativ autonomen, das heißt von der Ökonomie und Politik unabhängigen Feld des Wissens oder der Kultur angehören und dessen Gesetze akzeptieren; und er muss in eine politische Situation jene Kompetenz einbringen, die er in diesem Feld erworben hat.

Intellektualität ist so wohl an Öffentlichkeit gebunden, nicht aber an eine moralische Position oder an die Parteinahme für eine politische Bewegung oder eine Bevölkerungsgruppe. Nur allzu leicht wird dies verwechselt.

Seit über die Position des Intellektuellen im deutschsprachigen Raum diskutiert wird, lassen sich deshalb grob zwei Argumentationslinien verfolgen:

  • Eine, die den Weg zu diesem Eingreifen nur in einer konsequenten Parteilichkeit des Intellektuellen garantiert sehen will und deshalb im Engagement, in der Unterwerfung unter die Politik nicht eine zusätzliche Geste, sondern eine Bedingung intellektueller Tätigkeit sieht; ob dieses Engagement der Arbeiterklasse oder den Frauen, der Volksgemeinschaft oder der Nation, den Obdachlosen oder den Asylsuchenden, den Migranten oder den Homosexuellen, den Bosniern oder den Libyern gehört, tut für die grundsätzliche Bestimmung nichts zur Sache.
  • Die andere Argumentationslinie will die Fähigkeit des Intellektuellen zu kritischer Reflexion gerade in seiner relativen Distanz zu den Sphären der Politik und Ökonomie sehen, will in seiner relativen Autonomie vom Politischen die Bedingung für die Produktion unbestechlichen Wissens verankern. Noch die Idee der Unabhängigkeit und Autonomie der Universitäten, den einstigen Produktionsstätten von Intellektualität, zehrte bis in die Organisationsstruktur lange von diesem Gedanken.



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.