Internet Eine Geldmaschine namens Mohnhaupt

Ein Internet-Forum zur RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt löst Empörung aus. Der Betreiber reibt sich die Hände: Er stellt sich als Helfer dar - hat sich indes mehr als tausend Internet-Adressen wie kampusch.de oder kate-middleton.eu gesichert, um Aufmerksamkeit auf sich und seine Geschäfte zu lenken.


Berlin - Den 15. Februar wird Thomas Vogel so schnell nicht vergessen. Es ist der Tag, an dem seine Webseite berühmt wurde. Deutschlands auflagenstärkste Zeitung "Bild" titelte im Ton der Empörung: "Irre Angebote von Mohnhaupt-Anhängern - Haus, Geld, Job für RAF-Terroristin".

Domainhändler Vogel: "Ich weiß, wie man Sachen verkauft"

Domainhändler Vogel: "Ich weiß, wie man Sachen verkauft"

Auf Vogels Seite www.brigitte-mohnhaupt.de ging da die Diskussion erst richtig los. Binnen Stunden vervielfachten sich die Posts, mittags um zwölf zählte Vogel bereits 400.000 Klicks - zwanzigmal so viele wie in der gesamten Zeit seit dem Launch der Seite im Januar.

User mit Namen wie "Mohnifan", "Gutmensch" und "Antistalinist" liefern sich heftige Gefechte, ob es gerecht ist, dass die ehemalige RAF-Terroristin Mohnhaupt am 27. März nach 24 Jahren Haft in die Freiheit entlassen wird. Ein User gibt die Gründung einer Mohnhaupt-Stiftung bekannt, die der Freigelassenen den Neuanfang erleichtern soll, und bittet um Spenden. Andere wie User "Pascal" können darüber nur den Kopf schütteln: "Wie kaputt Deutschland ist, sieht man alleine an dieser Homepage."

Was trieb Vogel, den gelernten Krankenpfleger aus Tengen beim Bodensee, ein Internet-Forum über Brigitte Mohnhaupt einzurichten? Er sei Christ und wolle einer gestrauchelten Seele helfen, erklärt er SPIEGEL ONLINE. Es reicht jedoch eine Minute Internetrecherche, um die hehren Beweggründe zu bezweifeln. Denn Vogel hat auch Adressen wie kate-middleton.eu und kampusch.de registriert.

Der 42-jährige gebürtige Konstanzer ist ein professioneller Domain-Reseller. Er verfolgt aufmerksam die Nachrichten, sichert sich herrenlose Domains, die bald interessant zu werden versprechen, und versucht dann, größtmögliche Öffentlichkeit für die Seiten zu generieren. Es muss nicht immer die "Bild" sein, die Auktionsseite Ebay reicht häufig schon, um einen Hype loszutreten. Hat Vogel das geschafft, kann er die Adressen mit einem satten Gewinn verkaufen. Über tausend Domains sind auf seine Firma Vogel IT Service Domain Management eingetragen.

Ein klassisches Beispiel seines Geschäfts liefert Vogel derzeit mit dem sogenannten Madonnen-Ei. Das auf der Eischale aufgedruckte Haltbarkeitsdatum war beim Kochen so verlaufen, dass mit etwas Fantasie eine Madonna mit Jesuskind zu erkennen ist. Vogel ersteigerte das Madonnen-Ei kürzlich auf Ebay für 355 Euro und stellte es erneut zur Auktion. "Bild" berichtete groß, ebenfalls mit Foto von Vogel, der Preis stieg seither auf über tausend Euro.

"Ich weiß, wie man Sachen verkauft", sagt Vogel von sich. Ganz sicher weiß er, wie man sich interessant macht. Vor seiner Internetkarriere sei er Antikhändler und Leichenbestatter gewesen, erzählt er. Auch Reiki-Meister, Experte in "Grenzwissenschaften" und Prediger einer Freikirche will er sein.

Zu überprüfen ist all dies ebenso schwierig wie seine Behauptung, mit www.brigitte-mohnhaupt.de kein Geld verdienen zu wollen. Verkaufen will er die Domain zwar auf jeden Fall ("Ich habe schon vier Angebote"), aber das Geld will er dann Mohnhaupt schenken. Geld verdiene er nur mit anderen Domains, behauptet Vogel. Unter anderem sei er gerade in Verhandlungen mit Tengelmann und einigen Formel-Eins-Beteiligten, die ihm "Riesenangebote" gemacht hätten.

Auch mit der Justiz hatte der "Tausendsassa" ("Bild") schon Ärger. So versteigerte er im August 2005 ein angebliches Picasso-Gemälde mit dem Titel "Gitarre und Kerze" im Steigenberger Inselhotel in Konstanz. Während der Auktion schlug das LKA zu und stellte das Bild sicher: Verdacht auf Fälschung. Am 10. April muss Vogel sich in der Sache vor Gericht verantworten. "Völlig ungerecht" sei das, sagt er, der Picasso sei echt. Auf einer eigens eingerichteten Webseite hat er dazu ein handschriftliches Gutachten veröffentlicht - ausgerechnet von einem verurteilten Fälscher.

Im Mohnhaupt-Forum spielt die Geschichte des Initiators noch keine Rolle. Hier wird ihm wahlweise für die Diskussionsplattform gedankt oder mit Strafanzeigen gedroht, weil er eine Mörderin unterstütze. Geschickt heizt Vogel die Diskussion an: Persönlich wies er in einem seiner Beiträge auf das Angebot eines Users hin, der 20.000 Euro für Mohnhaupt spenden wolle - eins der "irren Angebote", die ihren Weg in die "Bild" fanden.

Vogel freut sich über seinen Coup und blickt bereits nach vorn - auf die Entscheidung des Bundespräsidenten zum Gnadengesuch von Mohnhaupts RAF-Kompagnon Christian Klar, die in den nächsten Wochen erwartet wird. Auch www.christian-klar.de hat Vogel sich gesichert und bereits ein Forum eingerichtet.

Anmerkung: Nach Erscheinen des Artikels meldete sich ein Sprecher der Firma Tengelmann und erklärte, man sei mit Vogel nie in Kontakt gewesen. Einige Tage später meldete sich ein Sprecher der Tengelmann-Tochter Kaisers Tengelmann und erklärte, Vogel habe der Firma doch eine Domain angeboten, man habe sein Angebot aber abgelehnt.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.