Interreligiöser Dialog: Hamburger Schiiten grenzen Bahai aus

Von Alexander Schwabe

Die Christen hätten nichts dagegen. Doch der Dachverband der Muslime (Schura) will die Bahai in Hamburg nicht am interreligiösen Dialog teilhaben lassen. Die Bahai werfen der Schura vor, nicht auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und die Verfolgungspolitik Irans in Deutschland fortzusetzen.

Hamburg - Normalerweise bergen derlei Veranstaltungen wenig Zündstoff: Interreligiöse Dialoge, Projekte, die ein universales Ethos herausfiltern wollen, und ähnliche auf Konsens abzielende Initiativen sind auf Verständigung aus, auf ein gegenseitiges Sich-Wahrnehmen und -Austauschen - möglichst ohne Streit.

Zentrum der Bahai in Haifa: Eine von tausenden Weltanschauungen?
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Zentrum der Bahai in Haifa: Eine von tausenden Weltanschauungen?

Beim "Interreligiösen Forum Hamburg" aber ist die Harmonie empfindlich gestört. Die Bahai, eine im 19. Jahrhundert gegründete Religionsgruppe, dürfen nicht mitmachen. Die Schura hat sich gegen die Aufnahme der Jünger des Bahaullah in den Kreis der Diskutanten entschieden. Alle anderen beteiligten Religionen (Christen, Juden, Buddhisten, Hindus und Alewiten) hatten den Antrag der Bahai auf Aufnahme unterstützt - denn Ausgrenzung passt nicht zum Ideal der Toleranz.

Innerhalb der Schura - Dachverband von derzeit gut 40 Moscheen in Hamburg - waren es die in der Imam-Ali-Moschee angesiedelten Schiiten, die die Bahai verhindert haben. Aus Kreisen des "Interreligiösen Forums" ist zu erfahren, dass sich die anderen islamischen Untergruppen der Schura ursprünglich nicht gegen sie gestellt hätten. Dann aber überließen die unterschiedlichen Muslim-Gemeinden die Entscheidung der "theologischen Kompetenz" des Ajatollah Hosseini Ghaemmagami und "respektieren" diese seither. Der Ajatollah erklärte, dem Antrag der Bahai könne nicht zugestimmt werden, weil dies eine Anerkennung der Bahai als Religion bedeuten würde.

Genau diese Begründung empört die Bahai. "Die Schiiten gestehen anderen nicht zu, was sie selbst in Anspruch nehmen, nämlich den Paragrafen 4 des Grundgesetzes: die Religionsfreiheit", sagt ein führender Vertreter der Bahai in Hamburg. Dies sei eine "Menschenrechtsverletzung auf deutschem Boden".

Diskriminierung in Iran setzt sich hier fort

Die Bahai sehen die Entscheidung der Hamburger Schura in einer Linie mit der Politik der Mullahs in Teheran. "Iranisch-islamischer Einfluss" erzwinge die "Aussperrung der Bahai-Religion" in Hamburg, sagen sie. Die Diskriminierung der Bahai in Iran setze sich hierzulande fort.

Seit der Islamischen Revolution unter Ajatollah Ruhollah Chomeini werden die Bahai in ihrem Ursprungsland wieder verfolgt. Die Ursprünge der Bahai-Religion liegen im südpersischen Shiraz. Ähnlich wie Johannes der Täufer sich zum Herold des Jesus von Nazareth machte, hatte sich dort der Bab (1819-1850) 1844 zum Künder eines Reformers der Welt gemacht, der eine göttliche Offenbarung bringen werde. 1863 erklärte sich der engste Anhänger des Bab, Bahaullah, zu dem neuen Heilspropheten. Er schrieb den angeblichen Willen Gottes als Fortentwicklung der bisherigen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam in mehreren Schriften nieder - eine für die drei mosaischen Religionen unannehmbarer Vorgang.

Befehl von Ajatollah Chamenei

Die Mullahs in Teheran begannen, die Bahai zu bekämpfen. Sie zerstörten die heiligen Stätten der in Iran rund 300.000 Anhänger starken Gruppe, beschlagnahmten Gemeindeeigentum und nahmen Tausende Gläubige fest. In den 80er Jahren wurden in Iran mehr als 200 Bahai wegen ihres Glaubens hingerichtet. 1993 ordnete der oberste religiöse Führer der Schiiten, Ajatollah Ali Chamenei, in einem Memorandum an, die kulturellen Wurzeln der Bahai zu vernichten. Der Uno-Sonderberichterstatterin für Menschenrechte und Religionsfreiheit, Asma Jahangir, wurde ein Geheimdokument zugespielt, aus dem hervorgeht, Chamenei habe den Streitkräften befohlen, alle Bahai zu identifizieren und zu überwachen.

Die Verfolgung und Drangsalierung der Bahai in Iran schwingt mit, wenn der Hamburger Religionsdiskussionskreis die Bahai nicht mitreden lässt. Das "Interreligiöse Forum Hamburg" sieht sich plötzlich dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzung ausgesetzt. Durch das Veto der Schura, so die Führung der deutschen Bahai-Gemeinde, werde "die gegen die Menschenrechte verstoßende Religionspolitik Irans in das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik Deutschland eingeschleust".

Es sei völlig inakzeptabel, dass die Schiiten die Vorzüge der pluralistischen Gesellschaft in Deutschland in Anspruch nähmen und dank der im Grundgesetz festgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche frei agieren könnten, dies anderen Religionsgemeinschaften jedoch nicht zugestünden, sagt ein Mitglied aus der Führung der Hamburger Bahai.

Schura: Keine politische Diskussion

Diesen Vorwurf will die Schura nicht gelten lassen. Sie verweist auf die Vereinbarungen, die bei der Gründung des "Interreligiösen Forums" vor gut sechs Jahren - Initiatorin war die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen - getroffen wurden: Neue Mitglieder sind demnach nur bei Einstimmigkeit aufzunehmen. Ein Veto - und die Bahai haben keinen Anspruch, dabei zu sein. Das Urteil gegen ihre Aufnahme sei kein politisches, sondern eine theologisch begründete Entscheidung Ajatollah Ghaemmagamis, lässt die Schura wissen. Die Bahai würden nicht als Religion, sondern als eine von unzähligen Weltanschauungen gesehen.

Die Bahai - in Deutschland sind es rund 5000 (weltweit rund sechs Millionen) - berufen sich dagegen auf einen Beschluss des Bundesverfassungsgerichts. Dieses beschied, dass sie offenkundig eine Religion seien und sich damit auf Artikel 4 des Grundgesetzes (Religionsfreiheit) berufen können. Zugleich aber - und darauf baut die Schura - sind Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Tendenzbetriebe mit besonderen Regelungen. So könne eine christliche Kirche auch nicht verpflichtet werden, etwa einen Zeugen Jehovas einzustellen.

Der Streit schwelt weiter. Die Bahai beharren auf dem Vorwurf der Menschenrechtsverletzung und der Diskriminierung. Die Schura wiegelt ab: "Wir wollen uns aus einer theologischen Diskussion nicht in eine politische zerren lassen." Doch manchmal sind theologische Urteile auch politisch.

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