Interview mit Alt-Bundespräsident von Weizsäcker "Berlin wurde nie geliebt"

Spätestens seit seiner Zeit als Regierender Bürgermeister ist Richard von Weizsäcker ein leidenschaftlicher Berliner. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der Alt-Bundespräsident über fehlende Direktverbindungen, den Palast der Republik und das gestörte Verhältnis der Deutschen zu ihrer Hauptstadt.


SPIEGEL ONLINE:

Seit kurzem wird der Berliner Palast der Republik abgetragen. Verspüren Sie Bedauern oder Erleichterung?

Weizsäcker: Zur Wiedervereinigung gehörte in entscheidendem Maß, sich auch in der Geschichte zu vereinigen. Diese Prüfung haben wir bisher nur partiell bestanden. Der Palast der Republik spielte in der Bevölkerung eine Rolle, nicht nur bei der SED und ihren Organen. Dass also viele Bewohner Ost-Berlins persönliche Erinnerungen mit dem Palast der Republik verbinden, gilt es zu verstehen. Gleichzeitig konnte der Palast aber nicht als eine Art Erinnerungsmumie aufrechterhalten werden - unabhängig davon, wie man zu den Plänen steht, was aus dem frei gewordenen Platz werden soll. Der Abriss ist richtig und unvermeidlich.

SPIEGEL ONLINE: Was soll an seine Stelle treten?

Weizsäcker: Diese Frage ist in guten Händen beim Bundestag, dem ich nicht angehöre.

SPIEGEL ONLINE: Die Debatte über den Abriss hat viele Jahre gedauert, nun droht ein zähes Gezerre um den Wiederaufbau des Stadtschlosses. In der deutschen Öffentlichkeit entsteht wieder der Eindruck von Ineffizienz. Was läuft falsch in Berlin?

Weizsäcker: Die von außen geäußerte Kritik an Berlin ist oft sehr selbstgerecht und kenntnisarm. Sie müssen die Lage der Stadt vor dem historischen Hintergrund sehen. Berlin war der zentrale Platz der Teilung zwischen Ost und West. In der Zeit, in der ich Regierender Bürgermeister war (1981 bis 1984), stand obenan die behutsame Beteiligung Berlins an der internationalen Politik. Mit dem Fall der Mauer begann die nächste Phase. Von heute auf morgen wurden die Subventionen für Ost- wie für West-Berlin ersatzlos gestrichen. Das war verständlich und trotzdem unklug. Die damit verbundenen finanziellen Schwierigkeiten wurden sehr schnell als Ineffizienz Berlins charakterisiert.

SPIEGEL ONLINE: Den Berliner Senat trifft keine Schuld an diesem Image?

Weizsäcker: Natürlich ist in Berlin nach der Vereinigung vieles nicht optimal gelaufen. Aber ich frage Sie: Wo soll das nötige Geld herkommen? Wir haben nur noch ein einziges wirkliches Industrieunternehmen hier, Schering. Alles andere ist abgewandert und kommt natürlich nicht zurück. Auch der Dienstleistungsbereich ist einigermaßen uneinholbar vermindert. Wer sind denn die Steuerzahler in Berlin, verglichen mit den potenten Steuerzahlern in Hamburg oder München? Warum haben wir keine Direktverbindungen im Luftverkehr? Weil wir nicht das Publikum haben. Berlin ist eine Stadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, aber fast ohne Umland. Wo sind denn die Passagiere, die die Tickets bezahlen? Das sind doch alles Voraussetzungen eines funktionierenden Hauptstadtlebens, die in praktisch allen anderen europäischen Hauptstädten gegeben sind, in Berlin dagegen nicht.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt der Stadt also nur die Mangelverwaltung, oder bräuchte Berlin eine neue Vision?

Weizsäcker: Die Aufgabe des Regierenden Bürgermeisters besteht heute darin klarzumachen, dass Deutschland eine Hauptstadt braucht und dafür auch etwas tun muss. Das Problem ist doch, dass Berlin in der deutschen Geschichte noch nie eine geliebte Hauptstadt gewesen ist. Das zeigt sich auch daran, dass immer noch eine Mehrheit der Bundesbeamten in Bonn arbeitet. Abgesehen von der Nazi-Zeit war und ist Deutschland ein völlig föderalistisches Land. Es wurde zwar die Notwendigkeit der Existenz einer Hauptstadt anerkannt, aber es gab nie die Zuneigung zu einem Zentrum für alle Deutschen, vergleichbar mit Paris oder anderen Hauptstädten.

SPIEGEL ONLINE: Anfang der neunziger Jahre gab es eine regelrechte Berlin-Euphorie im Land. Davon merkt man nicht mehr viel. Wieso hat sich die Stimmung so verändert?

Weizsäcker: Nach der Wende war die parlamentarische wie auch die öffentliche Stimmungsmehrheit zugunsten von Berlin sehr gering. Dass der Fall der Mauer weit über Berlin hinaus eine riesige Aufmerksamkeit erregt hat, haben viele Deutsche gar nicht wahrgenommen. Ich erinnere mich an Gespräche mit dem damaligen indischen Ministerpräsidenten Gandhi oder dem nigerianischen Nobelpreisträger Wole Soyinka. Für die war der Fall der Mauer eine Riesen-Geschichtsepoche. Sie sagten, das bringt in unsere Länder Bewegung, eine neue Stimmung. Das ist in Deutschland gar nicht so wahrgenommen worden.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann Berlin die Republik überzeugen, dass es als Hauptstadt Anspruch auf Bundeshilfen hat?

Weizsäcker: Wir leben in einer Zeit, in der wir in Europa nicht mehr Nationen herkömmlicher Art sind. Wir sind postnationale Mitglieder der EU, die ihrerseits in einer sich globalisierenden Welt liegt. Um die deutschen Interessen durchzusetzen, brauchen wir in Brüssel eine Stimme. Wir können nicht länger mit 17 Stimmen parallel sprechen, wie die 16 Bundesländer es gern hätten. Die Einsicht in diese Notwendigkeit wächst. Und dazu brauchen wir eine Hauptstadt. Bonn ist eine liebenswerte Stadt. Eine politische Meinung hat sich dort aber nie gebildet. Dafür waren Medien, Verbände und sonstige Meinungsmacher zu weit im Land verstreut. Berlin hingegen wächst langsam zu dem Meinungsbildungszentrum heran, das wir brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wird diese Entwicklung im Rest des Landes wahrgenommen?

Weizsäcker: Ich glaube, das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Hauptstadt hat sich positiv entwickelt. Außerdem finden unsere Kinder und Enkel Berlin sehr spannend. Das wirkt sich doch aus. Man kennt einfach viele junge Leute, die nach Berlin kommen, nicht weil sie hier eine Berufsaussicht haben, sondern weil sie an diesem Leben teilhaben möchten. Diese Art von Lebendigkeit ist größer als in irgendeiner anderen deutschen Stadt. Die Atmosphäre von München ist im Vergleich zu Berlin alt.

SPIEGEL ONLINE: Berlin liegt am östlichen Rand der Bundesrepublik - aber in der Mitte Europas. Liegt da eine Zukunftschance?

Weizsäcker: Ganz gewiss. Europa ist im Zweiten Weltkrieg in seiner Mitte auseinandergebrochen worden und wächst nun aus seiner Mitte wieder zusammen. In dieser Richtung liegt Berlin genau richtig.

Die Fragen stellten Claus Christian Malzahn und Carsten Volkery



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.