Interview mit Antje Vollmer "Wir führen faktisch einen Krieg der Kulturen"

2. Teil: Teil 2: Die Mitschuld der Europäer und die Hoffung auf Uno-Schutzzonen für die afghanische Bevölkerung


Afghanische Flüchtlinge: "Schutzzonen unter Uno-Mandat"
REUTERS

Afghanische Flüchtlinge: "Schutzzonen unter Uno-Mandat"

Vollmer: Genau das führte zu jenem anarchisch-chaotischen Machtgefälle, das sich in dem anarchisch-chaotischen Terror am 11. September ausdrückte. Wir müssen dringend weg vom Unilateralismus. Wenn wir Europäer nach den Ursachen des Terrorismus fragen, können wir uns nicht bequem zurücklehnen und mit dem Finger auf die USA zeigen. Wir haben ja nicht einmal selbst einen handlungsfähigen Machtpol zustande gebracht. Da ist Europa in der Pflicht - und die Staaten des Islam müssen eine ernsthafte Chance bekommen, auch darin, Religion und Politik rational zu trennen.

SPIEGEL ONLINE: Die Europäer stellen aber auch keine Einheit dar. Und im Zweifelsfall verweisen sie lieber, wie im Nah-Ost-Konflikt, auf die USA und verkriechen sich.

Vollmer: Das ist die alte europäische Krankheit, nie rechtzeitig das welthistorisch Notwendige zu erkennen. Sie einigen sich zu spät, sie entwickeln zu spät eine Vorstellung von ihrer eigenen Rolle und verstecken sich gerne hinter den USA. Die Europäer laufen immer noch in den alten Kostümen im neuen Konflikt herum.

SPIEGEL ONLINE: Das neue Kostüm sieht bisher aber nur nach Kampfanzug aus.

Vollmer: Vom Strampler in den Kampfanzug. Das hat Tradition: Wer politisch zu spät agiert, muss in der Regel überreagieren, vor lauter Schreck, der Lage nicht gewachsen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Befürworten Sie eine Feuerpause?

Vollmer: Ich bin eher dafür, dass unter Uno-Mandat Schutzzonen in Afghanistan eingerichtet werden. Fast alle Grenzen sind dicht. Die Aufnahmekapazität der Nachbarländer ist erschöpft. Diese Zonen müssen allerdings mit massiver militärischer Präsenz gesichert werden. In einem Konflikt, der keine klaren Fronten kennt, muss es Rückzugsmöglichkeiten innerhalb des Landes geben, damit die Zivilbevölkerung nicht zur Geisel des Krieges wird. Und wenn man es dann noch schafft, statt Blauhelmen blaue Turbane zu stationieren, die auch tatsächlich in der Lage sind, die Zone militärisch zu sichern, wäre auch das ein Fortschritt. Die islamische Welt würde so einen Beitrag zur Konfliktbewältigung aus sich selbst heraus schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Schröder hat gerade die IG Metall abgekanzelt, weil diese eine Feuerpause forderte. Schily spottet über Intellektuelle, weil sie sich gegen den Krieg aussprechen. Droht der Politik jetzt die Arroganz der Macht oder nach der einmal erklärten uneingeschränkten Solidarität ein, wie es die IG Metall als Retourkutsche formulierte, "Kadavergehorsam gegenüber den USA"?

Vollmer: In der Zeit nach dem 11. September ist es für niemand einfach, mit seiner Kritik oder Anfragen Gehör zu finden. Das liegt an dem Druck und der teilweisen Hysterie. Trotzdem ist es notwendig, in aller Ruhe nachzufragen. Da darf man nicht feige und nicht zimperlich sein.

Die Fragen stellte Markus Deggerich



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