Interview mit Bildungsministerin Bulmahn Dramatische Situation

Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) fordert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die CDU-geführten Länder auf, den Kompromiss zu Studiengebühren nicht zu blockieren. Und sie hätte lieber eine Lern- statt einer Leitkultur.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Bulmahn, die CDU widmete ihren kleinen Parteitag ausschließlich dem Thema Bildung und hat die Leitanträge vorher im Internet durch ihre Mitglieder diskutieren lassen. Die Expertengruppe Ihres "Forums Bildung" will ihre Bildungs-Empfehlungen erst in einem Jahr präsentieren. Läuft die CDU Ihnen den Rang ab?

Edelgard Bulmahn
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Edelgard Bulmahn

Bulmahn: Mitnichten. Wer 16 Jahre die Bildungspolitik total vernachlässigt und die Gelder drastisch gekürzt hat, kann heute jede Woche ein Parteitreffen dazu abhalten - es ändert nichts mehr an der dramatischen Situation, die uns die CDU hinterlassen hat. Wir hingegen haben sofort gehandelt, für mehr Computer und Internet an Schulen gesorgt, das BAföG aufgestockt und ein Reformkonzept vorgelegt, nach dem Professoren bald nach Leistung bezahlt werden. Zum "Forum Bildung": Es präsentiert nach einem Jahr intensiver Arbeit zurzeit seine Zwischenergebnisse.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahlen, die bisher aus der Expertengruppe der Bund-Länder-Kommission dringen, sind alarmierend: Rund 15 Prozent der Jugendlichen in Deutschland bleiben ohne Beruf. Muss da nicht schneller reagiert werden?

Bulmahn: Die Zahlen sind alarmierend. Denn eine Berufsausbildung sichert die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland. Die Lehrstellensituation ist mit dem Sofortprogramm der Bundesregierung und dem Ausbildungskonsens des Bündnisses für Arbeit deutlich besser geworden. Wir haben damit auch den Jugendlichen wieder eine Chance gegeben, die für sich schon keine Perspektive mehr sahen und keinen Ausbildungsplatz mehr gesucht haben. Erstmals haben wir in diesem Jahr die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage schließen können. Es gibt sogar mehr Lehrstellen als Bewerber.

SPIEGEL ONLINE: Noch dramatischer sind die Zahlen in der Frühförderung: Deutschland liegt bei den Bildungsausgaben für Kinder bis zu zwölf Jahren teilweise bis zu 50 Prozent hinter Ländern wie den USA, Japan, Österreich, der Schweiz und einigen skandinavischen Staaten. Wie werden Sie da gegensteuern?

Bulmahn: Da muss mehr getan werden - ganz eindeutig. Die Bundesregierung steigert allein im nächsten Jahr den Bildungs- und Forschungsetat um rund 10 Prozent. Ich bin der Meinung, dass die Länder hier mitziehen sollten und auch ihre Etats erhöhen müssen. Investitionen in Bildung müssen überall Priorität haben - nicht nur in Sonntagsreden und Parteitagsbeschlüssen.

SPIEGEL ONLINE: Ein Streitpunkt, auch bei der CDU, ist immer wieder die Frage der Studiengebühren. Bleibt das Erststudium gebührenfrei?

Bulmahn: Wenn ich das allein entscheiden könnte: ja. Ich will eine bundeseinheitliche Regelung schaffen. Eltern und Studierende brauchen jetzt dringend Verlässlichkeit. Ich fordere die CDU-geführten Länder noch einmal auf, ihre Blockadehaltung aufzugeben und dem Kompromiss aller Kultusminister zuzustimmen. Wir dürfen junge Menschen nicht durch Studiengebühren vom Studium abschrecken. Wir brauchen mehr Studierende um international mithalten zu können.

SPIEGEL ONLINE: Wird es teure Elite-Einrichtungen in Deutschland geben?

Bulmahn: Ich will erst einmal klarstellen: "Teuer" und "privat" ist nicht gleichzusetzen mit "Elite". Sondern eher mit "elitär". Es geht vielmehr darum, Spitzenbegabungen zu fördern. Wir tun das. Die Hochbegabtenförderung und der wissenschaftliche Nachwuchs sind von uns finanziell gestärkt worden. Und schauen Sie sich einmal um: Die angesehensten Wissenschaftspreise der letzten Jahre sind in der Regel an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von so genannten Massenuniversitäten gegangen.

SPIEGEL ONLINE: Für Migranten in Deutschland stellt sich die Bildungssituation noch dramatischer dar. Fast 40 Prozent der Jugendlichen bleiben ohne Beruf. Die Diskussion um die "Leitkultur" betrifft auch stark die Frage eines Bildungskanons in Deutschland. Brauchen wir eine neue Lehr- und Lernkultur?

Bulmahn: Der Begriff "Leitkultur" hat mit der Debatte um einen Bildungskanon nun wirklich nichts zu tun. Im Gegenteil, dieser Begriff ist sehr schädlich. Wir brauchen eher eine neue "Lernkultur". Eine Lernkultur, die sensibel macht für die Frage, wie und wo wir uns öffnen müssen für andere Kulturen. Das wichtige Thema der Bildungsdebatte ist heute vielmehr die Frage, wie Offenheit, Toleranz und interkulturelle Kompetenz vermittelt werden können.

Das Interview führte Markus Deggerich



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