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Interview mit Bruno Schirra: "Wo ich recherchiere, ist das ein Todesurteil"

Was darf ein Reporter und was nicht? Der Journalist Bruno Schirra, der im Mittelpunkt der "Cicero"-Affäre steht, wehrt sich im Interview mit SPIEGEL ONLINE gegen die Unterstellung, mit dem BKA zu kooperieren - und wirft den Grünen vor, ihn in Gefahr zu bringen.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schirra, der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, soll in einer vertraulichen Sitzung des Bundestagsinnenausschusses von einer langjährigen Beziehung oder Kooperation zwischen Ihnen und seinem Haus gesprochen haben. Für Reporter ist das eine problematische Aussage, weil es suggeriert, Sie arbeiteten auch für das BKA. Was hat Herr Ziercke gemeint?

Bruno Schirra: Ich weiß nicht, wie Ziercke "Beziehung" definiert. Wenn er damit meint, dass ich des Öfteren im BKA anrufe und sage: "Das, das und das hätte ich gerne zu dem und dem Thema gewusst" - Ja, dann gibt es eine Beziehung. Wenn es heißt, dass ich gelegentlich frage, ob ich zu einem Thema ein Hintergrundgespräch haben kann - Ja, dann haben wir eine Beziehung. Wenn damit gemeint sein soll, dass ich mit dem BKA kooperiert habe: Nein, das habe ich nie. Nach meinem Verständnis des Begriffes Kooperation würde das bedeuten, dass der eine dem anderen etwas gibt und dafür eine Gegenleistung erhält. Das ist für einen Journalisten vor allem in diesem Feld absolut unzulässig.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Ihre Kontakte mit dem BKA aus?

Schirra: Das sieht so aus, dass ich beispielsweise an einem Artikel über die in Deutschland aktiv gewesene Terrorzelle al-Tawhid und deren Beziehung zu Abu Musab al-Sarkawi arbeite. Dann kann es sein, dass ich beim BKA anrufe und sage: "Ich habe Informationen und Dokumente, die ich so und so interpretiere. Mich würde interessieren, ob Ihre Interpretation sich damit deckt." Dann kommt es manchmal zu einem Hintergrundgespräch mit BKA-Mitarbeitern aus den Fachreferaten. Auf offizieller Ebene. Aber ich habe nie Detailinformationen bekommen. Die Damen und Herren begehen keinen Geheimnisverrat. Das alles ist ein normales journalistisches Vorgehen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das BKA jemals auf Sie zugegangen, wegen Informationen, die Sie hatten?

Schirra: Ja, einmal. Da ging es um den Irak, wo ich mich 2003 drei Monate aufhielt. Gemeinsam mit Kollegen hatten wir im Gebiet der Terrorgruppe Ansar-e Islam ein Chemielabor entdeckt. Wir fanden ein Fass, das mit "Cyanid" etikettiert war, außerdem Acetonflaschen, Selbstmordattentätergürtel, Raketensysteme sowie Trainings- und Handbücher über Guerilla-Taktiken und den Einsatz von Chemiewaffen. Darüber habe ich in der "Zeit" geschrieben und die Dokumente benannt, woraufhin das BKA anfragte, ob man sich nicht unterhalten könne. Man fragte mich, ob ich Material mitbringen könnte.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie reagiert?

Schirra: Ich habe das mit meinem Ressortleiter bei der "Zeit" diskutiert. Uns war klar: Das geht nahe an eine Grenze heran. Wir beschlossen, dass ich mit einem kleinen Teil meines Materials dorthin fahre - und zwar ausschließlich solches Material, über das ich schon geschrieben hatte. Unser Grundproblem war die Einschätzung des Materials beispielsweise in Hinblick auf die Rolle des Iran im Irak. Das Angebot des BKA war: 'Wenn Sie uns das überlassen, checken wir das gegen, mit dem, was wir haben, und geben Ihnen unsere Einschätzung. Aber Sie kriegen keine Detailinformationen oder Ähnliches von uns'.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also Material überlassen?

Schirra: Ja, das Material, auf dem die Artikel, die ich für die "Zeit" aus dem Irak geschrieben hatte, unter anderem beruhten. Zum Beispiel das Handbuch, von dem ich dann hörte, dass es dem BKA schon von anderen Kollegen bekannt war, und einige Flugblätter. Ich habe im Gegenzug eine Einschätzung bekommen, die sich aber weitgehend mit meiner deckte.

SPIEGEL ONLINE: Im Innenausschuss war anscheinend auch die Rede davon, Sie hätten Beziehungen zu Bundesnachrichtendienst und Verfassungsschutz.

Redaktionsräume der Zeitschrift "Cicero": "Faules Ei im Nest"?
Sabine Sauer / DER SPIEGEL

Redaktionsräume der Zeitschrift "Cicero": "Faules Ei im Nest"?

Schirra: Dass ich "Beziehungen" zum BND habe, erschließt sich aus meinen Artikeln, in denen ich immer wieder - anonym - BND-Mitarbeiter zitiere. Dasselbe gilt auch für das eine oder andere Landesamt für Verfassungsschutz. Ich weiß nicht, wie die Äußerungen von Herrn Ziercke gemeint sind, ob er sich unklar ausgedrückt hat. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Herr Ziercke mir ein faules Ei ins Nest legen wollte. Eher ist es wohl so, dass Abgeordnete der Grünen nicht hingehört haben oder nicht richtig hinhören wollten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Schirra, haben Sie jemals von einer der drei genannten Behörden Geld angenommen?

Schirra: Ich habe niemals von einer der genannten oder auch anderen deutschen oder nichtdeutschen Organisation Geld angenommen. Es ist mir nie Geld für Dokumente angeboten worden. Ich lehne so etwas grundsätzlich ab. Erstens spricht das Berufsethos dagegen, zweitens macht man sich damit in der Branche zu Recht unmöglich, und drittens mache ich mich nicht erpressbar. Über kurz oder lang wird so etwas immer öffentlich. In einem solchen Fall ist man beruflich tot. Im Nahen und Mittleren Osten unter Umständen nicht nur beruflich.

SPIEGEL ONLINE: Welche Konsequenzen hat die Ziercke-Aussage für Ihre Arbeit im Ausland?

Schirra: Es hat schon Folgen gehabt. Nachdem die Äußerungen durch die kleine Anfrage der Grünen bekannt geworden sind, bekam ich einen Anruf aus Beirut: "Junge, komm so schnell nicht mehr in den Libanon!" In den Kreisen, in denen ich über Terror recherchiere - bei den Hintermännern, in den Lagern etc. - kommt diese Bemerkung einem Todesurteil gleich. Alle Geheimdienste in den Ländern, um die es hier geht, haben jetzt schon die Memos ihrer Botschaften in Deutschland auf dem Tisch, in denen es - wahrheitswidrig - heißt: Schirra steht auf der Gehaltsliste der Geheimdienste. So, und nur so kommt das dort an.

SPIEGEL ONLINE: Sind diese Gerüchte wieder einzufangen?

Schirra: Nein. Das ist nicht mehr zurückzuholen. Dafür übrigens vielen, herzlichen Dank an die grünen Abgeordneten Christian Ströbele und Volker Beck, die mich durch ihre kleine Anfrage, in vollem Bewusstsein über die Konsequenzen, die das für einen Journalisten dort haben kann, erst in diese Lage gebracht haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie fürchten um Ihr Leben, wenn Sie wieder in den Nahen Osten fahren?

Schirra: Ich will jedenfalls nicht zum Testfall werden. In Beirut würde ich sicher Ärger der unangenehmen Art bekommen. In Iran kann es mir blühen, dass ich die nächsten Monate in einem Gefängnis verbringen darf. In Pakistan könnte ich meinen Kopf verlieren - und zwar buchstäblich.

SPIEGEL ONLINE: Die Debatte zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen Journalisten und Sicherheitsbehörden ist. Wo verläuft die Grenze?

Schirra: Wer Geld nimmt, hat in dem Beruf nichts zu suchen. Ich darf auch nicht nach einer Recherchereise mein Material dem BKA im Tausch für Zusatzinformationen auf den Tisch legen. Schon der Fall, den wir am Anfang besprochen haben, bereitet Bauchschmerzen. So etwas geht nur in enger Absprache mit der Redaktion, also in aller Offenheit, auf keinen Fall still und heimlich.

SPIEGEL ONLINE: Andererseits sind Journalisten seit dem Aufkommen des internationalen islamistischen Terrorismus auf die Expertise der Geheimdienste angewiesen. Hat es seit dem elften September eine Grenzverschiebung gegeben?

Schirra: Ja, und zwar zu Lasten des Berufsethos und der Journalisten. Es gibt zum einen mittlerweile regen Austausch von Informationen zwischen einigen Behörden und Journalisten. Zum anderen war der Journalistenberuf vor 9/11 zumindest ein dünner Schutzschild in der arabisch-islamischen Welt, weil man als eher unabhängig wahrgenommen wurde. Das ist endgültig vorbei.

SPIEGEL ONLINE: In der sogenannten "Cicero"-Affäre, bei der Mitte September die Redaktion und Ihre Wohnung durchsucht wurden, ging es darum, dass Sie im Besitz vertraulicher Dokumente über den Terroristen Abu Musab al-Sarkawi waren.

Schirra: Ja, und ich würde solche Dokumente gerne noch öfter bekommen. Manchmal gibt es halbherzige Versuche, von mir zu erfahren, wer meine Quelle ist. Aber der Quellenschutz geht vor.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt laufen gegen Sie zwei Verfahren wegen Beihilfe zum Geheimnisverrat, das zweite wegen eines Zufallsfundes in Ihren Akten zur Leuna-Affäre. Ihr Privatarchiv ist beschlagnahmt. Wie arbeiten Sie unter diesen Umständen?

Schirra: Das ist fast unmöglich. Ich arbeite an einem Buch über Iran und schreibe auch für diverse Zeitungen darüber, habe aber keinen Zugriff auf meine Unterlagen. Natürlich habe ich einen Kopiensatz, aber der ist nicht in Berlin. Das bedeutet einen extrem hohen Aufwand.

SPIEGEL ONLINE: Das Verfahren gegen den unbekannten BKA-Beamten, der sie informiert hat, ist wegen Verjährung beendet. Ihres läuft noch. Was, glauben Sie, ist die politische Aussage dieser skurrilen Situation?

Schirra: Egal, wie es ausgeht, die Botschaft an alle Journalisten, die investigativ arbeiten, lautet: Passt auf! Wir machen es euch schwerer! Die zweite Message, an die Quellen, heißt: Ihr müsst noch viel mehr aufpassen! Diese Einschüchterung werde ich allerdings nicht akzeptieren.

SPIEGEL ONLINE: In den USA gibt es die Debatte, keine anonymen Quellen mehr zu nutzen, etwa bei der "New York Times", die schlechte Erfahrungen im Vorlauf zum Irak-Krieg gemacht hat. Das wäre der ganz seriöse Weg. Wenn man es macht wie Sie, muss man hierzulande mit einer Razzia rechnen. Wie kann man Quellen schützen und zugleich dokumentieren, wie man recherchiert?

Schirra: Das ist die Quadratur des Kreises, das Grundproblem. Es ist auf jeden Fall unverantwortlich seine Quellen zu nennen. Im anderen Fall gefährden wir die zarten Pflanzen des investigativen Journalismus in Deutschland. Ich finde, es macht heute mehr Sinn denn je, geheim klassifiziertes Material zu hinterfragen und - wenn es sein muss - auch zu veröffentlichen. Wir leben in Terrorzeiten, und jeder hat Anspruch darauf zu wissen, ob er paranoid ist oder ob seine Angst gerechtfertigt ist, weil deutsche Geheimdienste bestimmte Erkenntnisse haben, die die tatsächliche Bedrohungslage aufzeigen.

Das Interview führten Matthias Gebauer, Yassin Musharbash und Holger Stark

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