Interview mit Cem Özdemir "Wärme sollte man nicht in der Partei suchen"

Cem Özdemir glaubt an ein Leben nach dem Bundestag. Der ehemalige Grünen-Abgeordnete, den im vergangenen Sommer ein dubioser Kredit und privat genutzte Bonusmeilen zu Fall brachten, weint seinem Job nicht nach. Windelweich habe er sich prügeln lassen. Jetzt ist genug, findet Özdemir - und hat sich jetzt erstmal nach Amerika abgesetzt.

Von Dominik Baur


SPIEGEL ONLINE:

Ihnen scheint es gut zu gehen, Herr Özdemir. Es gibt es also doch, das Leben nach dem Bundestag?

"Mein Engagement äußert sich jetzt anders" Cem Özdemir als Schirmherr der Aktion "Abenteuer Vorlesen"

"Mein Engagement äußert sich jetzt anders" Cem Özdemir als Schirmherr der Aktion "Abenteuer Vorlesen"

Özdemir: Auf jeden Fall. Es gab ja schließlich auch ein Leben vor dem Bundestag. Spaß beiseite: Es ist ja nun schon einige Zeit vergangen und ich gehe einen für mich sehr spannenden Weg, sowohl persönlich, als auch beruflich. Hier beim "German Marshall Fund" (GMF) in Washington habe ich ein hervorragendes Programm. Ich blicke hinter Entscheidungsstrukturen, knüpfe Kontakte zu Demokraten, Republikanern und allen möglichen Think-Tanks. Die Spannungen im transatlantischen Verhältnis bekomme ich bei einer transatlantischen Organisation wie dem GMF ganz hautnah mit.

SPIEGEL ONLINE: Wie denn?

Özdemir: Ich beschäftige mich mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen unter zwei wesentlichen Aspekten: Wie arbeiten und organisieren sich ethnische Minderheiten und Migranten diesseits und jenseits des Atlantiks. Mein zweites Thema ist die Rolle der Türkei für die US-Außenpolitik bei einer von den Neo-Konservativen geplanten Restrukturierung des Mittleren Ostens. Ein heißes Thema nach der jüngsten Entscheidung des türkischen Parlaments - und Sie können sich vorstellen, was das für mich hier in Washington als Deutschem mit türkischem Hintergrund bedeutet.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Leben hat sich acht Jahre lang nur um die Politik gedreht. Kann man das einfach so hinter sich lassen?

Özdemir: Ich bin ja nicht plötzlich ein unpolitischer Mensch geworden. Mein Engagement äußert sich jetzt bloß anders. Neben Studien und Publikationen zu den genannten Themen habe ich beispielsweise die Schirmherrschaft für das Projekt "Abenteuer Vorlesen" der Körber-Stiftung übernommen, in der es darum geht, das Lesen von Kindern aus Migranten- und Arbeiterfamilien zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Sie blicken also nicht wehmütig zurück? Nach Ihrem Rücktritt hörte man aus Ihrer Umgebung, Sie hätten ihren überstürzten Abgang bereut.

Özdemir: Es war manches in diesen Tagen zu hören - davon das wenigste von mir. Auch wenn es viele nicht verstanden haben damals oder meine Entscheidung verfrüht fanden, ich bereue es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ganz ehrlich?

Özdemir: Ja. Ich hätte schließlich auch einfach meine Funktionen in der Fraktion ruhen lassen können. Mein Rücktritt wurde nur vom Abgeordneten Wolfgang von Stetten aus dem rechten CDU-Flügel gefordert.

SPIEGEL ONLINE: "Wer bei anderen den Moralapostel spielt, muss selbst absolut sauber sein", hat von Stetten in der "Bild" gefordert. Vermutlich nicht Ihr bester Freund - jetzt sieht es so aus, als hätten Sie ausgerechnet auf ihn gehört.

Depremierter Özdemir bei der Verkündung seines Rücktritts
DPA

Depremierter Özdemir bei der Verkündung seines Rücktritts

Özdemir: Auf von Stetten hört man nicht. Seine relativierende Einstellung zur Vergewaltigung in der Ehe, um nur ein Beispiel zu nennen, bekämpft man als Demokrat mit aller Entschiedenheit. Ich habe auf mich selbst gehört und reinen Tisch gemacht. Stellen Sie sich doch mal meine Situation im Wahlkampf vor. Alle sahen das befürchtete oder erhoffte Ende von Rot-Grün. Was, wenn am Ende die Wahl ganz knapp verloren gegangen wäre? Die Vorstellung, dass ich auch nur theoretisch mit daran schuld sein könnte, dass das Duo Möllemann und Westerwelle dieses Land repräsentiert, war für mich völlig unerträglich.

SPIEGEL ONLINE: Wolf Biermann hat Sie in einem offenen Brief in der "Welt" aufgefordert: "Herr Özdemir, treten Sie von Ihrem Rücktritt zurück." Haben Sie je daran gedacht, das zu tun?

Özdemir: Zugegeben: Es hat mich sehr geehrt, dass jemand, der in seinem Leben stets gegen jede Art von Diktatur gekämpft hat, sich direkt an mich wendet.

SPIEGEL ONLINE: Und hat Sie das ins Grübeln gebracht?

Özdemir: Auch der Aufruf von Yasar Kemal, dem Inhaber des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, und vielen anderen Menschenrechtsaktivisten aus der Türkei, blieb sicher nicht ohne Spuren bei mir. Ich glaube aber, mittlerweile verstehen sie meine Beweggründe. Und ein Fürsprecher für meine Freunde dort, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen, kann ich auch ohne Bundestagsmandat sein.

SPIEGEL ONLINE: Die Vorwürfe gegen Sie kamen mitten im Wahlkampf auf den Tisch. Wären Sie zu einem anderen Zeitpunkt auch zurückgetreten?

Özdemir: Ich möchte eigentlich nicht mehr zurückblicken, sondern den Blick nach vorne richten. Natürlich kam damals einiges zusammen: der Wahlkampf, die Scharping-Affäre...

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich müssen Sie ja ganz schön sauer auf Rudolf Scharping sein. Wäre durch ihn nicht plötzlich der Name Hunzinger in aller Munde gekommen, wären Sie jetzt noch im Amt.

Özdemir: Naja, Scharping hat mir ja nicht gesagt, was ich mit meinen Bonusmeilen machen soll. Ich spreche und handle für mich.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das von Anfang an so locker gesehen?

Özdemir als Model für Strellson
DPA

Özdemir als Model für Strellson

Özdemir: Nein, ich musste natürlich erst mal einiges verarbeiten. Dass es mir am Tag des Rücktritts nicht so rosig ging, hat man ja auf den Bildern von der Pressekonferenz gesehen. Ich habe mich dann für ein paar Wochen zurückgezogen, bin zu Freunden aufs Land gefahren. Aber danach ging das Abstandnehmen relativ schnell. Ich glaube, es ist schwieriger zu verkraften, wenn man kandidiert und dann nicht gewählt wird. Wenn die Leute hinterher sagen: Endlich ist er weg.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie dem Rücktritt aus heutiger Perspektive auch Positives abgewinnen?

Özdemir: Klar, es ist schon angenehmer, meine Zeit und meine Arbeitsschwerpunkte stärker selbst zu bestimmen. Während meiner Zeit im Bundestag habe ich einige meiner Freunde vernachlässigt, sehr wenig gelesen, jahrelang habe ich keinen vernünftigen Kinofilm mehr gesehen. Bei neu erschienenen Büchern habe ich immer nur die Kritiken gelesen, so dass ich mitreden konnte, aber das Buch selber habe ich nicht gelesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie möchten also gar nicht mehr in die Politik zurückkehren?

Özdemir: Langsam, langsam. Um nicht immer Kaiser Franz zu zitieren: Mr. Finleyson sagt in einem Film mit Oliver Hardy und Stan Laurel: Ich sage nicht ja, ich sage nicht nein.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich denn selbst eine Zwangspause verordnet?

Özdemir: Nein, aber ich wollte nicht gleich wieder voll durchstarten. Viele haben mir ja gesagt: Lass die Bundestagswahl verstreichen und geh dann mit dem Wahlerfolg im Rücken wieder rein. Ich wollte das nicht. Es gibt genügend andere Möglichkeiten, wie ich mich für meine Ziele engagieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Und was sind das für Möglichkeiten? Was machen Sie nach Ihrer Rückkehr aus den USA?

Özdemir: Das möchte ich noch nicht verraten. Jedenfalls werde ich kein Talkmaster, um diese gelegentlich gestellte Frage gleich zu beantworten.

SPIEGEL ONLINE: Rezzo Schlauch, Sie wissen schon, das ist der mit dem Gratisflug nach Thailand, ist jetzt Staatssekretär bei Superminister Wolfgang Clement. Ärgert Sie das nicht? Sie treten zurück, und die anderen machen Karriere.

Özdemir: Nein, das stört mich nicht. Ich habe ein gutes Gefühl mit meiner Entscheidung.

SPIEGEL ONLINE: Wie war denn die Reaktion der Fraktionskollegen auf Ihren Rücktritt? Man hatte nicht gerade den Eindruck, dass die Sie zurückhalten wollten.

Özdemir: Es gab sehr viele, deren Reaktion sehr ehrlich und herzlich war. Eine Partei, das gilt auch für meine Partei, ist eine Organisation zur Durchsetzung von gemeinsamen Zielen, Wärme sollte man sich woanders holen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es denn auch menschliche Enttäuschungen? Haben Sie sich von der Parteispitze fallengelassen gefühlt?

Özdemir: Sie hat professionell reagiert. Ansonsten werden Sie von mir nichts Negatives über meine Partei hören. Ich halte nichts davon, mit der eigenen Partei über die Medien zu kommunizieren. Daher auch meine mediale Zurückhaltung in Sachen Bundesregierung. Egal, was ich sagen würde, es würde stets als ein Abrücken von den eigenen Leuten interpretiert werden. Ich eigne mich nicht als Kronzeuge des politischen Gegners.

Das Gespräch führte Dominik Baur



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