Interview mit dem Politologen Tibi "Wir brauchen eine europäische Leitkultur"

Bassam Tibi prägte einst den Begriff "Leitkultur". Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Politikwissenschaftler, warum er die laufende Integrationsdebatte für hysterisch hält, weshalb das Konzept der multikulturellen Gesellschaft gescheitert ist und welchen Ausweg eine neue Bürgeridentität bietet.


Integrationsforscher Tibi: Keine deutschen Sonderwege
DDP

Integrationsforscher Tibi: Keine deutschen Sonderwege

SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Tibi, schon zum zweiten Mal tobt in Deutschland eine Debatte um den Begriff "Leitkultur", den sie Ende der Neunziger Jahre geprägt haben. Zuletzt hat ihn nun Bundesinnenminister Schily als "schwachsinnig" und "Griff in die Mottenkiste" bezeichnet. Sind Sie empört?

Tibi: Das erstaunt mich schon. Als kürzlich in Rom eine italienische Übersetzung meines Buches "Islamische Zuwanderung - die gescheiterte Integration" in Anwesenheit von Herrn Schily vorgestellt wurde, hat er mir und meinen Ideen noch ausdrücklich beigepflichtet. Das Wort "Leitkultur" fiel zwar nicht - aber um nichts anderes geht es in meinem Buch. Ich habe Herrn Schily anschließend gedankt, dass er meinem Konzept zustimmt. Er selbst bevorzugt zwar einen anderen Begriff, aber es geht hier doch um Inhalt, darum nämlich, dass es eine demokratische Hausordnung und Werteorientierung gibt, die - eben als Leitkultur - für alle verbindlich ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprachen seinerzeit von einer europäischen Leitkultur, die CSU verlangt nun nach einer deutschen Version. Ist das von Bedeutung?

Tibi: Das macht einen großen Unterschied. Ich habe immer betont, dass es gefährlich ist, von einer deutschen Leitkultur zu sprechen. Und zwar aus zwei Gründen: Zunächst einmal ist das Problem, über das wir hier reden, europäisch. Man braucht nur auf die Niederlande und den Mord an Theo van Gogh zu blicken, um das zu erkennen. Folglich brauchen wir auch eine europäische Werteorientierung. Jeder andere Ansatz führt außerdem zu deutschen Sonderwegen, und die sind hier gänzlich unangebracht. Wichtig ist: Die Linie verläuft nicht zwischen Europa und dem Islam, sondern zwischen allen offenen Gesellschaften und ihren Feinden. Ich selbst bin Muslim und stehe auf der Seite der offenen Gesellschaft. Demokratische Muslime wie ich können für eine europäische Leitkultur und gegen ihre Gegner kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben stets betont, dass sich nur eine säkular geprägte Gesellschaftsordnung gegen Islamisten durchsetzen und ein friedliches Zusammenleben ermöglichen kann. Ist dieser Gedanke für die in Deutschland und Europa lebenden Muslimen fremd?

Tibi: Die französischen Muslime haben hier in den vergangenen Jahren ein gutes Beispiel gesetzt. Der Obermufti von Marseille und der Imam der Moschee von Paris haben erklärt, dass der Islam mit einer laizistischen Staatsordnung, die Religion und Politik trennt, kompatibel ist. Meine Idee der europäischen Leitkultur geht von einem demokratischen Gemeinwesen aus, dessen Mitglieder durch eine gemeinsame Identität als Bürger miteinander verbunden sind. Bürgeridentität - im Sinne der französischen Citoyenite - steht also über religiöser Identität. Die bleibt einem im Privaten natürlich unbenommen - aber in der Öffentlichkeit gibt es nur die Bürgeridentität. Das würde Muslime und Nichtmuslime vereinigen.

SPIEGEL ONLINE: Für wie hoch halten Sie den Anteil in Deutschland lebender Muslime, die bereit sind, sich einem solchen Modell zu öffnen?

Tibi: Geht man vom heutigen Zustand aus, würde die Mehrheit vermutlich Nein sagen. Aber wir müssen langfristig denken. Wenn man es schafft, muslimische Kinder der dritten Generation der Moscheeverein-Kultur zu entziehen, dann ist es möglich, sie für eine Bürgeridentität empfänglich zu machen. Das kommt nicht von alleine. Man muss erst den bestehenden Wertekonflikt zwischen Säkularität auf der einen und religiöser Bestimmung der Gesellschaft auf der anderen Seite angehen. Wir müssen die Herzen und Seelen der jungen Muslime gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die besten Strategien?

Tibi: Kurzfristig müssen wir die wehrhafte Demokratie stärken, und dazu gehört auch Sicherheitspolitik. Bei der Abschiebung von Metin Kaplan etwa, dem "Kalifen von Köln", stimme ich absolut mit Innenminister Schily überein. Langfristig müssen wir vor allem auf das Erziehungswesen setzen.

SPIEGEL ONLINE: Von allen Seiten ist in Deutschland derzeit zu hören, die multikulturelle Gesellschaft sei gescheitert. Stimmen Sie zu?

Tibi: Es kommt darauf an, was man unter dem Begriff versteht. Multikulti heißt in meinem Verständnis nebeneinander und "anything goes". Multikulti bedeutet, dass die einen nach der Scharia und die anderen nach dem Grundgesetz leben - und das ist in der Tat gescheitert. Der Mord an Van Gogh zeigt uns, dass wir stattdessen ein Miteinander brauchen. Das bessere Konzept ist Kulturpluralismus. Anders als Multikulturalismus bedeutet Kulturpluralismus nicht nur Vielfalt, sondern auch Gemeinsamkeit - nämlich die Verständigung auf eine Hausordnung, eben die europäische Werteordnung. Betrachten Sie zur Veranschaulichung das Beispiel der niederländischen Politikerin Ayaan Hirsli Ali, die ebenfalls Morddrohungen erhalten hat. Sie hat gesagt, dass sie keine Muslimin mehr sein will. Nach der europäischen Werteordnung ist das ihr gutes Recht, nach islamischen Recht aber stellt das einen Abfall vom Glauben dar - und dafür darf sie umgebracht werden. Eine europäische Leitkultur erlaubt dies nicht, wohl aber die Scharia.

SPIEGEL ONLINE: Sie lehren zurzeit an der Harvard University in den USA. Was für einen Eindruck haben Sie aus der Distanz von der deutschen Integrationsdebatte?

Niederländische Politikerin Ayaan Hirsi Ali: Dschihad und Scharia müssen draußen bleiben
AP

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Tibi: Sie wird genau so hysterisch geführt wie ihre erste Auflage vor vier Jahren. Warum kann man nicht in aller Ruhe überlegen, welche Konsequenzen aus dem Mord an Van Gogh zu ziehen sind? Ein Problem ist, dass kaum jemand sich noch die Mühe macht, seine Begriffe zu definieren. Claudia Roth zum Beispiel, die Grünen-Chefin, sagt zugleich, dass sie gegen Wertebeliebigkeit und für die multikulturelle Gesellschaft ist. Für mich ist das ein Widerspruch. Das heißt: Wir müssen neue Konzepte suchen.

SPIEGEL ONLINE: Welches Land kann auf der Suche nach neuen Konzepten ein Vorbild für Deutschland sein?

Tibi: In Deutschland ist es möglich zu sagen, Ali ist deutscher Staatsbürger und Türke, weil das Bürgersein bei uns über den Pass definiert ist. In Frankreich ist das anders. Die Leitkultur dort besteht aus der Identität als Bürger, der an der Zivilgesellshaft teilnimmt, plus Laizismus. In Frankreich ist man deshalb auch als Migrant Franzose. Das ist ein Modell für Deutschland. Man könnte sagen: Wir brauchen eine französische Leitkultur für Deutschland. Auch wir brauchen Bürgeridentität und Laizismus. Die Konzepte von Dschihad und Scharia dagegen müssen aus Europa herausgehalten werden.

SPIEGEL ONLINE: Wer kann innerhalb der deutschen muslimischen Community Ansprechpartner sein?

Tibi: Das Zentrum für Türkeistudien ist für mich ein wichtiger Vertreter der türkischen Diaspora in Deutschland und steht zudem hinter dem Konzept eines europäischen Islam. Darum ist es ein besserer Ansprechpartner als etwa die religiös-antiintegrative Organisation Milli Görüs oder der von ihr dominierte Islamrat. Ich als sunnitischer Araber fühle mich auch nicht vom arabisch geprägten Zentralrat der Muslime vertreten, der ohnehin nur eine kleine Minderheit der hier lebenden Muslime repräsentiert. Als Bundeskanzler Schröder nach dem 11. September 2001 dessen Vorsitzenden Nadeem Elyas als Ansprechpartner für unsere Belange eingeladen hat, habe ich sogar einen Protestbrief geschrieben. Eine Antwort habe ich aber nie bekommen.

Das Interview führte Yassin Musharbash



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