Ex-Bundeskanzler im Interview Schröder rät Merkel zu rechtzeitigem Abschied

"Irgendwann wollen Medien und Öffentlichkeit ein neues Gesicht haben": Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder rät Kanzlerin Angela Merkel, rechtzeitig an einen Nachfolger zu übergeben. Der SPD-Politiker lobt Parteichef Gabriel und erzählt von seinen iPad-Plänen.

HC Plambeck

Ein Interview von , und


Berlin/Hannover - Er hat Deutschland sieben Jahre lang regiert und hätte das gerne noch ein bisschen länger getan - aber die Wähler wollten ihn 2005 nicht mehr: Gerhard Schröder, 69, ging unfreiwillig aus dem Amt. Nun rät der Ex-Bundeskanzler seiner Nachfolgerin Angela Merkel, nicht den richtigen Zeitpunkt für den Abschied zu verpassen. "Die Beanspruchung im Amt ist schon immens", sagte der SPD-Politiker im SPIEGEL-ONLINE-Interview. "Dazu kommt, dass Medien und Öffentlichkeit irgendwann ein neues Gesicht haben wollen." Es sei deshalb "auf jeden Fall" sinnvoll, rechtzeitig an einen Nachfolger zu übergeben, so Schröder. Merkels Problem aus seiner Sicht: "Aber die Union hat doch niemanden."

Zur Person
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    Gerhard Schröder, Jahrgang 1944, war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler. Der ehemalige SPD-Chef regierte sieben Jahre lang gemeinsam mit den Grünen. Von 1990 bis 1998 war Schröder niedersächsischer Ministerpräsident. Seit dem Abschied aus der Politik ist er unter anderem als Aufsichtsratschef der Nord Stream AG tätig und arbeitet als Rechtsanwalt.

Schröder äußerte sich auch zum Politikstil der CDU-Kanzlerin. "Regieren verlangt gelegentlich auch Mut zum Risiko. Nur immer nach dem Motto zu handeln: 'Erst mal sehen, in welche Richtung sich die Mehrheitsmeinung entwickelt', funktioniert auf Dauer nicht", kritisierte er. "Stets dem Mainstream zu folgen, hat nichts mit politischer Führung zu tun."

Der Ex-Kanzler macht sich auch Gedanken über die Aufstellung der SPD - dabei findet er viel Lob für seinen Parteichef Sigmar Gabriel. "Er macht das sehr gut und hoffentlich auch noch lange - die SPD hatte ja in der Vergangenheit eher zu viele Vorsitzende als zu wenige." Zudem habe sich Gabriel "mit dem Wirtschafts- und Energieministerium genau das richtige Ressort gesichert", so Schröder.

Lesen Sie hier das komplette SPIEGEL-ONLINE-Interview:

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem neuen Buch "Klare Worte" treten Sie energisch für den Schutz der Schwächsten in der Gesellschaft ein: Kinder. Wegen des Verdachts auf Besitz von Kinderpornografie wird gegen Ihren Parteifreund Sebastian Edathy ermittelt. Wie sehen Sie den Fall?

Schröder: Ich will das konkret nicht kommentieren, da es sich um ein laufendes Verfahren handelt. Grundsätzlich sage ich aber: Die Abgrenzung im deutschen Strafrecht zwischen legalen Bildern von nackten Kindern und pornografischem Material muss überdacht werden. Ich bin der Meinung, dass der gewerbsmäßige Handel mit Nacktbildern von Kindern im Internet oder sonst wo generell unter Strafe gestellt werden muss. Daher begrüße ich den entsprechenden Vorstoß von Bundesjustizminister Heiko Maas in diese Richtung.

SPIEGEL ONLINE: SPD-Chef Gabriel will Edathy aus der Partei werfen lassen. Ist das der richtige Weg?

Schröder: Das sollen die in der SPD entscheiden, die Verantwortung tragen.

SPIEGEL ONLINE: Reden wir über die Große Koalition. Das letzte Bündnis dieser Art endete für die SPD in einem Wahlfiasko. Wie groß ist Ihre Sorge, dass es diesmal wieder so kommt?

Schröder: Da habe ich überhaupt keine Sorge. Das hat zwei Gründe: Erstens hat die SPD nicht nur die sogenannten harten Ministerien für sich reklamiert, sondern besetzt beispielsweise mit dem Familienressort auch weiche Themen. Damit kann sie sich anders profilieren. Das hat meine Partei besser gemacht als 2005, als wir diese Ressorts der Union überlassen haben. Und zweitens: In der Anfangsphase der letzten Großen Koalition hat man zu sehr auf Harmonie gesetzt. Damit will ich nicht sagen, dass man Streit braucht, wie jetzt aktuell im Fall Edathy - aber die Unterschiede zwischen den Koalitionspartnern müssen schon deutlich herausgearbeitet werden. Da habe ich mit Blick auf die jetzige SPD-Führung einen ganz anderen Eindruck.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: In der letzten Großen Koalition war die SPD schwer aktiv, und am Ende hat die Kanzlerin die Lorbeeren eingeheimst. Das könnte wieder so laufen.

Schröder: Nein. Regieren verlangt gelegentlich auch Mut zum Risiko. Nur immer nach dem Motto zu handeln: "Erst mal sehen, in welche Richtung sich die Mehrheitsmeinung entwickelt", funktioniert auf Dauer nicht. Stets dem Mainstream zu folgen, hat nichts mit politischer Führung zu tun.

Ex-Kanzler Schröder: Er sieht die SPD auf einem guten Weg
HC Plambeck

Ex-Kanzler Schröder: Er sieht die SPD auf einem guten Weg

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von der Kanzlerin?

Schröder: Jedenfalls meine ich damit nicht meine Partei, die durchaus bereit ist, politische Führung zu übernehmen. Für die SPD wird in den kommenden Jahren von zentraler Bedeutung sein, ob sie für gute Wirtschaftspolitik steht, auch mit Blick auf die Energiewende. Da hat sich Sigmar Gabriel mit dem Wirtschafts- und Energieministerium genau das richtige Ressort gesichert.

SPIEGEL ONLINE: Die Kanzlerin ist nun acht Jahre im Amt. Ist man da als Kanzler irgendwann ausgelaugt? Wie sehr zehrt das Regieren an den Kräften?

Schröder: Ich habe seinerzeit nicht ohne Grund gesagt: Zwei Legislaturperioden als Kanzler sind genug. Die Beanspruchung im Amt ist schon immens. Dazu kommt, dass Medien und Öffentlichkeit irgendwann ein neues Gesicht haben wollen. Sollte Angela Merkel 2017 also nochmal antreten, wird sie es weitaus schwerer haben. Aber das weiß sie auch.

SPIEGEL ONLINE: Ist es deshalb sinnvoll, als Kanzler rechtzeitig einen Nachfolger aufzubauen und möglicherweise an ihn oder sie zu übergeben?

Schröder: Auf jeden Fall. Aber die Union hat doch niemanden.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit Ursula von der Leyen?

Schröder: Sie wird in ihrem neuen Amt zeigen müssen, was sie kann.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Parteichef Gabriel gilt als designierter SPD-Kanzlerkandidat für die nächste Bundestagswahl. Ist ihm das noch zu nehmen?

Schröder: Sigmar Gabriel ist Parteichef, er macht das sehr gut und hoffentlich auch noch lange - die SPD hatte ja in der Vergangenheit eher zu viele Vorsitzende als zu wenige. Irgendwann wird dann der Zeitpunkt kommen, einen Kanzlerkandidaten zu bestimmen, dann sehen wir weiter. Jetzt ist das keine Frage, die ansteht.

SPIEGEL ONLINE: Sie bestehen auch in Ihrem Buch darauf, dass die SPD nur den Kanzler stellen kann, wenn die Partei für Wirtschaftskompetenz steht. Aber stimmt das? Merkel beispielsweise war 2005 ja nicht unbedingt eine Koryphäe auf diesem Gebiet...

Schröder:... und das ist sie bis heute nicht.

Heimspiel: Schröder in seinem Hannoveraner Büro mit den SPIEGEL-ONLINE-Redakteuren Roland Nelles, Veit Medick und Florian Gathmann (v. l. n. r.)
HC Plambeck

Heimspiel: Schröder in seinem Hannoveraner Büro mit den SPIEGEL-ONLINE-Redakteuren Roland Nelles, Veit Medick und Florian Gathmann (v. l. n. r.)

SPIEGEL ONLINE: Sie gewann aber damals trotzdem gegen Sie.

Schröder: Die ökonomische Kompetenz alleine ist es auch nicht, die zum Erfolg bei den Wählern führt. Weiche Themen sind ebenso wichtig. Welche Entwicklungsmöglichkeiten gibt es für Frauen? Wie kann sich die Gesellschaft öffnen? Wer da nichts zu sagen hat, hat es schwer. Aber umgekehrt gilt auch: Ohne wirtschaftspolitische Kompetenz ist ein Wahlerfolg nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten auch deshalb Erfolg, weil Sie in manchen großen Fragen - zum Beispiel beim Irak-Krieg - schlicht den Zeitgeist trafen. Heute gibt es in den großen Fragen kaum noch Unterschiede zwischen den Parteien. Fällt politische Profilierung da schwerer?

Schröder: Das Nein zum Irak-Krieg kann nicht isoliert betrachtet werden. Wir haben damals nicht nur nein gesagt: Im Kosovo und in Afghanistan haben wir uns gemeinsam mit den Verbündeten engagiert. Das ist übrigens ein Zeichen dafür, dass wir damals schon begonnen haben, die internationale Verantwortung Deutschlands auszuweiten. Da wird in der jetzigen Diskussion das Rad nicht neu erfunden. Und was Ihre Frage nach den großen Themen angeht: Natürlich gibt es die auch heute. Denken Sie nur an Europa: Da würde man ja mal ein klares Wort erwarten.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Schröder: Ein Beispiel: Welche Gefahren drohen durch eine Re-Nationalisierung? Aus welchen Gründen wollen wir die denn nicht? Ich hoffe, das wird im Europawahlkampf auch klar angesprochen. Gegenwärtig wird die Europapolitik auf die Frage reduziert, ob wir Griechenland helfen oder nicht. Das ist ein bisschen wenig. Eine grundsätzliche Auseinandersetzung darüber zu führen, was wir mit Europa vorhaben, das sollte schon sein. Und zwar nicht nur mit Blick auf die Schweiz, sondern auch in Richtung CSU mit ihrem seltsamen Satz: Wer betrügt, der fliegt. Es wäre nicht schlecht für den deutschen Konservatismus, wenn er zumindest in Europafragen auf demselben Schiff unterwegs wäre. Da sind die Unterschiede zwischen CDU und CSU doch erheblich.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man was bewegen will, braucht man eine Mehrheit. Die SPD öffnet sich langsam in Richtung links, um möglicherweise einmal eine andere Machtoption zu haben. Das loben Sie in Ihrem Buch.

Schröder: Ich lobe nicht die Linksöffnung. Ich finde den strategischen Gedanken dahinter gut. Die SPD hat genau zum richtigen Zeitpunkt eine Entscheidung getroffen, die nötig war. Sie hat auf der einen Seite die Große Koalition beschlossen, aber gleichzeitig auch gesagt: Wir fragen jetzt, geht das denn mit denen von der Linkspartei? So lange die ihre unsinnigen Positionen, wie etwa die Forderung nach dem Abschied aus der Nato oder ihre sozialpolitischen Phantasien, nicht lassen, so lange wird es nicht gehen. Aber immerhin ist man jetzt mal an einem neuen Punkt, wo wir wie in Skandinavien - dort gibt es ja solche Koalitionen - sagen: Die Linken sind keine Schmuddelkinder. Es gibt nur inhaltliche Unterschiede, und man guckt, ob es zusammenpasst.

  Porträt: Der Ex-Bundeskanzler im Treppenhaus seiner Kanzlei
HC Plambeck

Porträt: Der Ex-Bundeskanzler im Treppenhaus seiner Kanzlei

SPIEGEL ONLINE: In Thüringen könnte Ihre Partei bald vor der Frage stehen, ob sie einen Linken zum Ministerpräsidenten wählt.

Schröder: Wünschenswert ist, dass eine Sozialdemokratin Ministerpräsidentin wird. Aber erinnern sie sich doch mal daran, was los war, als vor 30 Jahren die ersten rot-grünen Landesregierungen gebildet wurden. Das hat auch geklappt. Insofern kann man gelassen bleiben. Ob das mit einem linken Ministerpräsidenten geht, muss in der Landespolitik entschieden werden und nirgends sonst. Aber bei allem Respekt vor Thüringen: Das wäre jetzt auch kein welthistorisches Ereignis.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch bezeichnen Sie sich selbst als konservativen Mediennutzer. Wie halten Sie es mit dem Internet?

Schröder: Das ist nicht mein bevorzugtes Medium. Ich lese auch keine Bücher auf elektronischen Geräten. Ich muss ein Buch in der Hand haben. Ich glaube auch, dass Bücher ihre Bedeutung behalten.

SPIEGEL ONLINE: Facebook? Twitter?

Schröder: Nichts. Ich hab da keine Accounts. Ich mache übrigens auch kein Online-Banking.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie Ihre Daten schützen?

Schröder: Ja, meine privaten Daten auf jeden Fall. Das halte ich für sehr wichtig, denn der wirkliche Skandal der NSA-Affäre ist, dass Millionen Privatleute flächendeckend ausgehorcht werden. Das muss unterbunden werden.

SPIEGEL ONLINE: Viele Ihrer Daten sind in Ihrer Kanzlerschaft offenbar trotzdem in den USA gelandet. Die NSA soll Sie abgehört haben.

Schröder: Natürlich bin ich davon ausgegangen, dass andere Staaten versuchen, Informationen zu gewinnen. Aber dass angeblich mein Handy abgehört worden sein soll, das hat mich wirklich überrascht. Ich hatte nämlich gar keines. Aber meine Mitarbeiter hatten Mobiltelefone, die ich benutzt habe.

SPIEGEL ONLINE: Martin Schulz, der EU-Parlamentspräsident, ist ähnlich analog unterwegs wie Sie. Neulich wollte er aber mal einen iPad-Kurs machen…

Schröder: Vielleicht sollte ich den Kurs mit ihm zusammen machen.

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insgesamt 138 Beiträge
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Seite 1
Hank Hill 21.02.2014
1. Der Mann
soll einfach weg gehen. Er hat alles verraten was die SPD mal ausgemacht hat, immer nur seine eigene Karriere im Kopf. Es ist schwer ertraeglich wie er jetzt Ratschlaege gibt, der lupenreine Demokrat. LOL
Bikkje 21.02.2014
2.
Es geht nicht um ein neues Gesicht, sondern um eine kompetente Führungsperson. Von Helmut Schmidt bin ich nach wie vor nicht gelangweilt, obgleich das Gesicht schon lange in den Medien zu sehen ist...
Hank Hill 21.02.2014
3. Die Aktionen
dieses Mannes haben viele Deutsche politisch heimatlos gemacht. Es sind die Menschen welche die CDU nicht waehlen koennen und die Linke nicht waehlen wollen. Der Name Schroeder steht fuer Politikverdrossenheit in Deutschland.
augur 21.02.2014
4. Die Ratschläge des Herrn Schröder
lösen bei mir genau die gleichen Reaktionen aus wie jene eines gewissen Boris Becker: keine. Auch die regelmäßigen ungefragten Zu-Wort-Meldungen fördern nicht die Wichtigkeit der "Meldungen", sie sind einfach nur lächerlich.
lengst34 21.02.2014
5. Gerhard Schröder
ist ein Realist, der den Nagel auf den Kopf getroffen hat in seinem Interview mit dem SPIEGEL: Wenn Angela Merkel seinen Rat befolgt, würde es mit der deutschen Politik und mit Europa voran gehen. Diese Frau ist eine Europabremse und eine Fahne im Wind.
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