Gabriel-Interview im ZDF Seehofer kanzelt Slomka ab

Die Große Koalition steht noch nicht, aber SPD-Chef Gabriel hat bereits einen engen Verbündeten in der Union: Horst Seehofer. Der CSU-Chef hat sich jetzt in harschen Tönen über das ZDF-Interview von Marietta Slomka mit dem Sozialdemokraten beschwert.

Von , München

CSU-Chef Seehofer am Freitag vor Journalisten: "Wo sind wir eigentlich?"
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CSU-Chef Seehofer am Freitag vor Journalisten: "Wo sind wir eigentlich?"


Auf dem Schreibtisch von Thomas Bellut wird schon bald Post aus München landen, der Tonfall dürfte nicht allzu herzlich sein. CSU-Chef Horst Seehofer hat dem ZDF-Intendanten geschrieben, als Reaktion auf das am Donnerstag ausgestrahlte Interview von "heute journal"-Moderatorin Marietta Slomka mit SPD-Chef Sigmar Gabriel. (Hier können Sie die komplette Sendung ansehen, das Schaltgespräch beginnt nach sieben Minuten, Mobilnutzer sehen das Interview hier bei YouTube.)

Seehofer machte am Freitag vor Journalisten seine Verärgerung über Fragen der Moderatorin deutlich. Man könne sich "nur wundern", sagte Seehofer vor einer Sitzung des CSU-Parteivorstands. Slomka hatte in dem Interview unter anderem die Frage gestellt, ob das bevorstehende Mitgliedervotum der SPD über den Koalitionsvertrag von Union und SPD - wie manche Kritiker sagen - verfassungswidrig sei, und war dadurch in ein Wortgefecht mit dem SPD-Politiker geraten. Gabriel sei in dem Interview wie "ein Schulbub" hingestellt worden, der sich keine Gedanken über die Verfassung mache, so Seehofer. "Ich wehre mich gegen die Qualität der Diskussion", sagte der bayerische Ministerpräsident.

Eigentlich war Seehofer in bester Laune zur Vorstandssitzung gekommen: Den von CDU, CSU und SPD unterzeichneten Koalitionsvertrag lobte der 64-Jährige als "schlüssiges Dokument", die "bayerische Philosophie" von Sparen und Investieren sei "eins zu eins auf Berlin" übertragen worden. Es handele sich um einen "wirtschaftsfreundlichen Koalitionsvertrag", betonte Seehofer.

ZDF-Fragen hätten mit Qualitätsjournalismus nichts zu tun

Alles bestens also in Seehofers Welt - und dann kam doch eine Journalistenfrage zur Verfassungsmäßigkeit des SPD-Mitgliedervotums. "Ist das ZDF auch da?", entgegnete Seehofer zunächst. Damit war klar, dass mal wieder etwas ausführlichere Äußerungen zu dem Sender folgen würden. Natürlich war das ZDF auch da. Es folgten ein weiteres Mal Watschn vom CSU-Chef. Inzwischen verbindet das ZDF und die Christsozialen eine gewisse Lieblingsfeindschaft: Es ist noch nicht lange her, da musste sich "heute-journal"-Moderator Claus Kleber bei der CSU entschuldigen, weil in einem Beitrag fälschlicherweise behauptet worden war, der wegen Steuerhinterziehung angeklagte FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß sei aus einem CSU-Werbefilm herausgeschnitten worden.

"Wo sind wir eigentlich?", fragte Seehofer am Freitag mit Bezug auf das ZDF-Interview mit Gabriel. Kopfschütteln sei der "mildeste Ausdruck" für die Bewertung des Interviews, so Seehofer. Dass die SPD ihre Parteibasis über den Koalitionsvertrag abstimmen lasse, sei "sehr verständlich und logisch". Es sei für ihn nicht nachvollziehbar, dieses Vorgehen mit verfassungsrechtlichen Bedenken in Verbindung zu bringen.

In der CSU würden rund hundert Leute über den Koalitionsvertrag entscheiden - der CSU-Vorstand tagte am Freitag zusammen mit der CSU-Landesgruppe und segnete am Abend das Abkommen ab. Bei der CDU würde ein kleiner Parteitag über das Dokument entscheiden, so Seehofer: "Wenn ein Mitgliederentscheid verfassungswidrig ist, dann sind es unsere Veranstaltungen gleich doppelt und dreifach", sagte der CSU-Chef. Er gehe jetzt also in eine "verfassungswidrige Veranstaltung", witzelte er. Fragen, wie sie im ZDF-Interview aufgeworfen wurden, hätten seiner Ansicht nach mit Qualitätsjournalismus nichts zu tun.

Der Sender hatte zuvor das Interview gerechtfertigt. "Argumentativer Schlagabtausch und Verbalgefecht sind Instrumente des politischen Journalismus", erklärte die Redaktionsleiterin des "heute-journal", Anne Reidt, am Freitag laut ZDF-Mitteilung. "Den Vorwurf der Parteilichkeit wies die Moderatorin entschieden und mit Recht zurück." Ein Schreiben Seehofers sei bislang nicht eingegangen, sagte am Freitagabend ein ZDF-Sprecher.

Slomka selbst sagte in einem "Bild"-Interview: "Die Vielzahl von Interviews, die ich in den letzten zwölf Jahren geführt habe, belegen, dass dieser Vorwurf jeder Grundlage entbehrt. Ich trage keine parteipolitische Brille. Als Journalistin habe ich die Aufgabe, Politiker mit Kritik zu konfrontieren", sagte Slomka.

Gabriel verteidigte am Freitag sein energisches Auftreten gegenüber Slomka, der SPD-Chef hatte in dem Interview unter anderem von "Quatsch" gesprochen, als Slomka ein weiteres Mal nachhakte. Man müsse "doch auch mal Emotionen zeigen", sagte Gabriel in einer Aufzeichnung für das RTL-Magazin "sonntags.live". "Wir sind ja keine kalten Fische, und manche Journalisten glauben, wir Politiker seien so zum Watschenmann da."

Es sieht ganz so aus, als könnten Seehofer und Gabriel noch enge Freunde werden.

Mit Material von dpa



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tob99 29.11.2013
1. optional
nun noch ein Maulkorberlass.Demokratie? was ist das? Maul halten? Schönreden? Diener machen?. Ich wünschte mir mehr von den Journalisten/in, das auch die Fragen angesprochen werden, klar , deutlich, die da sind. Schönredner von Journalisten gibt es hier wahrlich schon genug
rvogt 29.11.2013
2. Unfug
Die Politiker einer großen Koalition werden keine ernstzunehmende Opposition im Parlament haben; um so wichtiger sind Journalisten, die den Mut haben, ihnen die Stirn zu bieten. Weiter so, Frau Slomka und Kollegen!
atech 29.11.2013
3. Hofberichterstattung
wo kämen wir denn da hin, wenn die Journalisten unseren Politikern nur noch genehme Fragen in untertänigstem Tonfall stellen dürften...was kann Frau Slomka dafür, wenn Herr Gabriel auf die Frage, ob ein Mitgliedervotum überhaupt verfassungsgemäß wäre, keine Antwort hat und der Journalistin deshalb "diesen Quatsch" (die Frage und das Nachfragen) am liebsten verbieten würde.
Fosmosen 29.11.2013
4. Verständlich
...ist, das Slomka beleidigt war, nachdem Gabriel höflich aber bestimmt auf die, sagen wir mal Schwachsinnigkeit, ihrer Argumentation hingewiesen hat. Völlig unverständlich ist, dass sie einfach nicht aufgehört hat, die ewig gleiche, dämliche Behauptung aufzustellen. Man muss einfach erkennen, wenn man ins Klo gegriffen hat. Dann sollte man die Chance nutzen und elegant das Thema wechseln. Aber vielleicht hatte sie ja kein anderes.
awbferdi 29.11.2013
5. Jetzt wird es sogar den Schwarzen zu viel
Jetzt wird es sogar den Schwarzen zu viel, was sich das ZDF an unausgegorener Parteilichkeit leistet. Wo sind denn die tollen "namhaften" Verfassungsexperten, die nach Marietta Slomka angeblich Zweifel an der Mitgliederbefragung der SPD haben? Im Fernsehen war jedenfalls nur ein einzelner zu sehen, der aus dem Süden der Republik stammte und schon im Rentenalter war. Muss man den ernst nehmen? Grüezi. F.
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