Interview mit Gunda Röstel "Ich bin knatschig"

Spaltet der Atomausstieg die Grünen? Die scheidende Vorstandssprecherin Gunda Röstel hofft auf dem Parteitag am Wochenende in Münster auf eine Mehrheit für den Konsens. "Das mögliche Koalitionsende müssen wir bei dieser Entscheidung im Blick behalten", sagt sie im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE:

Für viele Grüne ist dies die Woche der Wahrheit. Womit endet sie: Mit 32 Jahren Laufzeit oder 32 Jahren Opposition?

Röstel: Ich hoffe, sie endet mit einer Mehrheit für die Vereinbarung zum Atomausstieg. Im Moment bin ich optimistisch, was die Entwicklung der Stimmung in den Landesverbänden angeht. Wir müssen aber noch einiges tun. Die Diskussion wird nicht einfach. Wir betreiben am Wochenende das Ende der Kernspaltung, nicht die Spaltung der Partei. SPIEGEL ONLINE: Das sehen noch nicht alle so. Die einen sagen: Wir haben Geschichte geschrieben. Die anderen wollen die Koalition verlassen. Wer strahlt länger: deutsche Kernkraftwerke oder die Grünen?

Gunda Röstel
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Gunda Röstel

Röstel: Ganz klar die Grünen. Da bin ich mir sicher. Auch wenn Joschka Fischer oder Jürgen Trittin erst als Greise aus dem Altersheim heraus das letzte AKW abschalten können: Die entscheidende Botschaft ist, dass wir unseren Kindern eine atomfreie Zukunft hinterlassen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es ein Ausstieg oder nur ein kontrolliertes Auslaufen?

Röstel: Es ist ein schwieriger Kompromiss. Aber der ist uns nicht in den Schoß gefallen. Den haben wir erkämpft in zwei Jahrzehnten Anti-AKW-Bewegung, erkämpft innerhalb der Regierung und gegen die Konzernchefs. Ganz klar: Ausstieg.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist bei diesem Ausstieg die grüne Handschrift erkennbar?

Röstel: Daran, dass es überhaupt stattfindet. Ohne uns gäbe es gar keinen Ausstieg. Wenn die drittgrößte Industrienation aus einer Risikotechnologie aussteigt, wird das eine Dynamik entwickeln, die wir noch gar nicht überschauen können.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch schon seit 20 Jahren kein neues AKW beantragt worden. Ist der Konsens nicht einfach noch ein Abschiedsgeschenk für die Energieunternehmen?

Röstel: Auf keinen Fall. Wir haben in entscheidenden Punkten auch die Standards erhöht, etwa bei der Sicherheitstechnik. Wenn wir bei den Menschen werben, bin ich mir auch sicher, dass der Ausstieg schneller kommt, als er in der Vereinbarung steht.

SPIEGEL ONLINE: Auf dem Karlsruher Parteitag waren für die Delegierten schon 30 Jahre Laufzeit das höchste der Gefühle.

Röstel: Stimmt. Es war schon für viele die Schmerzgrenze erreicht. Wir haben nun einen Kompromiss erkämpft, der manchem bitter erscheint. Aber vor dem Hintergrund des historischen Signale, halte ich das für akzeptabel.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt kein Datum für die erste Abschaltung und durch die flexible Behandlung der Strommengen faktisch auch keines für die letzte.

Röstel: Das ist richtig. Aber eine absolute Festlegung wäre auch nicht die beste Variante. So werden vermutlich die alten schneller abgeschaltet und andere laufen dafür länger. Es wird in dieser Legislaturperiode vermutlich kein AKW mehr vom Netz gehen. Das ist ein Problem, aber eher ein Symbol. Entscheidend ist, dass es stattfindet. Und das gibt es nur mit uns Grünen.

SPIEGEL ONLINE: Siemens sagt: neue Regierung, neue Kernkraftwerke.

Röstel: In der Demokratie ist nichts unumkehrbar. Frau Merkel hat ja auch schon erklärt, dass es mit der CDU eine Rückkehr zu der Risikotechnologie geben würde. Da bin ich sogar froh drüber. Jeder weiß jetzt: Wer den Ausstieg will, muss grün wählen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Radcke spricht von Spaltung.

Röstel: Sie spricht nicht von Spaltung. Sie hat sich sehr klar persönlich positioniert. Ich sehe die Gefahr einer Spaltung nicht. Wir werden ein harte Diskussion erleben um eine politische Entscheidung. Aber das wird die Grünen nicht entzweien.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Konsens abgelehnt wird: Ist es das Ende der Koalition in Berlin?

Röstel: Das mögliche Koalitionsende müssen wir bei dieser Entscheidung im Blick behalten. Das ist eine Realität.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie nach dem Parteitag?

Röstel: Am Sonntag räume ich mein Büro, am Montag habe ich noch zwei Veranstaltungen nachzuholen und am Dienstag packe ich meine Koffer und am Mittwoch fahre ich in Urlaub.

SPIEGEL ONLINE: Egal, wie es am Wochenende ausgeht?

Röstel: Egal, wie es ausgeht. Ich werde nicht mehr Bundessprecherin sein. Die Delegierten haben die Chance, am Wochenende nicht nur das Sterbeglöckchen für die Atomindustrie zu läuten, sondern auch das Aufbruchsignal für den Aufstieg der Partei zu geben.

SPIEGEL ONLINE: Man hat Sie in der Partei nicht immer nett behandelt. Werden Sie erleichtert sein?

Röstel: Ich bin erleichtert und traurig. In Sachsen sagen wir: Ich bin knatschig.

Das Interview führte Markus Deggerich



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