Interview mit Historiker Wehler Kontroverse zu Ratzinger-Vergangenheit ist grotestk

Die englische und die deutsche Boulevardpresse streiten sich über die Bedeutung der Vergangenheit Papst Benedikts XVI. als Mitglied der Hitler-Jugend. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler warnt im Interview davor, dass durch die Debatte ein ungesunder Nationalismus entstehen könnte.


Pflichtdienst im Jungvolk: Joseph Ratzinger als Flakhelfer auf einem Foto von 1943
AFP

Pflichtdienst im Jungvolk: Joseph Ratzinger als Flakhelfer auf einem Foto von 1943

SPIEGEL ONLINE:

Herr Wehler, was halten Sie von der Auseinandersetzung über Papst Benedikts XVI. Vergangenheit als Mitglied der Hitler-Jugend?

Hans-Ulrich Wehler: Ich finde die ganze Kontroverse grotesk. Es gab seit dem Dezember 1936, verschärft 1938, ein Jugendpflichtgesetz, wonach jeder zehnjährige Junge und jedes 10-jährige Mädchen am 20. April, also an Hitlers Geburtstag, in die Hitler-Jugend aufgenommen wurde. Zunächst in das deutsche Jungvolk der Zehn- bis 14-Jährigen, dann wechselte man in die eigentliche Hitler-Jugend der 14- bis 18-Jährigen. Man kann ja Herrn Ratzinger unter verschiedenen Gesichtspunkten kritisieren. Aber dass er, Jahrgang 1927, sich nicht in einem bayerischen Dorf dem Dienst im deutschen Jungvolk entziehen konnte, sollte klar sein. Da schaukelt sich ein unguter Nationalismus hoch.

SPIEGEL ONLINE: Konnte man der HJ aus dem Weg gehen?

Wehler: Es gibt ganz wenige Fälle, meist streng katholische Familien, die sich mehrfach geweigert haben, vor allem ihre Jungen zum HJ-Dienst zu schicken. Das ging zwei Mal gut, beim dritten Mal kam die Ortspolizei, und dann wurde man zum Dienst vorgeführt. Außerdem waren diese Jungen im Kreis der Gleichaltrigen stigmatisiert, weil sie bei den Geländespielen oder den Sportveranstaltungen nicht mitmachen wollten. Es ist aber umgerechnet auf die neun Millionen Mitglieder der HJ ein winziger Prozentsatz.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Joachim Fest nennt im Interview mit der "Bild" Heldentum, Kampf, Abenteuer und Lagerfeuer die "eigenen Interessen", mit denen die Jungen gelockt wurden. Was wurde in der Hitler-Jugend vermittelt?

Wehler: Im Jungvolk gab es zweimal in der Woche den so genannten Dienst, Mittwochnachmittag und Samstagnachmittag. Hier stand der Sport ganz im Vordergrund, außerdem gab es Singstunden, Geländespiele und zwei Mal im Jahr ein Zeltlager. Im Grunde knüpfte die Hitler-Jugend an das an, was die Bündische Jugend, der Nachfolger des Wandervogels, was die Pfadfinder, was die christliche Jugendverbände in der Weimarer Republik und auch vorher schon gemacht hatten. Das Liederbuch der HJ bestand zu 90 Prozent aus den Liedern der Bündischen Jugend. Ich kannte diese Lieder schon durch meine Mutter, da war kaum etwas Neues dabei. Das war sozusagen die Verlängerung des ewigen Spielens von Winnetou und Old Shatterhand.

Historiker Hans-Ulrich Wehler: "Winnetou und Old Shatterhand"
DDP

Historiker Hans-Ulrich Wehler: "Winnetou und Old Shatterhand"

SPIEGEL ONLINE: Und in der richtigen HJ?

Wehler: Da wurde der Dienst ernsthafter. Aber auch da hing es sehr davon ab, ob man einen fanatischen HJ-Führer hatte oder jemanden, der das als Routine machte.

SPIEGEL ONLINE: Welche Bedeutung hatte die HJ für die Weitergabe und Implementierung des nationalsozialistischen Weltbildes?

Wehler: Das war natürlich die Intention des Reichsjugendführers Baldur von Schirach und des Regimes. Es ist aber die Frage, ob die wenigen Stunden, die man für die Angehörigen des Jungvolks hatte, reichten, um denen beizubringen, wann Hitler geboren wurde, wann die Partei die ersten Wahlen gewonnen hatte. Wichtiger war die Zeit der eigentlichen Pubertät zwischen 14 und 18. Hier muss man unterscheiden: Einerseits machten viele mit, weil es ein hartes Muss gab und man nicht von der Ortspolizei vorgeführt werden wollte, andere aber betrieben das außerordentlich fanatisch.

SPIEGEL ONLINE: Die berühmt-berüchtigte SS-Division Hitler-Jugend etwa.

Wehler: Genau. Diese bestand aus 15.000 HJ-Führern, die fanatisch und verbissen gekämpft haben. Zum Beispiel haben sie nach der Landung der Alliierten bei Caen sechs Wochen lang eine Stellung verteidigt. Das waren die Fanatiker, wie sie sich Hitler und Schirach vorstellten.

SPIEGEL ONLINE: Die "Bild"-Zeitung titelt heute mit dem Bekenntnis von Zeitzeugen: "Ich war Hitler-Junge. Ich muss mich doch nicht dafür schämen!" Eine Verharmlosung?

Wehler: Wer nur die Erinnerung an Lagerfeuer, Zeltlager und die großen Gaufeste im Sport hat, der kann ja diese Erinnerung kultivieren. Aber es gibt sicher eine sehr begrenzte Zahl, die damals aus ideologischer Überzeugung mitgemacht haben und sich als die junge Garde des Führers betrachtet haben, die dann freiwillig zur SS oder zur Waffen-SS gegangen ist. Aber aus der Langzeitperspektive stand sicher für diese neun Millionen Mitglieder der Hitler-Jugend in ganz überwiegender Zahl nicht die ideologische Indoktrination im Mittelpunkt.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Art und Weise, wie die Thematik jetzt in der Presse behandelt wird?

Wehler: Ich hielt schon die Triumph-Zeile der "Bild"-Zeitung "Wir sind Papst" für billigen Nationalismus. Ich will es den deutschen Katholiken nicht absprechen, dass sie sich darüber freuen und ein bisschen stolz sind, aber Ratzinger ist aus allen möglichen Gründen gewählt worden, aber nicht wegen der Tatsache, dass er Deutscher ist. Die englische Reaktion der "yellow press" ist Ausdruck der Kontinuität dessen, was man im Jargon "German bashing" nennt, der Antipathie gegen die Deutschen, die vor allem in den Unter- und Mittelschichten herrscht und die von diesen Zeitungen bedient wird.

SPIEGEL ONLINE: Und die heutige Reaktion der "Bild"-Zeitung?

Wehler: Sie bedient einen deutschen Gegen-Nationalismus. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort, um nach der Diskussion über Vertreibungen und über Luftangriffe auf deutsche Städte, nun darüber zu diskutieren, welche Rolle die HJ für Millionen von Deutschen gespielt hat. Das muss man in einem ganz anderen, abwägenden Ton tun. Hängt man das Ganze auf an der punktuellen Vergangenheit des neuen Papstes, dann kann das nur in die Irre führen.

Das Interview führte Philipp Wittrock



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