SPIEGEL ONLINE: Um dieser Skepsis zu begegnen, hat Bundeskanzler Kohl damals immer von einer deutschen Einheit in einem vereinigten Europa gesprochen. Was war davon Ihrer Meinung nach taktisch motiviert und was war echte Überzeugung des Europäers Kohl?
Seiters: Wir haben damals im Kanzleramt jeden Tag über die Einheit gesprochen. Für Helmut Kohl war immer klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland sich einbinden müsse in den gesamteuropäischen Prozess. Deutsche Einheit und europäische Einigung waren für ihn zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das war seine tiefe Überzeugung. Er glaubte auch fest daran, dass es der ganz engen Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland bedürfe, um Europa voranzubringen. Und er wusste, dass man die kleinen Länder Europas mitnehmen muss.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie damals am meisten überrascht?
Seiters: Überrascht war ich im Herbst und Winter 1989 von der Hilflosigkeit der DDR-Führung und ihrem rapiden Autoritätsverlust. Die SED war hilflos bei der Frage der Flüchtlinge. Sie war hilflos bei der Öffnung der Mauer, die so zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewollt war. Und sie war hilflos auch in Dresden. Alles ging wahnsinnig schnell. Als ich im April 1989 Kanzleramtsminister wurde, hat niemand gewusst oder geahnt, dass ein paar Monate später die Mauer fällt und anderthalb Jahre später die Einheit kommt. Das war mehr als überraschend. Das war fast ein Wunder.
SPIEGEL ONLINE: Gestern lief im ZDF ein viel beachteter dokumentarischer Spielfilm über Helmut Kohl und die Ereignisse vom September 1989 bis zum Frühjahr 1990. Auch Sie spielten darin als sein Kanzleramtschef natürlich eine Rolle. Fühlten Sie sich, den Kanzler und die Darstellung der historischen Abläufe gut getroffen?
Seiters: Über Einzelheiten kann und wird man sicherlich streiten. Wichtig ist, der Film zeigt Helmut Kohl zu Recht als Kanzler der deutschen Einheit. Und schauspielerisch ist er gut gemacht.
SPIEGEL ONLINE: Helmut Kohl wird oft vorgehalten, er hätte den DDR-Bürgern vor allem blühende Landschaften versprochen – und sich zu wenig um die schwierigen Seiten der Einheit gekümmert. Waren Sie damals im Überschwang der Ereignisse zu unkritisch, was die wirtschaftlichen Probleme betrifft?
Seiters: Wir haben damals die katastrophale ökologische und ökonomische Hinterlassenschaft der SED unterschätzt. Wir alle, die Amerikaner, die Briten, die Geheimdienste, die Banken. Die DDR zählte offiziell zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Wie marode das System ist, stellte sich erst später heraus. Dann brachen die Ost-Märkte weg, das traf vor allem die Werften an der Ostseeküste und den Schwerindustrieraum Sachsen, Sachen-Anhalt, Bitterfeld.
SPIEGEL ONLINE: Kam die D-Mark zu früh?
Seiters: Wir mussten handeln. Die DDR-Bevölkerung wollte die Währungsunion so schnell es geht. "Wenn die D-Mark nicht kommt, kommen wir zu ihr", das war eine unmissverständliche Forderung. Es gab viele Probleme. Aber heute gibt es, um mit den Worten unseres Bundestagspräsidenten zu sprechen, eine Fülle von blühenden Landschaften. Es gibt so viele schöne Städte im Osten. Ich wünsche mir, dass alle Westdeutschen sich das einmal ansehen.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Wirtschaftsleistung im Osten meilenweit von der Produktivität des Westens entfernt.
Seiters: Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte, aber man darf nicht blind sein dafür, dass es noch wichtige Aufgaben gibt, die wir weiterhin solidarisch zu bewältigen haben. Aber wenn es noch mangelt, ist das eben nicht eine Folge der deutschen Einheit, sondern eine Hinterlassenschaft der deutschen Teilung. Vielleicht hätten wir aber damals, wenn wir das Ausmaß der Wirtschaftskrise und das Ausmaß der bevorstehenden Pleite der DDR in vollem Umfang erkannt hätten, die Mittel der Steuererhöhung doch nicht ausgeschlossen.
SPIEGEL ONLINE: Die DDR wird von vielen Ostdeutschen im Rückblick verklärt. Warum?
Seiters: Für die Menschen in der DDR hat sich 1989/90 alles verändert. Auf der einen Seite standen die neue Freiheit und die Beseitigung einer Diktatur, auf der anderen Seite aber ganz neue Herausforderungen, die mit der Marktwirtschaft verbunden sind. Wirtschaftliche Eigenverantwortung, die sie ja gar nicht gewohnt waren. Ich kann mich gut an ein Gespräch mit Papst Johannes Paul II erinnern, der mich damals ganz nachdenklich gefragt hat, wie Menschen, die Jahrzehnte unter einer Diktatur gelebt haben, fertig werden mit dieser so schnell gewonnenen Freiheit. Natürlich gibt es auch Ungeduld und manche Enttäuschung, vielleicht auch genährt durch zu hohe Erwartungen. Zu Ostalgie gibt es aber keinen Grund. Die DDR war ein Unrechtsstaat, und sie war pleite.
SPIEGEL ONLINE: Auch im Westen gab es Enttäuschungen – vor allem bei den Vertriebenenverbänden, die der Union eigentlich immer nahe standen. Die Wiedervereinigung hat den Verlust der ehemaligen Ostgebiete auf immer besiegelt. Wie schwer war es, dass der eigenen Klientel zu vermitteln?
Seiters: Es war für Helmut Kohl klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland die Oder-Neiße-Grenze bestätigt. Daran hat in den Gesprächen mit Gorbatschow, Bush und Mitterrand nie ein Zweifel bestanden.
SPIEGEL ONLINE: Hat Kohl mit dieser Entscheidung nicht auch die Ostpolitik von Willy Brandt bestätigt, die von der Union Anfang der 70er Jahre bitter bekämpft wurde?
Seiters: Es ist gar keine Frage, dass die Politik der kleinen Schritte, die Willy Brandt damals eingeführt hat, richtig war. Die CDU hat ja auch im Verlauf späterer Jahre durchaus anerkannt, welchen Weg damals die sozialliberale Koalition beschritten hat. Ohne jede Frage ist auch der Kniefall Brandts 1970 in Warschau ein ganz wichtiger und emotionaler Schritt gewesen, wie ja überhaupt Bilder das Bewusstsein von Menschen prägen. Das gilt für den Händedruck von Kohl und Mitterand über den Gräbern von Verdun, und das gilt natürlich auch für die Botschaft vom Balkon des Palais Lobkowitz in Prag.
Mit Rudolf Seiters sprachen Gerd Langguth und Claus Christian Malzahn
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