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Interview mit Kohl-Vertrautem Seiters "Wir hatten auch Glück"

Rudolf Seiters: Vertrauter von Kanzler Kohl
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2. Teil: Seiters über den Kohl-Film im ZDF und Befürchtungen des Papstes

SPIEGEL ONLINE: Um dieser Skepsis zu begegnen, hat Bundeskanzler Kohl damals immer von einer deutschen Einheit in einem vereinigten Europa gesprochen. Was war davon Ihrer Meinung nach taktisch motiviert und was war echte Überzeugung des Europäers Kohl?

Seiters: Wir haben damals im Kanzleramt jeden Tag über die Einheit gesprochen. Für Helmut Kohl war immer klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland sich einbinden müsse in den gesamteuropäischen Prozess. Deutsche Einheit und europäische Einigung waren für ihn zwei Seiten ein und derselben Medaille. Das war seine tiefe Überzeugung. Er glaubte auch fest daran, dass es der ganz engen Kooperation zwischen Frankreich und Deutschland bedürfe, um Europa voranzubringen. Und er wusste, dass man die kleinen Länder Europas mitnehmen muss.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie damals am meisten überrascht?

Seiters: Überrascht war ich im Herbst und Winter 1989 von der Hilflosigkeit der DDR-Führung und ihrem rapiden Autoritätsverlust. Die SED war hilflos bei der Frage der Flüchtlinge. Sie war hilflos bei der Öffnung der Mauer, die so zu diesem Zeitpunkt gar nicht gewollt war. Und sie war hilflos auch in Dresden. Alles ging wahnsinnig schnell. Als ich im April 1989 Kanzleramtsminister wurde, hat niemand gewusst oder geahnt, dass ein paar Monate später die Mauer fällt und anderthalb Jahre später die Einheit kommt. Das war mehr als überraschend. Das war fast ein Wunder.

SPIEGEL ONLINE: Gestern lief im ZDF ein viel beachteter dokumentarischer Spielfilm über Helmut Kohl und die Ereignisse vom September 1989 bis zum Frühjahr 1990. Auch Sie spielten darin als sein Kanzleramtschef natürlich eine Rolle. Fühlten Sie sich, den Kanzler und die Darstellung der historischen Abläufe gut getroffen?

Seiters: Über Einzelheiten kann und wird man sicherlich streiten. Wichtig ist, der Film zeigt Helmut Kohl zu Recht als Kanzler der deutschen Einheit. Und schauspielerisch ist er gut gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Helmut Kohl wird oft vorgehalten, er hätte den DDR-Bürgern vor allem blühende Landschaften versprochen – und sich zu wenig um die schwierigen Seiten der Einheit gekümmert. Waren Sie damals im Überschwang der Ereignisse zu unkritisch, was die wirtschaftlichen Probleme betrifft?

Seiters: Wir haben damals die katastrophale ökologische und ökonomische Hinterlassenschaft der SED unterschätzt. Wir alle, die Amerikaner, die Briten, die Geheimdienste, die Banken. Die DDR zählte offiziell zu den zehn führenden Wirtschaftsnationen der Welt. Wie marode das System ist, stellte sich erst später heraus. Dann brachen die Ost-Märkte weg, das traf vor allem die Werften an der Ostseeküste und den Schwerindustrieraum Sachsen, Sachen-Anhalt, Bitterfeld.

SPIEGEL ONLINE: Kam die D-Mark zu früh?

Seiters: Wir mussten handeln. Die DDR-Bevölkerung wollte die Währungsunion so schnell es geht. "Wenn die D-Mark nicht kommt, kommen wir zu ihr", das war eine unmissverständliche Forderung. Es gab viele Probleme. Aber heute gibt es, um mit den Worten unseres Bundestagspräsidenten zu sprechen, eine Fülle von blühenden Landschaften. Es gibt so viele schöne Städte im Osten. Ich wünsche mir, dass alle Westdeutschen sich das einmal ansehen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch ist die Wirtschaftsleistung im Osten meilenweit von der Produktivität des Westens entfernt.

Seiters: Die deutsche Einheit ist eine Erfolgsgeschichte, aber man darf nicht blind sein dafür, dass es noch wichtige Aufgaben gibt, die wir weiterhin solidarisch zu bewältigen haben. Aber wenn es noch mangelt, ist das eben nicht eine Folge der deutschen Einheit, sondern eine Hinterlassenschaft der deutschen Teilung. Vielleicht hätten wir aber damals, wenn wir das Ausmaß der Wirtschaftskrise und das Ausmaß der bevorstehenden Pleite der DDR in vollem Umfang erkannt hätten, die Mittel der Steuererhöhung doch nicht ausgeschlossen.

SPIEGEL ONLINE: Die DDR wird von vielen Ostdeutschen im Rückblick verklärt. Warum?

Seiters: Für die Menschen in der DDR hat sich 1989/90 alles verändert. Auf der einen Seite standen die neue Freiheit und die Beseitigung einer Diktatur, auf der anderen Seite aber ganz neue Herausforderungen, die mit der Marktwirtschaft verbunden sind. Wirtschaftliche Eigenverantwortung, die sie ja gar nicht gewohnt waren. Ich kann mich gut an ein Gespräch mit Papst Johannes Paul II erinnern, der mich damals ganz nachdenklich gefragt hat, wie Menschen, die Jahrzehnte unter einer Diktatur gelebt haben, fertig werden mit dieser so schnell gewonnenen Freiheit. Natürlich gibt es auch Ungeduld und manche Enttäuschung, vielleicht auch genährt durch zu hohe Erwartungen. Zu Ostalgie gibt es aber keinen Grund. Die DDR war ein Unrechtsstaat, und sie war pleite.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Westen gab es Enttäuschungen – vor allem bei den Vertriebenenverbänden, die der Union eigentlich immer nahe standen. Die Wiedervereinigung hat den Verlust der ehemaligen Ostgebiete auf immer besiegelt. Wie schwer war es, dass der eigenen Klientel zu vermitteln?

Seiters: Es war für Helmut Kohl klar, dass ein wiedervereinigtes Deutschland die Oder-Neiße-Grenze bestätigt. Daran hat in den Gesprächen mit Gorbatschow, Bush und Mitterrand nie ein Zweifel bestanden.

SPIEGEL ONLINE: Hat Kohl mit dieser Entscheidung nicht auch die Ostpolitik von Willy Brandt bestätigt, die von der Union Anfang der 70er Jahre bitter bekämpft wurde?

Seiters: Es ist gar keine Frage, dass die Politik der kleinen Schritte, die Willy Brandt damals eingeführt hat, richtig war. Die CDU hat ja auch im Verlauf späterer Jahre durchaus anerkannt, welchen Weg damals die sozialliberale Koalition beschritten hat. Ohne jede Frage ist auch der Kniefall Brandts 1970 in Warschau ein ganz wichtiger und emotionaler Schritt gewesen, wie ja überhaupt Bilder das Bewusstsein von Menschen prägen. Das gilt für den Händedruck von Kohl und Mitterand über den Gräbern von Verdun, und das gilt natürlich auch für die Botschaft vom Balkon des Palais Lobkowitz in Prag.

Mit Rudolf Seiters sprachen Gerd Langguth und Claus Christian Malzahn

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insgesamt 8 Beiträge
dementi 21.10.2009
---Zitat--- *Seiters:* (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,656478-2,00.html) Aber heute gibt es, um mit den Worten unseres Bundestagspräsidenten zu sprechen, eine Fülle von blühenden Landschaften. Es gibt so viele [...]
---Zitat--- *Seiters:* (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,656478-2,00.html) Aber heute gibt es, um mit den Worten unseres Bundestagspräsidenten zu sprechen, eine Fülle von blühenden Landschaften. Es gibt so viele schöne Städte im Osten. *Ich wünsche mir, dass alle Westdeutschen sich das einmal ansehen.* ---Zitatende--- ... eigenen ausverkauf auch noch 'voller begeisterung' angucken? Die 'CDU' sollte langsam kapiert haben, dass ihre osterweiterung komplett gescheitert ist ...
pensatore libero 21.10.2009
Ha, ha: Osterweiterung der der CDU! Wie sähe es im Osten Deutschlands heute aus, wenn Erich und Konsorten noch 20 Jahre weiter gemacht hätten? Wie in Boquino Fasa! Scheitern sollte die Westerweiterung der SEDm äh, der Linken. [...]
Ha, ha: Osterweiterung der der CDU! Wie sähe es im Osten Deutschlands heute aus, wenn Erich und Konsorten noch 20 Jahre weiter gemacht hätten? Wie in Boquino Fasa! Scheitern sollte die Westerweiterung der SEDm äh, der Linken. Oskar hat sich schon wieder in die Büsche geschlagen bzw. zu französischen Rotweinen, ebensolcher Küche (und dem, was bei ihm noch dazu gehört) zurückgezogen. Könnte der Rest der Führungsspitze sich nicht nach Kuba oder Nordkorea verdünnisieren. Ich habe es als Steuerzahler satt, das Austern-Essen von Frau Wagenknecht in Feinschmeckerlokalen mit zu finanzieren. Hätte die Altkommunisten gesiegt, hätten sie ihre früheren Gegner so so exquisit verköstigt, sondern sie in der GULag oder nach Bautzen geschickt. Was Seiters betrifft: Schade, dass wir nicht mehr solche Männer (Politiker) haben: bescheiden, effizient, über jeden moralischen Verdacht erhaben. libero pensatore
Tubus 21.10.2009
"Die DDR war ein Unrechtsstaat und sie war pleite". Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer hier von Ausverkauf quatscht,hat ja nach 20Jahren noch nichts kapiert.
Zitat von dementi... eigenen ausverkauf auch noch 'voller begeisterung' angucken? Die 'CDU' sollte langsam kapiert haben, dass ihre osterweiterung komplett gescheitert ist ...
"Die DDR war ein Unrechtsstaat und sie war pleite". Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer hier von Ausverkauf quatscht,hat ja nach 20Jahren noch nichts kapiert.
lemming51 21.10.2009
...........schwillt mir doch so langsam der Kamm. Es ist mir völlig unverständlich, wie die Wiedervereinigung Deutschlands, inklusive des schmerzhaften,aber als Ergebnis des 2. Weltkrieges wohl unvermeidlichen Anerkennung der [...]
...........schwillt mir doch so langsam der Kamm. Es ist mir völlig unverständlich, wie die Wiedervereinigung Deutschlands, inklusive des schmerzhaften,aber als Ergebnis des 2. Weltkrieges wohl unvermeidlichen Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, KEINE Herzensangelegenheit aller Deutschen sein kann.Daß dieses Ereignis wegen der maroden DDR einen gewaltigen finanziellen Kraftakt bedeuten würde und nach wie vor bedeutet,liegt auf der Hand. Und wenn die ganze Geschichte der Angleichung Ost-/Westdeutschland noch 50 Jahre dauert:die Teilung überwunden zu haben, friedlich und im Konsens mit Ost und West,sollte uns wert und teuer sein.Sie ist die ganz große Leistung eines Volkes, das im 20.Jahrhundert wenig Gutes für Europa bedeutet hat. Auf die Leistung der DDR-Bevölkerung, also Deutscher, kann man auch im Westen stolz sein. Den Soli, nebenbei bemerkt, habe ich aus diesen Gründen immer gern gezahlt. Von den anderen Steuern kann ich das wahrlich nicht behaupten.
saul7 21.10.2009
bin letztlich sehr froh, dass es trotz aller Schwierigkeiten ohne starkes Blutvergießen zu einer Wiedervereinigung gekommen ist. Und natürlich gehört auch eine Menge Glück dazu... Was den Kanzler-Film von gestern Abend betrifft, [...]
Zitat von sysopEr war einer der zentralen Unterhändler der Wiedervereinigung. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht der Kohl-Vertraute Rudolf Seiters über den Kanzlerfilm des ZDF, die Konkurrenz mit Genscher - und warum 1989/90 nicht nur die SED, sondern auch der Westen Probleme mit der Einheit hatte. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,656478,00.html
bin letztlich sehr froh, dass es trotz aller Schwierigkeiten ohne starkes Blutvergießen zu einer Wiedervereinigung gekommen ist. Und natürlich gehört auch eine Menge Glück dazu... Was den Kanzler-Film von gestern Abend betrifft, so fand ich ihn eigentlich ziemlich nichtssagend. Eine Kohl-Biografie, die bei der Wiedervereinigzung endet, zeigt nur die halbe Wahrheit...
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Zur Person
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Rudolf Seiters, 72, war von 1989 bis 1991 Minister für besondere Aufgaben und Chef des Kanzleramtes unter Helmut Kohl. Bis zum Fall der Mauer war Seiters auch für die Kontakte zur DDR zuständig - er führte die entscheidenden Verhandlungen, die zur Ausreise der Flüchtlinge in der Prager Botschaft im September 1989 führten. Die Deutschlandpolitik der Regierung prägte er anschließend entscheidend mit. Von 1991 bis 1993 war der Jurist Innenminister, profilierte sich danach in der Außen- und Sicherheitspolitik. Nach 33 Jahren schied Seiters 2002 aus dem Bundestag aus. Er ist Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.






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