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Interview mit Medienpsychologe Groebel: "Die Entscheidung für einen Krieg ist bereits gefallen"

Unbeirrbar scheint die US-Regierung auf einen Krieg im Irak zuzusteuern, ungeachtet der Schwäche ihrer eigenen Argumente. Der Medienpsychologe Jo Groebel erläutert im Interview mit SPIEGEL ONLINE die Funktionsweise der US-Propaganda und den Prozess der Kriegsentscheidung - den Groebel längst für abgeschlossen hält.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Professor Groebel, welche Muster erkennen Sie in der Medienstrategie der US-Regierung zur Vorbereitung auf einen Krieg im Irak?

Groebel: Es ist nicht mehr die alte Propaganda nach dem Muster "Wir sind gut und die anderen sind böse", was ziemlich durchsichtig wäre. Heute wird Propaganda vor allem auf die Bilder ausgerichtet und mit den Mitteln moderner Markt- und Publikumsforschung betrieben. Es wird versucht, das Ganze wie eine PR-Kampagne mit kommerziellen Methoden zu gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem letzten Golfkrieg gab es für die Medien ein böses Erwachen angesichts der Erkenntnis, dass man der Bilder-Kampagne des US-Militärs von einem angeblich chirurgischen Krieg aufgesessen war. Kann sich so etwas trotz allem wiederholen?

Groebel: Auf jeden Fall. Unter dem gestiegenen Druck der Aktualität und der momentanen Medienkrise werden Informationen von den Zeitungen und Fernsehsendern, die sie letztlich verbreiten, kaum noch auf ihre Quellen hin kontrolliert. Deshalb könnte es heute einfacher sein, Fehlinformationen zu platzieren.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie behaupten, es sei ein Kinderspiel, die Medien zu übertölpeln?

Groebel: Erinnern Sie sich nur an die Geschichte mit dem kuweitischen Mädchen, das vor dem Weltsicherheitsrat behauptete, irakische Soldaten hätten Kliniken gestürmt, Säuglinge aus Brutkästen gerissen und sie auf den Boden geworfen. Das Ganze erwies sich als Fälschung, allerdings zu spät. Ein aktuelleres Beispiel ist das britische Irak-Gutachten, das, wie sich herausstellte, aus einer Diplomarbeit abgeschrieben war. So etwas ist beinahe schon eine Beleidigung der Intelligenz der Öffentlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: ... die aber noch vorhanden ist?

Groebel: Es gab nach dem letzten Golfkrieg einige interessante Studien in den USA. Sie besagten in etwa, dass die Leute keine Ahnung hatten, wo Bagdad liegt, aber genau wussten, wie eine Cruise Missile funktioniert. Die Bilder eines Krieges sind viel wichtiger geworden als Hintergrundinformationen ohne Bilder. Im Vordergrund steht nicht mehr, warum ein Ereignis stattgefunden, sondern welchen Effekt es ausgelöst hat. Man muss sich deshalb gar nicht mehr die Mühe machen, raffinierte Desinformations-Szenarien zu generieren.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie damit sagen, dass Regierungen die Öffentlichkeit nicht nur desinformieren, sondern das auch ungestraft offen zugeben können?

Groebel: Ja, das ist ein Paradoxon der Medienlandschaft. Manche Regierungen zeigen mittlerweile eine aufreizende Lässigkeit im Umgang mit den Argumenten. Man ist sorglos geworden, weil eine kritische Öffentlichkeit gar nicht mehr unterstellt wird. Man hält nur noch den Schein aufrecht und sagt sich: Wen kümmert es, wenn sich eine Information als falsch herausstellt? Am nächsten Tag wird ohnehin eine neue Sau durchs Dorf getrieben.

SPIEGEL ONLINE: Die angeblichen Beweise, die Großbritannien und die USA gegen den Irak vorgelegt haben, wirken zum Teil alles andere als stichhaltig. Wie können die Regierungen glauben, auf diese Weise ihre Wähler von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen?

Groebel: Es gibt mittlerweile einen gruppendynamischen Prozess innerhalb der US-Regierung, der beschleunigt auf bestimmte Lösungen hinausläuft. Das beste Beispiel ist Colin Powell, der anfangs sehr zurückhaltend auftrat. Doch je öfter man gezwungen ist, etwas gegen seine eigene Meinung nach außen hin zu vertreten, übernimmt man diese Überzeugung auch selbst. Meine Hypothese ist, dass dies bei Powell geschehen ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein Minister vertritt bewusst Argumente, an die er selbst nicht glaubt und von denen er weiß, dass sie auch anderen unglaubwürdig erscheinen müssen?

Groebel: Der Irak-Konflikt ist auf einer Stufe angelangt, auf der man Argumente liefert, die offensichtlich nicht überzeugend sind, nur um den Ritus der Kommunikation aufrecht zu erhalten. Andere Faktoren sind längst wichtiger geworden.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Entscheidung der US-Regierung für oder gegen einen Krieg?

Groebel: Die zentralen Schwächen der Argumente der Kriegsbefürworter sind ein Zeichen dafür, dass die Entscheidung für einen Krieg bereits gefallen ist.

Das Gespräch führte Markus Becker

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