Interview mit Niklas Frank zur Speer-Debatte: "Das ewige Herumgeschmuse der Kinder ist lächerlich"

Sein Vater war der Schlächter von Polen. Niklas Frank, Sohn des Nazi-Reichsministers Hans Frank, rechnet wie kein anderer Abkömmling von Nazi-Größen mit seinen Eltern ab. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE wirft er dem früheren "FAZ"-Herausgeber Joachim Fest vor, in der Beurteilung Albert Speers blind gewesen zu sein.

Krematorium in Auschwitz: "Ein Meer von Blut"
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Krematorium in Auschwitz: "Ein Meer von Blut"

SPIEGEL ONLINE:

Im Fernsehen lief gerade der Dreiteiler "Speer und Er" von Heinrich Breloer. Darin kämpfen die Kinder von Hitlers Architekt und Rüstungsminister Albert Speer zum Teil unter Tränen um die Wahrheit über ihren Vater, der ein NS-Verbrecher war. Können Sie sich in diesem Konflikt wiedererkennen?

Frank: Die Wahrheit ist doch ganz einfach: Vater Speer war ein Verbrecher. Das ewige Herumgeschmuse der Kinder finde ich lächerlich. Wenn sie die Verbrechen des Vaters nicht anerkennen, verkleinern und relativieren sie insgesamt die Verbrechen der Deutschen während des sogenannten Dritten Reiches.

SPIEGEL ONLINE: Sie persönlich haben mit Ihren Eltern radikal abgerechnet, zuerst mit Ihrem Vater, jetzt in einem Buch über Ihre Mutter. Warum fehlt bei Ihnen der familiäre Schutzreflex?

Frank: Der ist auch bei mir da. Es fällt mir nicht leicht, so über sie zu schreiben. Sie waren ein völlig groteskes Paar, wenn sie nicht auf einem Meer von Blut treiben würden. Über ihre Verbrechen komme ich nicht hinweg. Auch nicht darüber, dass es mir im Dritten Reich glänzend ging, ich mit meinem Tretauto auf dem Krakauer Wawel herumfuhr, während drei Kilometer entfernt im Getto Kinder meines Alters von Deutschen gegen die Wand geschleudert wurden, nur weil sie Juden waren.

SPIEGEL ONLINE: Zu Kriegsende waren Sie sechs Jahre alt. Es scheint, als ob Sie sich für die Verbrechen Ihrer Eltern verantwortlich fühlen.

Frank: Je mehr ich mich mit den Eltern beschäftigte, desto schuldiger fühlte ich mich. Der Satz, 'wir müssen Verantwortung übernehmen, dass es nicht mehr dazu kommt', bringt meines Erachtens nichts. Das ist hohles Pathos. Wir sollten vielmehr auch als unschuldige Nachgeborene eine Scham empfinden. Wir sollten uns dem Grauen stellen und den Schmerz aushalten. Aus diesem persönlichen Ansatz entwickelt sich dann von selbst, dass man den Anfängen wehrt.

SPIEGEL ONLINE: Weshalb tun Sie sich mit der Scham leichter als andere Nachkommen führender Nazis?

Frank: Weil bei vielen der Höhlen-Instinkt stärker ist als bei mir. Die eigene Sippe zu schützen, hat bei ihnen Priorität. Es ist ein urzeitliches Prinzip, dass man die Eltern nicht einfach ermordet. So tickte auch der Sohn Bormanns. Er wurde von unglaublich vielen deutschen Schulen eingeladen, weil er überall erzählte, sein Vater sei nicht nur ein Verbrecher gewesen, sondern auch ein liebender Vater. Das ist eine ganz miese Tour, weil er dadurch die Schuld seines Vaters zu verkleinern sucht - und 80 Millionen Deutsche reihen sich heuchlerisch hinter seiner These ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie reagierten ganz anders. Als sie noch keine 20 waren, lag ihre damals 64-jährige Mutter Brigitte nach einem Herzinfarkt in der Klinik. Sie haben ihr eine Überdosis Tabletten gegeben. Drei Tage später starb sie. Offenbar waren Sie bereit, sie zu töten.

Hans Frank auf dem Reichsparteitag in Nürnberg: "Hündischer Charakter"
DER SPIEGEL

Hans Frank auf dem Reichsparteitag in Nürnberg: "Hündischer Charakter"

Frank: Aber nicht aufgrund ihrer Verbrechen. Diese Aktion rührte daher, dass wir beide eine entsetzliche Angst voreinander hatten. Gott sei Dank war ich seit meinem zwölften Lebensjahr im Internat. Doch sobald ich während der Ferien zu Hause lebte, war ich an deren Ende psychisch total fertig, weil ich das mit dieser ewig keifenden Frau nicht aushielt. Sie war keine Mutter. Dass ich ihr die Tabletten gab, war so eine Art Vabanque-Spiel. Ihr Tod ist nicht eindeutig auf die Tabletten zurückzuführen.

SPIEGEL ONLINE: Wollten Sie Ihre Mutter auch umbringen, weil sie als "Königin von Polen" andere Menschen rücksichtslos ausgebeutet hatte?

Frank: Nein, über meine Mutter wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise wenig. Über meinen Vater wusste ich viel mehr. Ich ging seit meiner Jugend in Buchhandlungen und habe in den Registern immer unter Frank Komma Hans nachgeschaut und die Stellen quergelesen. Joachim Fest hat übrigens eine ganz hervorragende Analyse über meinen Vater geschrieben. Der hat den hündischen Charakter meines Vaters genau durchschaut.

SPIEGEL ONLINE: Viele behaupten, das sei dem Historiker und früheren "FAZ"-Herausgeber bei Speer nicht gelungen. Ihm wird vorgeworfen, zu einem verklärten Bild Speers beigetragen zu haben. Wie sehen Sie das?

Frank: Ich gehe davon aus, dass Fest es besser wusste. Man müsste fragen, warum er nicht die ganze Wahrheit über Speer veröffentlicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Antwort?

Joachim Fest: "Ganz hervorragende Analyse"
DPA

Joachim Fest: "Ganz hervorragende Analyse"

Frank: Vermutlich ging es Fest darum, mit seinen Veröffentlichungen Erfolge zu landen. Da konnte er es sich mit dem einzigen originalen Wissensträger von Rang nicht verderben. Wenn Fest dem Speer gesagt hätte: 'Sie waren doch bei der Posener Rede von Himmler dabei, lügen Sie hier nicht so rum', dann hätte dieser ihm wohl geantwortet: 'Meine Herren, ich mag nicht mehr mit Ihnen arbeiten'. Fest und der Verleger Siedler wollten ganz einfach den wirtschaftlichen Erfolg nicht gefährden.

SPIEGEL ONLINE: Marcel Reich-Ranicki schreibt in seiner Autobiografie, er sei anlässlich der Vorstellung von Fests Hitler-Buch 1973 zu einem Empfang bei Ullstein-Verleger Wolf Jobst Siedler in Berlin eingeladen gewesen. Dort sei er, der Jude und Überlebende des Warschauer Gettos, völlig unerwartet auf den Stargast des Abends, Albert Speer, gestoßen.

Frank: Das kennzeichnet die partielle Blindheit des Tandems Fest/Siedler. Fest ärgert mich schon ein bisschen. Neulich beschwerte er sich darüber, Hitler verkomme zum Popstar, er selbst aber ist der Hauptverantwortliche für den Film 'Der Untergang'. Fest spielt da eine scheinheilige, doppeldeutige Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Während des Nürnberger Prozesses sagte Ihr Vater, er habe von der Massenvernichtung der Juden nichts gewusst. Himmler sei dafür verantwortlich gewesen. Er selbst habe während seiner Zeit als Generalgouverneur von Polen 14 Entlassungsgesuche bei Hitler eingereicht.

Albert Speer: "Partielle Blindheit des Tandems Fest/Siedler"
DPA

Albert Speer: "Partielle Blindheit des Tandems Fest/Siedler"

Frank: Sie haben doch alle gesagt, sie hätten nichts gewusst. Ich weiß hundertprozentig, dass meine Eltern vom Holocaust gewusst haben. Himmler hat ihn zwar daran gehindert, Auschwitz zu besuchen, doch sein eigener Adjutant war SS-ler. Die wussten alles voneinander. Auch hat er seinen Stellvertreter Joseph Bühler zur Wannsee-Konferenz geschickt. Der musste ihm schon aus Gründen der Hierarchie genau berichten, was dort beschlossen worden war.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, Sie hätten eine "verwirrte Kindheit" gehabt. Welche unmittelbaren Auswirkungen auf Ihr Leben hatte die Tatsache, dass Ihr Vater ein führender Nazi war?

Frank: Die Kindheit war einerseits ganz toll mit Dienern und allem Drumherum. Doch dann wird der Vater plötzlich hingerichtet, da war ich plötzlich ganz unten. Mir fehlte einfach die Normalität. Ich habe mir oft gewünscht, dass mein Vater einfach Bäcker gewesen wäre. Wenn ich Göring oder Himmler geheißen hätte, wäre allerdings alles noch viel schlimmer gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Jugend verbrachten Sie hauptsächlich in einem Internat. Dort waren auch die Kinder von NS-Außenminister Joachim von Ribbentrop. Haben Sie sich mit Ihnen über Ihre Erfahrungen ausgetauscht?

Frank: Komischerweise überhaupt nicht. Das waren nette Jungs. Der eine war, glaube ich, zwei Klassen über mir, der andere unter mir. Wir haben uns nur im Sport getroffen.

Hans Frank während des Nürnberger Prozesses: "Die Leichenhaufen bestimmen das Bild meiner Eltern"
AP

Hans Frank während des Nürnberger Prozesses: "Die Leichenhaufen bestimmen das Bild meiner Eltern"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Brieftasche tragen Sie ständig ein Foto mit sich, auf dem Ihr hingerichteter Vater zu sehen ist. Sie sagen, dies sei Ihre Form der Rache. Was bedeutet Ihnen das Vierte Gebot: "Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren"?

Frank: Ich muss mich doch fragen: Sind meine Eltern für mich ein liebevolles Paar gewesen mit dem Fehler, dass sie halt ein paar Leichenhaufen hinterlassen haben? Nein, für mich bestimmen die Leichenhaufen das Bild meiner Eltern. Sie hätten sich ja abseilen können. Sie waren nicht in tiefer wirtschaftlicher Not. Eine Aussöhnung mit diesen Eltern kann es für mich unmöglich geben. Die Beschäftigung mit ihnen, die eben an den Verbrechen von uns Deutschen an herausragender Stelle mit verantwortlich waren, war viel zu entsetzlich. Eine vorgeschobene Aussöhnung - genau das würde mich krank machen.

Das Interview führte Alexander Schwabe

Niklas Frank hat die Bücher "Der Vater" (1987) und "Meine deutsche Mutter" (2005) vorgelegt

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