Interview mit PDS-Chefin Gabi Zimmer: "Mich zermürbt so schnell nichts"

Führungskrise in der PDS. Am Wochenende will auf einem Parteitag in Gera der bisherige Geschäftsführer der Partei, Dietmar Bartsch, gegen die bisherige Vorsitzende Gabi Zimmer kandidieren. Die unterlag gestern mit ihrem Leitantrag im PDS-Vorstand, aber ist nicht unglücklich über die Situation, schildert sie im SPIEGEL ONLINE-Gespräch.

Gabi Zimmer (am Abend der Bundestagswahl)
DPA

Gabi Zimmer (am Abend der Bundestagswahl)

SPIEGEL ONLINE:

Wie überrascht hat Sie denn der Fehdehandschuh, den Ihnen Ihr Bundesgeschäftsführer plötzlich vor die Füße wirft?

Gabi Zimmer: Sein Schritt lag eigentlich in der Luft. Ich finde es okay, dass Dietmar Bartsch es macht, weil er nun erklären muss, wo seine Kritik wirklich ansetzt und was er eigentlich will. Bislang war es im Verhältnis zu ihm eher ein Gegen-eine-Wattewand-Anrennen, nach dem Motto, wir stimmen zwar in allem überein, aber ich entscheide heute mal anders.

SPIEGEL ONLINE: In anderen Parteien wäre es üblich, dass nach einer so deutlich verlorenen Wahl alle Verantwortlichen an der Spitze ihren Posten zur Verfügung stellen. In der PDS konkurrieren dagegen die zwei wichtigsten um die Zukunft als Nummer eins?

Zimmer: Das hat mit der Situation in der PDS zu tun. Wir sind praktisch stehen geblieben in der Situation von vor zwei Jahren, als ich gewählt wurde. Wir haben nicht so viele Leute, die in der breiten Öffentlichkeit einen Namen haben und nicht in die Mitverantwortlichkeit für das Wahlergebnis eingebunden sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie verteilt sich denn der Schuldanteil an der Wahlniederlage auf das PDS-Führungsquartett, sieht man einmal vom fünften Rad am Wagen ab, Gregor Gysi?

Zimmer:Ein jeder trägt seine Mitschuld in seiner Verantwortung. Ich trage als Parteivorsitzende natürlich einen besonders schweren Rucksack und der Bundesgeschäftsführer natürlich auch. Normalerweise wäre es wirklich sinnvoll gewesen, alle vier treten zurück und es rücken die nächsten nach - aber das würden andere Parteien auch nicht so ohne weiteres schaffen.

Verstimmtes Duo: PDS-Chefin Gabi Zimmer und Geschäftsführer Dietmar Bartsch
DPA

Verstimmtes Duo: PDS-Chefin Gabi Zimmer und Geschäftsführer Dietmar Bartsch

SPIEGEL ONLINE: Hatte in Kokurrenz zu Ihnen der PDS-Geschäftsführer bislang zuviel Macht?

Zimmer: In der PDS ist es ein verbreitetes Anliegen, durch eine Parteireform unsere Strukturen so zu verändern, dass wirklich ein konstruktives Miteinander dabei herauskommt und kein unterschwelliges Gegeneinander.

SPIEGEL ONLINE: Treten sie denn in Gera als ein Duo Zimmer/Claus an, also gemeinsam mit Roland Claus, dem ehemaligen Bundestagsfraktionsvorsitzenden der PDS?

Zimmer: Bis zum heutigen Tag ist er mein Wunschkandidat. Aber es findet gegenwärtig eine Lagerbildung statt, die das sicherlich auch für ihn komplizierter macht. Bisher gab es eine solche Zuordnung zu diesen oder jenen Personen oder Konzepten bei uns nicht, auch ich habe mich nie einem Lager zugerechnet.

SPIEGEL ONLINE: Spaltet diese Kampfkandidatur die PDS?

Zimmer: Der Parteivorstand ist nicht mit der Partei gleichzusetzen, in der der Wille miteinander zu arbeiten, sehr stark ausgeprägt ist. Egal welches Papier ich im Vorstand am Mittwoch vorgelegt hätte, die Entscheidung wäre wahrscheinlich nicht anders verlaufen, weil es dort auch das demonstrative Bedürfnis gibt, auf dem Parteitag die unterschiedlichen Politikkonzepte endlich zu benennen, die uns im Vorstand unterschwellig trennen.

SPIEGEL ONLINE: Wie unterschiedlich sind diese Konzepte denn? Sie sagen "Kein weiter so", Dietmar Bartsch sagt: "Kein weiter so"...

Kein Herz und keine gemeinsame Seele: Das zerbrechende PDS-Kleeblatt

Kein Herz und keine gemeinsame Seele: Das zerbrechende PDS-Kleeblatt

Zimmer: "Kein weiter so" besagt zunächst nicht, dass alles beiseite geräumt wird, was es in der PDS an Erfahrungen gibt. Für mich heißt es auch nicht, dass wir es uns einfach machen und sagen "Wir müssen nur die Ärmel hochkrempeln und lauter auftreten". Sondern wir müssen uns fragen, worin besteht eigentlich das spezifische Profil der PDS und wie bringen wir unseren Programmentwurf in ein greifbares Konzept und eine politisch wirksamere Strategie?

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen ein "Mitte-Unten-Bündnis", Dietmar Bartsch werfen Sie dagegen einen Hang zur Mitte vor. Will er aus Ihrer Sicht eine Sozialdemokratisierung der PDS?

Zimmer: Das unterstelle ich ihm nicht, aber fürchte, dass viele das vermuten.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie nicht befürchten, dass nun die vierte im bisherigen PDS-Führungsquartett, die Bundestagsabgeordnete Petra Pau, an der Seite von Dietmar Bartsch eventuell als Bundesgeschäftsführerin gegen Sie kandidiert?

Zimmer: Ich befürchte gar nichts in dieser Partei.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es statt Streit nicht sinnvoll, einen schlichtenden dritten Leitantrag zu formulieren? Also ein Kompromisspapier aus den beiden vorgelegten Entwürfen, dem von Ihnen und dem aus der Berliner PDS, der im Vostand zwei Stimmen mehr erhielt?

Zimmer: Dazu sind die Papiere methodisch doch zu unterschiedlich. Ich kann mich zwar mit vielen Punkten in dem Berliner Papier identifizieren, aber zwei, drei Knackpunkte bleiben. Was sind wir? Sind wir nur eine soziale Reformpartei, die über anderes nicht mehr redet? Wie setzen wir uns mit unseren eigenen Schwächen auseinander und entwickeln unseren eigenen Politikstil, auch dort, wo wir als demokratische Sozialisten in Regierungen beteiligt sind?

SPIEGEL ONLINE: Ist nicht vielleicht einfach nur mit dem Begriff "sozialistisch" kein Blumentopf mehr in Deutschland zu gewinnen?

Zimmer: Das glaube ich nicht. Es ist aber nicht auszuschließen, dass das manch einer in der PDS meint.

Ehrgeiziger Gegenkandidat: PDS-Geschäftsführer Dietmar Bartsch
DDP

Ehrgeiziger Gegenkandidat: PDS-Geschäftsführer Dietmar Bartsch

SPIEGEL ONLINE:Wie zermürbend wird denn jetzt von Parteigenossen auf sie eingeredet, bloß nicht zu kandidieren, auch um die Gegenkandidatur des selbstbewussten Dietmar Bartsch zu verhindern?

Zimmer: Mich zermürbt so schnell nichts. Außerdem wollen die Delegierten in Gera eine Entscheidung treffen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten Sie das Duell gegen Ihren Herausforderer Bartsch verlieren, kandidieren Sie dann für einen Posten unter ihm?

Zimmer: Eine solche Konstellation wird es nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Entpuppt sich die verlorene Bundestagswahl als ein reinigendes Gewitter für die PDS?

Zimmer: Das chinesische Schriftzeichen für Krise bedeutet auch Chance. Ich sehe Gera als Chance, Wählervertrauen zurückzugewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Wird als ein potenzieller Retter auch Gregor Gysi wieder nötig sein?

Zimmer: Einen Mitstreiter Gregor Gysi kann die PDS immer gebrauchen.

Das Gespräch führte Holger Kulick

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