Berliner Pirat Lauer: "Totale Transparenz ist eine Illusion"

Christopher Lauer gilt als heimlicher Anführer der Piraten, doch in der Partei ist der Berliner Abgeordnete umstritten. Im Interview spricht er über Kritik an seiner Medienpräsenz - und erklärt, warum man nicht alle Fragen öffentlich diskutieren kann.

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Pirat Lauer: "Ich muss nicht jedem in den Hintern kriechen"

SPIEGEL ONLINE: Herr Lauer, wie fühlt es sich an, wenn man in einer bundesweit ausgestrahlten Talkshow den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck zum Ausrasten bringt?

Lauer: Die Stimmung war wohl im Eimer. Nach der Sendung haben wir jedenfalls nicht mehr miteinander gesprochen. Allerdings fand ich die ganze Veranstaltung ziemlich absurd. Kurt Beck hat in seinem Bundesland 330 Millionen Euro mit dem Nürburgring in den Sand gesetzt und tat so, als würde ihn die Schlecker-Pleite an den Rand der Verzweiflung bringen. Und ich sollte als Quoten-Pirat mal eben ein Konzept für die Schlecker-Rettung präsentieren.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie nach der Erfahrung bei Maybrit Illner die große Bühne nun lieber meiden?

Lauer: Nein. Ich nutze jede gute Gelegenheit, die Positionen der Piraten nach außen zu tragen. Das Thema Schlecker habe ich unterschätzt, da müsste ich mich besser vorbereiten. Wobei ich beim Thema der Sendung, es war der Schuldenstaat, etwas anderes erwartet habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in den Medien sehr präsent. Sind Sie der heimliche Anführer der Piraten?

Lauer: Ich rufe ja nicht überall an, wenn ich eine Schlagzeile über mich lesen will - aber ich bekomme nun einmal viele Anfragen. Außerdem brauchen wir Leute, die die Partei nach außen repräsentieren. Das Problem bei vielen Piraten ist, dass Macht vor allem unter dem Aspekt des Machtmissbrauchs gesehen wird. Aber um die Breitenwirkung eines Fernsehauftritts zu erreichen, müssten sehr viele Mitglieder sehr viele Flyer verteilen. Das Spiel läuft nun einmal so, da dürfen wir uns nichts vormachen.

SPIEGEL ONLINE: Mit dieser Haltung machen Sie sich in der eigenen Partei oft unbeliebt. Viermal haben Sie sich auf ein Spitzenamt beworben, viermal haben Ihre Leute Sie durchfallen lassen. Bekommen Sie von Ihrer Partei zu wenig Dankbarkeit?

Lauer: Ach, meine Befindlichkeiten interessieren doch niemanden. Ich möchte Menschen, die mich beleidigen, auch überhaupt kein Forum bieten. Außerdem muss ich nicht jedem in den Hintern kriechen. Vor sechs Monaten war ich Student, jetzt spreche ich überregional für die Piraten. Klar kann man die Frage stellen, warum ich trotzdem kein führendes Amt habe. Damit muss ich mich wohl abfinden. Ich kann nicht von 23.000 Mitgliedern verlangen, dass sie die Welt so sehen wie ich.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie doch ein wenig beleidigt. Piraten scheinen mit ihren populären Köpfen auch unterschiedlich umzugehen: Die noch amtierende Geschäftsführerin Marina Weisband löst nicht solche Kontroversen aus wie Sie.

Lauer: Ich betreibe innerparteilich keine Marktforschung. Aber grundsätzlich gilt: In Sachen Hierarchien steckt die Piratenpartei voller Widersprüche. Das Motto soll "Themen statt Köpfe" heißen. Nach dem Piratenideal muss man nicht in den Vorstand gehen, um gehört zu werden. Aber wenn ein rein verwaltender Vorstand dazu führt, dass selbst ein Hinterbänkler wie ich so präsent sein kann - dann ist es auch wieder nicht richtig.

SPIEGEL ONLINE: Den letzten Proteststurm ernteten Sie, als Sie die Schließung der Deutschen Oper forderten. Prallt das einfach an Ihnen ab?

Lauer: Das belastet mich nicht. Mir werden Beleidigungen an den Kopf geworfen, bei denen andere sofort zum Anwalt rennen würden. Einige Kritiker hinterlassen in ihrer Pöbelmail sogar Anschrift und Telefonnummer. Das finde ich dann eher lustig.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin sitzen Sie und Ihre 14 Fraktionskollegen seit knapp einem halben Jahr im Abgeordnetenhaus. Welchen Rat geben Sie der frischen Saarland-Fraktion und den Wahlkämpfern in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen?

Lauer: Habt eine Haltung, bettelt nicht um jede Stimme, versucht, die Menschen von unseren Positionen zu überzeugen. Die Wahlkämpfer sollen so tun, als ob wir in den Umfragen bei null Prozent stehen. Ansonsten haben wir hier in Berlin ordentlich Vorarbeit geleistet. Einige Anträge können die Saarländer direkt "copy and paste" von uns übernehmen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie schon ernüchtert vom Politikbetrieb?

Lauer: Im Gegenteil, mir bereitet es eine diebische Freude, jeden Tag in das Abgeordnetenhaus zu gehen. Wir führen hier eine Operation am offenen Herzen durch. Es geht um die Frage, wie wir das etablierte Politiksystem nachhaltig verändern. Im Berliner Landesparlament gäbe es zum Beispiel eine klare Mehrheit für die Einführung eines Wahlalters ab 16. Aber es passiert nichts, weil die SPD einen Koalitionspartner namens CDU hat. Fraktionen und Koalitionen sollen Mittel zum Zweck sein, um die parlamentarische Arbeit zu erleichtern - in der Praxis zementieren sie oft irgendwelche Machtstrukturen.

SPIEGEL ONLINE: In einer der letzten Fraktionssitzungen haben die Piraten über die Anschaffung eines Getränkeautomaten diskutiert. Wer will das wissen?

Lauer: Im parlamentarischen Alltag muss es auch vertrauliche Teile geben. Die Debatte um einen Getränkeautomaten gehört nicht dazu, aber auch sie bringt unsere Arbeit den Menschen näher. Wir als Piratenpartei haben in vielen Fällen noch nicht klar definiert, was Transparenz bedeutet. Es geht ja nicht darum, wie es bei Herrn Lauer im Bett aussieht, sondern darum, dass jeder zu jedem Zeitpunkt nachvollziehen kann, was ein Volksvertreter, was die Regierung tut. Welche Gutachten bei Entscheidungen vorlagen, welche Personen an der Formulierung von Gesetzen beteiligt waren und welche Lobbykontakte es da gab. Klar kann man sich Protokolle von Plenarsitzungen reinziehen. Aber schon bei einem Referentenentwurf weiß doch keiner, wer da im Hintergrund alles beteiligt war. Da müssen wir mit der Taschenlampe hin.

SPIEGEL ONLINE: Sollte das streng geheime Parlamentarische Kontrollgremium im Bundestag öffentlich tagen?

Lauer: Ich kann nicht für die Gremien sprechen, in denen ich noch nicht war. Aber hier im Abgeordnetenhaus gibt es eine Geschäftsführerrunde, in der die parlamentarischen Abläufe geplant werden. Es ist gut, dass man so was an einem Grünen Tisch in einem geschützten Raum machen kann. Die totale Überwachung von Verwaltung und Abgeordneten ist eine Illusion, weil man sich im Zweifel immer in der Tiefgarage treffen kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist die Gefahr, dass sich die Piraten unter dem Druck der anstehenden Wahlen selbst zerlegen?

Lauer: Lassen Sie uns erst mal in den Bundestag kommen und dann ein bis zwei Jahre Zeit, um fachpolitisch richtig fit zu werden. Wir werden schon jetzt in einem Turbo-Tempo immer differenzierter, und wir sind wahnsinnig gut vernetzt und organisiert. Verglichen mit den chaotischen Anfangszeiten der Grünen ist das, was wir hier machen, eine Hauptaktionärsversammlung der Deutschen Bank.

Das Interview führten Annett Meiritz und Philipp Wittrock

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insgesamt 263 Beiträge
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1. Scheinheilig
pepito_sbazzeguti 31.03.2012
"Kurt Beck hat in seinem Bundesland 330 Millionen Euro mit dem Nürburgring in den Sand gesetzt und tat so, als würde ihn die Schlecker-Pleite an den Rand der Verzweiflung bringen." So und nicht anders kennen wir sie doch seit eh und je, die Scheinheiligen der "etablierten" Parteien.
2. Nun, es ....
47/11 31.03.2012
... folgt wohl so langsam die Ernüchterung über eine " neue " Partei und ihre Möglichkeiten . Die ehrlichen und aufrichtigen werden resignieren und die machtgeilen werden sich arrongieren . Das ist dann das Ende der " Piraten " . Leider fehlt noch immer die Erkenntnis, dass in einem korrupten Machtsystem - was nun mal der Parlamentarismus ist - nur ebensolche Parteien und Politiker bestehen können . Ohne einen grundlegenden Systemwechsel - zur Demokratie - wird sich in diesem Lande nichts verändern können !!!
3.
dedie 31.03.2012
---Zitat--- Verglichen mit den chaotischen Anfangszeiten der Grünen ist das, was wir hier machen, eine Hauptaktionärsversammlung der Deutschen Bank. ---Zitatende--- Herr Lauer ist Jahrgang 1984 und weis genau über die Anfangszeiten der Grünen bescheid? Er sollte besser über das Heute bescheid wissen als über Dinge die vor seiner Geburt passierten, dann würde er auch nicht so Ahnungslos darstehen.
4.
niska 31.03.2012
Zitat von sysopChristopher Lauer gilt als heimlicher Anführer der Piraten, doch in der Partei ist der Berliner Abgeordnete umstritten. Im Interview spricht er über Kritik an seiner Medienpräsenz - und erklärt, warum man nicht alle Fragen öffentlich diskutieren kann. Berliner Pirat Lauer: "Totale Transparenz ist eine Illusion" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,824835,00.html)
Obwohl ich mit Lauer sonst so meine Probleme habe: Ein sehr gutes Inteview.
5. Geschichte
pepito_sbazzeguti 31.03.2012
Zitat von dedieHerr Lauer ist Jahrgang 1984 und weis genau über die Anfangszeiten der Grünen bescheid?
Da gibt's einen ganz neuen Trend, den angeblich schon einige Leute praktizieren: Nennt sich "Recherche im Imternet" oder so. Im Zweifelsfall könnte Herr Lauer sogar ein Geschichtsbuch zur Hand genommen haben, um sich über die Anfangszeiten der Grünen zu informieren. Oder er hat sich darüber von einem älteren Verwandten erzählen lassen. Was es nicht alles für Möglichkeiten gibt....
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    Christopher Lauer, Jahrgang 1984, sitzt als einer von 15 Abgeordneten für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus. Er ist dort innen- und kulturpolitischer Sprecher und Fraktionschef. Lauer ist seit 2009 bei den Piraten, von 2010 bis 2011 war er Mitglied im Bundesvorstand. Mehrere Anläufe, sich auf weitere Spitzenposten zu bewerben, scheiterten. Trotzdem gilt Lauer, der in der Öffentlichkeit konsequent Anzug trägt, als einer der bundesweit bekanntesten Piraten.

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