Interview mit "Rentenpapst" Schmähl: Volle Rente nur bei längerer Arbeitszeit

"Rentenpapst" Professor Winfried Schmähl, 58, Vorsitzender des Sozialbeirats der Bundesregierung, gilt als Kritiker von Arbeitsminister Riester. Mitte Juli soll er aus dem Gremium abberufen und durch den Riester nahe stehenden "Wirtschaftsweisen" Bert Rürup ersetzt werden. SPIEGEL ONLINE sprach mit Schmähl über den Vorschlag einer längeren Lebensarbeitszeit in der Rentendiskussion.

Winfried Schmähl

Winfried Schmähl

SPIEGEL ONLINE

: Der "Wirtschaftsweise" Rürup hat eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit von 65 auf 67 bis zum Jahre 2030 ins Spiel gebracht, was das Arbeitsministerium jedoch ablehnt. Kann man der Bevölkerung vermitteln, noch länger zu arbeiten?

Schmähl: Es ist bemerkenswert, dass jetzt auch aus SPD-Kreisen die Frage der Lebensarbeitszeit in die Diskussion gebracht wird. Es ist jedoch ein wichtiger Ansatzpunkt. Eine längere Lebensarbeitszeit darf jedoch keine Ergänzung zu den Vorhaben der Bundesregierung sein. Vielmehr sollte man im Zuge der steigenden Lebenserwartung ungefähr ab dem Jahr 2011 die Regelarbeitsgrenze anheben, die ja in Kürze bei 65 Jahren liegen wird - dies aber anstelle des so genannten Ausgleichsfaktors, der zu einer Minderung der Bezüge für Neurentner ab dem Jahre 2011 führen soll. Damit würde jedem deutlich gemacht, dass er eine volle Rente nur bekommt, wenn er etwas länger im Erwerbsleben bleibt.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewerkschaften IG Metall und IG Bau wollen alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung einbeziehen - also auch Beamte, Politiker, Freiberufler...

Schmähl: Natürlich wäre es sinnvoll, wenn jeder Erwerbstätige obligatorisch in ein Alterssicherungssystem einbezogen wird. Es gibt immer noch Selbständige, die nicht erfasst werden. Bei den Beamten erscheint es mir nur machbar, wenn man den Beamtenstatus ganz abschafft. Man darf aber nicht vergessen, dass das Einbeziehen von zusätzlichen Personen später auch zu zusätzlichen Ausgaben führt. Unter dem Gesichtspunkt der Finanzentwicklung der Rentenversicherung sollte man diesen Vorschlag aber keinesfalls diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Sollte private Vorsorge das Rentenniveau senken?

Schmähl: Private Vorsorge sollte die gesetzliche Rente ergänzen - und nicht zum Teil ersetzen, wie es momentan diskutiert wird. Aber man darf sich keine Wunderdinge davon erwarten. Ein Beispiel für das Jahr 2030: Nach den neuen Vorschlägen der Regierung bekäme der Durchschnittsverdiener aus einer abgesenkten gesetzlichen Rente und einer privaten Zusatzversorgung 70 Mark mehr als allein aus der gesetzlichen Rentenversicherung ohne die von der Regierung vorgesehenen Senkungen. Er würde dafür aber 330 Mark zusätzlich an Beiträgen zahlen. Die Belastung für Arbeitnehmer würde also nach dem Regierungsvorschlag deutlich steigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollte eine Rentenreform denn überhaupt aussehen?

Schmähl: Wir brauchen ein in sich stimmiges Gesamtkonzept, unter anderem mit einer transparenten und einfachen Rentenanpassungsformel, bei der nur Lohnentwicklung und die Entwicklung des Beitragssatzes eine Rolle spielen. Aus demografischen Gründen ist längerfristig auch eine höhere Regelarbeitsgrenze nötig. Um Armut im Alter zu vermeiden, brauchen wir auch Modifikationen in der Sozialhilfe.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit 1984 Mitglied des Sozialbeirats der Bundesregierung und seit 1986 deren Vorsitzender. Jetzt sollen Sie Mitte des Monats abberufen und durch den Riester nahestehenden Bert Rürup werden. Eine Reaktion auf die Kritik an den Rentenplänen des Arbeitsministers?

Schmähl: Meine Mitgliedschaft läuft aus, und man will mich in der Tat nicht wieder berufen. Im Sozialbeirat solle der Frauenanteil erhöht werden, hieß es. Über die Tragfähigkeit der Begründung möchte ich nicht spekulieren. Die Begründung ist nicht ganz überzeugend. Bisher sind schon zwei neue Wissenschaftler berufen worden, die der SPD angehören. Der Beirat selbst hat mich auf der jüngsten Sitzung wieder zum Vorsitzenden gewählt - wohl wissend, dass ich Ende des Monats nicht mehr Mitglied bin. Es ist das erste Mal in der über 40-jährigen Geschichte des Sozialbeirats, dass die Bundesregierung Wissenschaftler nicht wieder beruft.

Das Interview führte Alwin Schröder

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite