Interview mit SPD-Europakandidat Öger: "Die wollen mich in eine Döner-Kebab-Ecke drängen"

Der Unternehmer Vural Öger, 62, kandidiert für die SPD bei den Europawahlen. Missverständliche Äußerungen über die Zukunft Deutschlands brachten ihn in die Schlagzeilen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE klagt er über eine "Kampagne" der "Bild"-Zeitung - und erklärt, warum die Türkei langfristig der EU beitreten muss.

SPD-Kandidat Vural Öger: "Überzeugter deutscher Staatsbürger mit großem türkischen Herzen"
DPA

SPD-Kandidat Vural Öger: "Überzeugter deutscher Staatsbürger mit großem türkischen Herzen"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Öger, haben Sie einen Türkenwitz auf Lager?

Vural Öger: (lacht) Es gibt so viele schöne Türkenwitze. Die höre ich, dann lache ich und dann vergesse ich sie. Witze zu erzählen und zu verstehen ist für mich auch ein Zeichen von Intelligenz und Kultur.

SPIEGEL ONLINE: Die "Bild"-Zeitung sieht das offenbar etwas anders.

Öger: Für mich ist das eine absolut unsaubere Art von Kampagne. Ich komme aus dem türkischen Bürgertum. Wir sind laizistisch erzogen. Und nun versucht man mich in eine Döner-Kebab-Ecke zu drängen, in die ich überhaupt nicht gehöre. Das hat mir wirklich wehgetan.

SPIEGEL ONLINE: Der "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner nennt sie Effendi Öger. Als Replik auf einen angeblichen Witz von Ihnen schreibt er von fliegenden Teppichen und dem Harem, den die Türken nach Europa bringen können. Empfinden Sie das als Rassismus?

Öger: Dieser Beitrag ist zumindest ein billiges Klischee. Weitere Urteile erlaube ich mir nicht, ohne die Person wirklich zu kennen. Manchmal frage ich mich seit meinem Eintritt in das politische Leben allerdings, warum Menschen für manche Medien nur Objekte sind. Ich bin erst ein Mensch, dann Politiker und Unternehmer. Das, was die 'Bild' sich leistet, ist ein Journalismus, der nicht durchgängig meinem Verständnis von der Rolle der Medien in aufgeklärten, demokratischen Gesellschaften entspricht.

SPIEGEL ONLINE: Zuvor wurden sie allerdings mit der Aufforderung zitiert, deutsche Frauen sollten mehr Kinder machen.

Öger: Es werden vollkommen falsche Dinge behauptet. Wer bin ich denn, der deutsche Frauen auffordert, mehr Kinder zu bekommen? Ich habe mich lediglich im privaten Rahmen auf demografische Untersuchungen berufen, die zeigen, dass es in Deutschland zu wenig Kinder gibt und die Bevölkerung stark zurückgeht. Also habe ich gesagt, die deutschen Familien sollten mehr Kinder auf die Welt bringen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden allerdings anders zitiert.

Öger: Es ist falsch übernommen worden. Ich habe "auf die Welt bringen" gesagt. Wie soll man das auch sonst sagen? Ich bin deutscher Staatsbürger und habe drei Kinder, die hier auch bleiben werden. Ich bin interessiert an der Zukunft der Gesellschaft. Macht sich denn niemand darüber Gedanken, wenn wir hier jedes Jahr 200.000 Menschen weniger werden?

SPIEGEL ONLINE: Warum sollte es eine Kampagne gegen Sie geben?

Öger: Ich bin SPD-Kandidat - und die SPD soll von CDU-nahen Kreisen angegriffen werden. Ich bin nur Mittel zum Zweck.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt aber noch einen zweiten Spruch von Ihnen. Die Belagerung Wiens sei zwar historisch gescheitert, aber man werde das Ziel nun doch über die Einwanderung erreichen. Wie steht es damit?

Öger: Es ist so albern und lächerlich. Es war eine ironische Antwort auf die - wie ich finde - Entgleisung des Bielefelder Historikers Hans-Ulrich Wehler, der öffentlich verkündet hatte, die Türken niemals in die EU zu lassen. Und das mit dem Tenor: Wir haben euch schon einmal vor Wien zurückgeschlagen. Er sagte auch, die Türken sind die Feinde Europas. Ich meinte darauf zu meinem Nachbarn bei dem privaten Gespräch, vielleicht müsse man dem Mann sagen, dass es dazu nicht der EU-Mitgliedschaft bedürfe. Das würden die Ausländer schon allein in der Bundesrepublik schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Auf welchem Weg denn?

Öger: Laut den Berichten über die Bevölkerungsentwicklung könnte, wenn nicht etwas in der Familienpolitik geschieht, die ethnisch deutsche Bevölkerung auf 25 Millionen Menschen zurückgehen. Und der Anteil der ausländischen Bevölkerung auf 35 Millionen ansteigen. Höchste Zeit also, dass die Deutschen eine vernünftige Familienpolitik machen.

SPIEGEL ONLINE: Hört sich so schon anders an.

Türkische Zeitungen: "Hürriyet" brachte am nächsten Tag das Dementi
SPIEGEL ONLINE

Türkische Zeitungen: "Hürriyet" brachte am nächsten Tag das Dementi

Öger: Die türkische Zeitung "Hürriyet" hat meine angeblichen Aussagen am kommenden Tag auch richtig gestellt. Ich habe das mehrmals ebenfalls richtig gestellt. Ich habe mich mein Leben lang hier in Deutschland dafür eingesetzt, Vorurteile abzubauen, die Integration voranzutreiben. Ich habe als erster das Wort Kurde gebraucht. Wie oft kritisiere ich schonungslos die ganzen Koranschulen, die Kopftuchszene? Warum sieht man das alles nicht?

SPIEGEL ONLINE: Gibt es jetzt auch noch Ärger mit den Genossen?

Öger: Nein, die stehen hinter mir. Auch eine SPD-Abgeordnete hat sich entschuldigt, da sie nur das angebliche Zitat kannte. Die SPD-Leute sagen mir, wir sind solche Kampagnen gewohnt. Da muss ich jetzt durch.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem erinnern diese Sätze an junge türkische Machos, die zwischen zwei Kulturen hin und her gerissenen sind.

Öger: Ich bin weder ein junger türkischer Macho noch ein Desperado-Typ. Ich sehe mich als Weltbürger, der überzeugter deutscher Staatsbürger mit einem großen türkischen Herzen ist. Ich habe nichts an mir, was man als nationalistisch-chauvinistisch bezeichnen könnte. Und trete jeder Art von Extremismus entgegen - auch dem religiösen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nun das erste Mal gemerkt, wie glatt das politische Parkett sein kann?

Öger: Ich mache meine erste Erfahrung - und bin sehr betroffen. Als Geschäftsmann habe ich immer offen meine Meinung gesagt. Das möchte ich auch beibehalten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele werden Sie in Brüssel verfolgen?

Öger: Ich will die Harmonisierung unserer Gesetze anstreben, für eine solidarische Gesellschaft eintreten, mich für Hamburg einsetzen. Außerdem will ich kein Europa der Konzerne, sondern der Menschen. Die Wirtschaft muss dem Menschen untergeordnet sein und nicht umgekehrt. Das sagt ganz bewusst auch der Unternehmer Öger. Deshalb werde ich mich zentral für die sozialen Sicherungssysteme einsetzen. Das Europa der Zukunft sehe ich als einen kontinentalen Block, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und militärisch stark ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Name wird vor allem mit dem EU-Beitritt der Türkei in Verbindung gebracht.

Türkische Flagge am Bosporus: "Die Türkei könnte zum Vorzeigeland werden"
SPIEGEL ONLINE

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Öger: Das haben auch andere gefordert. Ich halte die Türkei von heute für nicht beitrittsfähig. Aber, auch wenn das andere Parteien immer wieder bewusst anders darstellen: Heute geht es nur um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, damit ist noch nicht gesagt, dass die Türkei auch Mitglied wird. Das kann sie nur, wenn sie die Kopenhagener Kriterien erfüllt.

SPIEGEL ONLINE: Diese Hoffnung forciert den Reformprozess in der Türkei derzeit dramatisch. Aber wozu brauchen wir das Land in der EU?

Öger: Spätestens seit dem 11. September 2001 spielt sie eine besondere Rolle. Als Brücke zur islamischen Welt. Ich bin für Dialog und nicht für den Kampf der Kulturen. Die Türkei könnte als säkulares Gesellschaftswesen zum Vorzeigeland für die islamische Welt werden, an dem sie sich orientieren kann. Lehnen wir die Türkei ab, wird sich die islamische Welt total zurückziehen. In 50 Jahren werden südlich von uns 1,5 Milliarden Menschen leben, denen dass Öl ausgeht, die wahrscheinlich die Demokratie bis dahin noch nicht eingeführt haben werden. Stellen Sie sich mal vor, was für Gefahrpotenziale da lauern.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind die Deutschen mit dem EU-Beitritt der Türkei überfordert?

Öger: Bereits 1963 hat der CDU-Mann Walter Hallstein, zuvor Staatsekretär im Auswärtigen Amt, ein Kooperationsabkommen mit der Türkei geschlossen. Alle weiteren CDU-Regierungen haben daran festgehalten. Deshalb verstehe ich die heutige Position der CDU nicht. Warum hat man nicht vor 40 Jahren oder vor drei Jahren darüber diskutiert?

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem - geht die Entwicklung nicht zu schnell?

Öger: Wenn die Beitrittsverhandlungen beginnen, wird es noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern bis es tatsächlich zu einem Beitritt kommen kann. Und dann wird es noch mal zehn Jahre Übergangsfristen geben. Wir sprechen also über einen Prozess von zwanzig bis dreißig Jahren. Wer weiß schon, wie die Verhältnisse in ganz Europa, in der Welt dann sind? Aber meiner Beobachtung nach wird es zum Beispiel eher eine Rückwanderung geben, wenn sich die Lebensverhältnisse in der Türkei verbessern, um nur ein so genanntes Argument der Kritiker aufzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es für Sie eine europäische Kultur?

Öger: Historisch gesehen, gibt es sie zumindest nicht als homogene Einheit. Ihre Unterschiedlichkeit ist jedoch ihr Reichtum und keine Bedrohung. Ein katholischer Portugiese hat nicht die gleiche Kultur wie ein protestantischer Schwede. Ein orthodoxer Grieche hat nicht die gleiche Kultur wie ein anglikanischer Engländer. Sie leben nach einer Wertegemeinschaft, die in den Kopenhagener Kriterien abgebildet ist.

SPIEGEL ONLINE: Ein großer Skeptiker des türkischen EU-Beitritts ist ihr Parteifreund und Ex-Kanzler Helmut Schmidt. Haben Sie persönlich mit ihm schon darüber gesprochen?

Öger: Helmut Schmidt bewertet das historisch und kulturell. Ich respektiere seine Haltung. Ich sehe aber das Europa der Zukunft. Die europäische Geschichte darf nicht als einzige Referenz herhalten. Denn Europa besteht nicht nur aus Newton, Descartes, Beethoven. In anderen Schubladen sind Inquisition, Hexenverbrennung, Kolonialismus, Holocaust. Man kann nicht nur die guten Sachen aus der Vergangenheit nehmen. Selbst in Deutschland gab es vor 70 Jahren noch ganz andere Werte.

SPIEGEL ONLINE: Die europäischen Werte sind einem Volk also nicht in die Wiege gelegt?

Öger: Eben, sie sind erkämpft. Die Werte der Aufklärung sind ein Vermächtnis an die Gesellschaft und die kann nicht nur auf eine Religion beschränkt sein. Wir leben ja auch nicht nach der christlichen Botschaft, sondern nach oder innerhalb eines Verfassungsrahmens. Die größte Errungenschaft Europas war die Trennung von Kirche und Staat. Sollte eine Religion Europa definieren, wären wir wieder im Mittelalter.

Das Gespräch führte Lars Langenau

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