US-Botschafter Murphy zu Prism: "Auch wir haben eine Menge Fragen"

US-Botschafter Philip D. Murphy: "Obama und Merkel sind sich im Inneren sehr ähnlich" Zur Großansicht
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US-Botschafter Philip D. Murphy: "Obama und Merkel sind sich im Inneren sehr ähnlich"

Botschafter Philip D. Murphy stellt vor dem Besuch des US-Präsidenten eine denkwürdige Rede in Aussicht: "Obama wird die Berliner nicht enttäuschen." Im Interview verrät er, dass Syrien ein wichtiges Thema wird und er selbst keine Ahnung von den Aktivitäten der NSA in Deutschland hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Enthüllungen über die Arbeit der NSA zeigen, dass Deutschland eines der Hauptziele von US-amerikanischer Überwachung ist. Welche Art von Informationen kontrolliert der Geheimdienst in diesem Land?

Murphy: Im Ernst: Ich habe keine Ahnung. Ich lese, was Sie lesen. Und ich lese eine Menge Widersprüchliches. Deshalb nur so viel: Ich würde im Moment keine voreiligen Schlüsse ziehen. In den USA - und das gilt genauso für Deutschland - sind den Menschen ihre individuellen Freiheiten enorm wichtig. Bei uns ist das in den "Bill of Rights" verankert. Auf der anderen Seite ist es die oberste Pflicht des US-Präsidenten, die Sicherheit der amerikanischen Bürger zu gewährleisten.

SPIEGEL ONLINE: Müssen die USA deshalb alles abhören und mitlesen?

Murphy: Vor allem seit dem 11. September 2001 gibt es ein ständiges Ringen zwischen diesen beiden Interessen, Freiheit und Sicherheit - es geht um die richtige Balance. Sobald man sich einen Fehler leistet, könnte es fatale Folgen haben. Siehe 9/11.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie negative Folgen für das deutsch-amerikanische Verhältnis?

Murphy: Nein. Die wird es nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt viele Fragen in Deutschland.

Murphy: Auch wir in Amerika haben eine Menge Fragen. Und Präsident Barack Obama hat ja gesagt, dass er diese Debatte begrüßt. Er macht sich ständig Gedanken über die richtige Balance zwischen Sicherheit und Freiheit. Genauso geht es mir. Das ist ja das Schöne an demokratischen Gesellschaften, dass wir über solche Dinge streiten können. Aber das deutsch-amerikanische Verhältnis ist davon völlig unbenommen. Es ist tief verankert.

SPIEGEL ONLINE: Kanzlerin Merkel wird das Thema Überwachung bei ihrem Treffen mit Barack Obama ansprechen. Wird Prism den Besuch des Präsidenten beeinflussen?

Murphy: Nein, überhaupt nicht. Es gibt viele wichtige Themen, über die der Präsident mit der Kanzlerin sprechen wird. Aber eines ist immer klar: Die Zusammenarbeit der USA mit Deutschland ist so eng wie mit keinem anderen Land auf der Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was steht für Obama ganz oben auf der Agenda bei seinem Berlin-Besuch?

Murphy: Zunächst einmal freut er sich, wieder in dieser Stadt zu sein. Nach seinem umjubelten Auftritt im Jahr 2008 vor der Siegessäule wird er diesmal vor dem Brandenburger Tor sprechen. Was für ein Symbol! Und das genau 50 Jahre nach dem historischen Besuch von John F. Kennedy in Berlin. Und dann geht es um eine Reihe Themen, die er mit der Kanzlerin besprechen will: Syrien, Iran, der Nahe Osten, Afghanistan, die Lage der Wirtschaft.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie das persönliche Verhältnis des Präsidenten zu Deutschland beschreiben?

Murphy: Dazu nur drei Beobachtungen: Obamas Berliner Rede im Jahr 2008 vor 200.000 Zuschauern gehört zu den schönsten Erinnerungen seines Lebens. Dann ist da die sehr vertrauensvolle Beziehung zu Kanzlerin Merkel: Sie mögen verschieden erscheinen - aber im Inneren sind sich die beiden sehr ähnlich. Und schließlich gibt es die historische Klammer zwischen unseren beiden Ländern, die in Obamas Amtszeit sogar noch enger geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Wenn das Verhältnis zu Merkel so gut ist - warum hat es dann so lange gedauert, bis Obama als Präsident Berlin besucht?

Murphy: Er wollte schon lange hierherkommen, aber es hat nie geklappt. Immerhin war Obama als Präsident schon mehrere Male in Deutschland. Und er hat die deutsche Kanzlerin in Washington zum Staatsbesuch empfangen - diese Ehre hat er bisher nur einer Handvoll Nationen erwiesen.

SPIEGEL ONLINE: 2008 sprach Obama vor der Siegessäule über "Change" und "Hope". Was wird dieses Mal seine Botschaft sein?

Murphy: Eines kann ich mit Bestimmtheit sagen: Er wird die Berliner nicht enttäuschen. Es gibt kaum einen besseren Redner in der Geschichte unserer Präsidenten.

SPIEGEL ONLINE: Nach vier Jahren verlassen Sie mit Ihrer Frau und Ihren vier Kindern Deutschland als US-Botschafter. Was werden Sie am meisten vermissen?

Murphy: Keine Frage. Die Menschen. Unsere Freunde. Meine Familie und ich haben so viele interessante Leute getroffen, und meine Kinder sagen schlicht und einfach: Wir wollen nicht gehen. Es wird schon eine große Umstellung, wenn wir zurück nach New Jersey kommen: Die kulturelle und ethnische Vielfalt, wie wir sie in Berlin kennengelernt haben, gibt es da einfach nicht. Und natürlich werden wir Fußball vermissen.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen vier Jahren gehörten Sie zu den Stammgästen in deutschen Fußball-Bundesliga-Stadien. Wie sehr werden Sie in New Jersey leiden?

Murphy: Sehr. Aber wir haben in Berlin ein Haus gekauft, ich werde also ab und an in Deutschland sein, um Spiele zu sehen. Und dann arbeite ich noch an einem kleinen Experiment: Wir versuchen gerade, einen deutschen Privatsender in unserem Haus in New Jersey installieren zu lassen, der die Bundesliga überträgt - dann könnte ich die Spiele wenigstens im Fernsehen schauen.

SPIEGEL ONLINE: Kaum ein US-Botschafter in den vergangenen Jahrzehnten hatte so gute Presse wie Sie...

Murphy: Ja, und das gilt auch für WikiLeaks. Das war seinerzeit schon sehr hart für mich. Ich war gerade einmal ein gutes Jahr im Amt. Aber damals gab es auch viel Zuspruch und Unterstützung.

SPIEGEL ONLINE: Irgendeinen Rat, den Sie Ihrem Nachfolger geben würden?

Murphy: Das Unerwartete ist am schwierigsten. WikiLeaks war so ein Fall. Man muss lernen, damit umzugehen. Und ich würde mir wünschen, dass mein Nachfolger mehr macht mit dem Programm, das wir gestartet haben: jungen Leuten, besonders aus Migrantenfamilien, die Möglichkeit zu geben, Zeit in den USA zu verbringen. Das ist unendlich wichtig für die deutsch-amerikanischen Beziehungen.

US-Botschafter Murphy, SPIEGEL-ONLINE-Redakteure Gathmann und Nelles in der Botschaft in Berlin Zur Großansicht
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US-Botschafter Murphy, SPIEGEL-ONLINE-Redakteure Gathmann und Nelles in der Botschaft in Berlin

Das Interview führten Florian Gathmann und Roland Nelles

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insgesamt 56 Beiträge
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1. och!
umegubbe 14.06.2013
Noch einer der keine Ahnung hat! Wie niedlich! Und das verrät er auch noch! Der versteht sich bestimmt gut mit Merkel!
2.
Obi-Wan-Kenobi 14.06.2013
Zitat von sysopU.S. EmbassyBotschafter Phil D. Murphy stellt vor dem Besuch des US-Präsidenten eine denkwürdige Rede in Aussicht: "Obama wird die Berliner nicht enttäuschen." Im Interview verrät er, dass Syrien ein wichtiges Thema wird und er selbst keine Ahnung von den Aktivitäten der NSA in Deutschland hat. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/interview-mit-us-botschaft-murphy-zum-obama-besuch-a-905594.html
naja, würde er die Debatte begrüßen, hätte er sie schon längst führen können. Aber nach der Enthüllung ist es wohl eher Schadensbegrenzung. Zu Syrien sollte er vielleicht nichts sagen. Bush hat bereits zum Irak gelogen, zu Syrien müssen wir uns jetzt nicht unbedingt schon wieder anlügen lassen. Und müssen die Berliner, die er angeblich nicht enttäuschen will, nicht zuhause bleiben und es werden nur handverlesene Gäste bei seiner Rede anwesend sein? Ja, die Anwesenden werden jubeln, deshalb wurden sie ja eingeladen :-) was genau will uns also der Botschafter vermitteln?
3. Deutsche Behörden wirklich ahnungslos?
EvilGenius 14.06.2013
---Zitat--- Die Zusammenarbeit der USA mit Deutschland ist so eng wie mit keinem anderen Land auf der Welt. ---Zitatende--- Oha! Frage mich, wie das wohl gemeint ist...
4. Bleibe Sie daheim Mr. Prism
sunburner123 14.06.2013
Eigentlich möchte ich gar nicht das dieser Mensch nach deutschland kommt und mit meinen Steuern beschützt wird. Dieser Wolf im Schaafsfell könnte gerne nach Afghinstan weiterreisen und sich für den tausendfachen Mord an Zivilisten entschuldigen. Unglaublich das so viele Hoffnungen in diesen Menschen gesetzt hatten....
5.
gr89 14.06.2013
US-Botschafter Philip D. Murphy: "Obama und Merkel sind sich im Innern sehr ähnlich" Jupp da hat er wohl recht.
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Zur Person
Philip D. Murphy, Jahrgang 1957, ist seit August 2009 Botschafter der USA in Deutschland. Der langjährige Investmentbanker bei Goldman Sachs amtierte von 2006 bis 2009 als Schatzmeister der US-Demokraten. Murphy gilt als Vertrauter von US-Präsident Barack Obama, der ihn zu Beginn seiner ersten Amtszeit nach Berlin berief. In wenigen Wochen wird Botschafter Murphy mit seiner Frau und den vier Kindern in die USA zurückkehren.

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Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

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