Interview zum Backenzahn-Streit "Roshs Vorhaben ist äußerst pietätlos"

Die Initiatorin des Holocaust-Mahnmals, Lea Rosh, will den Backenzahn eines jüdischen Opfers und einen Judenstern in einer Stele einlassen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, warum ihre Ankündigung in der jüdischen Gemeinde Empörung auslöst.


Paul Spiegel: Aktion verstößt gegen jüdisches Religionsgesetz
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Paul Spiegel: Aktion verstößt gegen jüdisches Religionsgesetz

SPIEGEL ONLINE:

Herr Spiegel, was empört Sie an Lea Roshs Vorhaben, den Backenzahn eines unbekannten jüdischen KZ-Opfers in einer der Mahnmal-Stelen zu verewigen?

Spiegel: Ein Backenzahn ist ein Teil des Körpers und jüdische Körper gehören beerdigt. Selbst wenn man zufällig Körperteile findet, kann man sie nicht beliebig postieren - weder zu Hause im Wohnzimmerschrank noch in einem Denkmal. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin ist kein Friedhof. Frau Rosh hätte den Backenzahn einer jüdischen Gemeinde übergeben sollen, damit er auf einem jüdischen Friedhof beerdigt wird. Es entspricht nicht dem jüdischen Religionsgesetz, dass Körperteile beliebig untergebracht werden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Rosh argumentiert unter anderem damit, dass auch im einstigen Vernichtungslager Auschwitz Haare von Opfern ausgestellt werden.

Spiegel: Die von Frau Rosh erwähnten Haare sind den Opfern der Konzentrationslager abgeschnitten worden, das ist in meinen Augen etwas vollkommen anderes. Sie werden in keinem Museum - auch nicht in Yad Vashem - Zähne von jüdischen KZ-Opfern finden.

SPIEGEL ONLINE: Lea Rosh sagt, sie habe ihr Vorgehen zuvor mit einem Rabbiner abgesprochen.

Spiegel: Ich habe heute gelesen, sie habe einen Rabbiner befragt. Ich habe daraufhin ebenfalls mit amtierenden Rabbinern höchster Ebene gesprochen. Diese haben mir bestätigt, dass die Verewigung eines jüdischen Backenzahns in den Stelen des Mahnmals eindeutig gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt. Wir betrachten das Vorhaben als äußerst pietätlos.

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht möchte Frau Rosh dem Holocaust-Mahnmal durch die Verewigung des Zahns und des gelben Sterns in den Betonstelen mehr Authentizität verleihen?

Spiegel: Dadurch bekommt der Ort nicht mehr und nicht weniger Authentizität. In meinen Augen ist das Ganze eine reine PR-Aktion.

SPIEGEL ONLINE: Vor Jahren hat Lea Rosh in einer Fernsehsendung den Backenzahn schon einmal in die Kameras gehalten. Auch damals stieß das auf Befremden.

Spiegel: Ich verstehe das nicht. Lea Rosh hat so viel Gutes erreicht. Ohne ihr Engagement wäre das Mahnmal nicht entstanden. Wozu braucht sie solche Aktionen? Ich habe ihr Werk während der Eröffnung des Mahnmals entsprechend gewürdigt. Ich habe ihr auch für ihre Initiative und ihr Engagement gedankt. Den Backenzahn eines jüdischen KZ-Opfers in einer der Betonstelen unterzubringen, ist zwar medienwirksam, aber sie sollte sich im Vorfeld erkundigen, ob sie damit nicht auch die Gefühle jüdischer Menschen verletzt.

Das Interview führte Ronald Heinemann



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