Irak-Invasion: BND versorgte US-Militärs mit entscheidenden Informationen zur Kriegsführung

Die Rolle des BND vor und während des Irak-Krieges war wesentlich brisanter als bisher bekannt. Hochrangige US-Militärs versicherten dem SPIEGEL, die Berichte zweier deutscher Agenten in Bagdad seien extrem wichtig und wertvoll für den Kriegsverlauf gewesen.

Die Berichte der beiden BND-Geheimdienstler waren für das US-Militär von weitaus größerer Bedeutung, als die Bundesregierung und der Bundesnachrichtendienst bislang einräumen. Das ergaben Recherchen des SPIEGEL bei hochrangigen US-Militärs, die sich erstmals zur Relevanz der BND-Meldungen äußern.

So bezeichnet der US-General a. D. James Marks, der den Aufklärungsstab der Bodentruppen leitete, die Beiträge der Deutschen als "extrem wichtig und wertvoll" und als "detailliert und zuverlässig". "Wir haben den Informationen aus Deutschland stärker vertraut als denen des CIA", so Marks. Unter anderem hätten die BND-Meldungen dazu beigetragen, dass Pläne für einen Überraschungsangriff von Luftlandetruppen auf den Bagdader Flughafen wieder verworfen wurden, erklärt der General, der heute Geschäftsführer eines großen Pentagon-Dienstleisters ist. Zudem sei der Kriegsbeginn wegen der BND-Informationen vorgezogen worden.

Dem SPIEGEL berichtete Marks, wie er 2003 im US-Camp Doha in der kuwaitischen Wüste in einem fensterlosen, klimatisierten Einsatzraum saß und Meldungen der zwei BND-Agenten auf den Tisch bekam, die während des Krieges in Bagdad ausharrten. Demnach wurden die Informationen der Deutschen Teil der Lagebilder, die er in täglichen Videokonferenzen dem Oberbefehlshaber der Invasionstruppen, Tommy Franks, und manchmal auch Verteidigungsminister Donald Rumsfeld präsentierte.

Besonders relevant war für Marks eine Meldung der beiden Agenten vom 25. Februar, in der es um Ölanlagen in Dora ging. Denn vor allem das Öl machte den US-Militärs in Kuwait und Katar Sorgen. Um jeden Preis wollten sie verhindern, dass Saddam Hussein, wie schon zwölf Jahre zuvor im ersten Krieg gegen die USA, seine Ölanlagen zerstörte. Erkenntnisse über mögliche Sabotage hatten in Marks 400-Mann-Operation deshalb Priorität.

Entsprechend groß war die Aufregung der amerikanischen Aufklärer, als die Informationen vom BND einliefen, wonach die irakischen Streitkräfte damit begonnen hätten, an der Raffinerie von Dora "gewaltige Mengen Rohöl" zu verbrennen. "Die IRQ-Seite hofft anscheinend, damit die USA-Satellitenaufklärung zu behindern." Am 5. März meldeten die beiden Deutschen: "Es liegen glaubwürdige Informationen vor, wonach die Ölpumpstation bei Kirkuk zur Sprengung vorbereitet wurde."

Man habe sofort mit einer verstärkten Luftüberwachung der Anlagen begonnen, so General Marks. Als eine Drohne am 19. März tatsächlich erste Bilder von brennenden Ölfeldern mit hohen Flammensäulen lieferte und damit die Warnungen der Deutschen bekräftigte, sei er zum Kommandeur der Bodentruppen, David McKiernan, geeilt, sagt Marks. "Was jetzt zählt, ist der Überraschungseffekt", habe er gedrängt, "lassen Sie uns zuerst auf dem Boden vorstoßen und das Öl sichern."

Oberbefehlshaber Franks stimmte zu. Er gab nur wenige Stunden später den Marschbefehl für 140.000 Koalitionssoldaten. Der Bodenkrieg begann damit früher als geplant.

Auch Oberst Carol Stewart, die beim Aufklärungsstab des Central Command von Tommy Franks eingesetzt war, sagt, die Deutschen hätten "exzellente Arbeit" geleistet: "Ich wusste, dass die Deutschen gegen den Krieg waren, deshalb hat es mich gewundert, dass sie während des Krieges eine derart positive und hilfreiche Rolle für uns spielten." Stewart sagt: "Wer behauptet, dass diese Meldungen für die Kampfhandlungen keine Rolle gespielt hätten, lebt auf einem anderen Planeten."

Laut SPIEGEL-Informationen transferierte das BND-Duo insgesamt rund 130 Berichte samt Fotos und GPS-Daten über eine gesicherte Satellitenleitung in ihre deutsche Zentrale nach Pullach. Sie meldeten Sandsackstellungen, MG-Nester und baten, nachdem sie die Stellungen irakischer Truppen in der Nähe ihres eigenen Standorts gemeldet hatten, dringend darum, "dass man zur Bekämpfung dieser Truppen doch bitte Special Forces einsetzen möge und keine Raketen und erst recht keine Artillerie".

Anders als sie bis heute beteuern, wussten die beiden also offenbar genau, an wen ihre Berichte weitergereicht wurden. Über den Einsatz von Special Forces und Raketen entschied ausschließlich Centcom, das amerikanische Hauptquartier.

An Tag neun des Krieges meldeten die beiden: "Offiziersclub der Luftwaffe schwer getroffen, allerdings richten sich in den Trümmern Soldaten zur Verteidigung ein." Die Meldung ging am selben Tag noch nach Katar. Kurz darauf visierten die Amerikaner das Ziel erneut an, jedenfalls berichtete das "Sondereinsatzteam" (SET) am 1. April, der Offiziersclub der Luftwaffe sei "erneut getroffen und dem Erdboden gleichgemacht" worden. Auch dieser Schadensbericht ging am selben Tag um 11.28 Uhr weiter an Centcom.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der während des BND-Einsatzes Kanzleramtschef war, beteuert seit Januar 2006, als die umstrittene Operation erstmals in Umrissen bekannt wurde, die politische Vorgabe an den BND sei keine "aktive Unterstützung von Kampfhandlungen" gewesen. Und "wenn verhindert werden konnte, dass eine Botschaft oder ein Krankenhaus getroffen wird, dann hat das nichts mit Doppelmoral zu tun. Dann geht es um das Retten unschuldiger Menschenleben."

Außenamtssprecher Jens Plötner sagte am Samstag in Berlin, es gelte nach wie vor, was Steinmeier "von Beginn an" zu dem Thema gesagt habe: "Deutschland war aus gutem Grund gegen den Irak-Krieg und hat sich deswegen nicht an Kampfhandlungen beteiligt." Diese "klaren politischen Vorgaben" hätten alle Zeugen im Untersuchungsausschuss des Bundestags bestätigt, sagte Plötner. Der Minister werde bei seiner Anhörung in dem Ausschuss klarstellen, dass die damalige rot-grüne Bundesregierung eine "kluge und verantwortungsvolle Politik" betrieben habe.

Am kommenden Donnerstag ist Steinmeier als Zeuge vor den BND-Untersuchungsausschuss geladen, der aufklären soll, wie relevant die Informationen der Bagdader BND-Zelle für die Kriegsführung der Amerikaner waren.

ler/ddp

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