Irak-Krieg: US-General Franks lobt BND-Hilfe als "unbezahlbar"

Von John Goetz, und Holger Stark

Neue Aussagen aus den USA bringen Frank-Walter Steinmeier in Bedrängnis: Ex-General Tommy Franks, 2003 Oberbefehlshaber der Invasion im Irak, bestätigte dem SPIEGEL, dass deutsche Spione wichtige Informationen für die Kriegführung lieferten. Am Donnerstag muss sich der SPD-Kanzlerkandidat dem BND-Untersuchungsausschuss stellen.

Er ist einer der bekanntesten amerikanischen Militärs der Gegenwart. Er trägt die Haare kurzgeschoren, sein Gesicht ist zerknittert: General Tommy Franks war Georg W. Bushs Mann für den Irak, er war der Oberbefehlshaber der Operation "Iraqi Freedom", jenes Waffenganges, der das Ende von Saddam Hussein bedeutete.

Männer wie der Zwei-Sterne-General James Marks, der Chef der Aufklärung der Landstreitkräfte, trugen Franks in jenen Tagen im März und April 2003 alle wichtigen Meldungen von der Front vor, mehrmals täglich gab es Videokonferenzen. Wie ein Puzzlebild setzten Franks und seine Männer im Central Command (Centcom) alle Details über die Lage im Irak zusammen. Manche Aspekte stammten aus der Luftaufklärung, manche von irakischen Spitzeln im Sold der CIA, wieder andere von der Funkaufklärung, die die irakische Kommunikation abhörte - und einige dieser Puzzlestücke kamen aus Deutschland, vom BND, der mit zwei eigenen Agenten während des Krieges in Bagdad blieb.

Dass die Agenten militärisch nutzbare Informationen geliefert haben, ist mittlerweile unstrittig. Rund 130 Meldungen samt Geo-Koordinaten und zahlreichen Fotos transferierten sie gen Pullach. Von dort ging ein Großteil der Meldungen weiter nach Katar, wo sich Tommy Franks Centcom-Hauptquartier befand und die Meldungen zu Puzzlestücken im Lagebild wurden.

Die Frage ist, wie wichtig diese Puzzlestücke waren.

Glaubt man Tommy Franks, dann waren sie für die Führung des Krieges von erheblichem Gewicht. "Es wäre ein großer Fehler, den Wert der Informationen zu unterschätzen, die die Deutschen geliefert haben", erklärte Franks am Montagabend dem SPIEGEL. "Diese Jungs waren unbezahlbar."

Die CIA hatte zwar mit viel Geld ein paar Dutzend Iraker als Informanten rekrutiert, intern "Rockstars" genannt. Aber Franks und seine Militärs trauten den Einheimischen nicht, und eigene Agenten konnten die Amerikaner nicht nach Bagdad einschleusen. Umso wichtiger waren die beiden BND-Soldaten für die Männer um den Oberbefehlshaber von Centcom.

Franks stützt damit die Aussagen des Zwei-Sterne-Generals James Marks, von Oberst Carol Stewart und rund 20 weiteren US-Militärs, mit denen der SPIEGEL in den vergangenen Wochen über das Material des BND gesprochen hat. Der Tenor ist einhellig: "Wer behauptet, dass diese Meldungen für Kampfhandlungen keine Rolle spielten, lebt auf einem anderen Planeten", sagt Stewart, die während des Irak-Krieges in Franks Aufklärungsstab saß und auch Material aus Pullach auf dem Tisch hatte (SPIEGEL 51/2008). James Marks behauptet sogar, unter anderem wegen der Informationen aus Deutschland sei der Kriegsbeginn vorgezogen worden, die BND-Männer hätten mit ihren Details die Leben amerikanischer Soldaten gerettet.

Und es ist nicht nur Franks, der sich wie seine Kollegen gut an die Zuarbeit aus Deutschland erinnert. "Es wäre Geschichtsfälschung, wenn man abstreiten wollte, dass der BND uns bei militärischen Kampfoperationen während des Krieges half", sagt Marc Garlasco, der bis April 2003 im Pentagon die Einheit für hochwertige Bombenziele im Irak leitete. "Die deutschen Quellenmeldungen waren sehr viel belastbarer und präsenter als der ganze Kram, den wir von den CIA-'Rockstars' bekamen. Die Deutschen waren vertrauenswürdige, professionelle Militärs."

Ihre Informationen, aber auch die von ihnen gemachten Fotos hätten "geholfen, die Anforderungen für unsere Auswahl militärischer Ziele zu erfüllen". Wie Marks kann sich auch Garlasco an diverse Meldungen der Deutschen erinnern, die direkt seine Entscheidungen für die Kriegführung beeinflusst hätten.

BND-Infos flossen ins militärische Lagebild ein

Die politische Brisanz erfahren die Aussagen aus Amerika nicht nur durch den weitgehenden Widerspruch zur regierungsoffiziellen Version, dass es sich bei der Bagdad-Mission im Wesentlichen um einen "humanitären Einsatz" gehandelt habe. Natürlich haben die Späher des BND nicht den Krieg gewonnen, sie haben nicht die US-Armee dirigiert oder Raketen gelenkt. Aber ihre Informationen flossen direkt ein in das militärische und geheimdienstliche Lagebild der US-Truppen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zu diesem Schluss kamen weite Teile des Ausschuss schon vor den Aussagen aus Amerika. "Die beiden Agenten haben erstens eine Fülle von Informationen geliefert, deutlich mehr, als die bisherigen Aussagen der Bundesregierung dazu vermuten ließen", urteilte die "Süddeutsche Zeitung" bereits Anfang September. "Zweitens dienten diese Informationen sehr wohl der Kriegführung der verbündeten Westmächte. Und drittens waren die Erkenntnisse der Agenten für die Operationen der Amerikaner von hohem Wert." Das alte Europa "mischt mit in diesem Krieg", schrieb der "Stern".

"Schon die Beweisaufnahme hat gezeigt, dass Deutschland durchaus eine aktive Rolle im Irak-Krieg spielte", sagt FDP-Obmann Max Stadler. Der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele nennt Frank-Walter Steinmeiers frühere Äußerungen, es habe sich um einem Einsatz mit humanitärem Hintergrund gehandelt, "absoluten Unsinn".

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