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Merkel über den "Islamischen Staat": "IS ist eine Bedrohung für Deutschland"

Der Bundestag stimmt über Rüstungslieferungen an die Kurden ab - mit den Waffen soll der Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützt werden. Kanzlerin Merkel sagt: "Wir haben die Chance, weitere Massenmorde zu verhindern."

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die geplanten Waffenlieferungen an die Kurden im Irak mit der Bedrohung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) gerechtfertigt. "Wir haben jetzt die Chance, das Leben von Menschen zu retten und weitere Massenmorde zu verhindern", sagte sie in ihrer Regierungserklärung. "Diese Chance müssen wir nutzen."

Kein Konflikt der Welt lasse sich allein militärisch lösen, so die Kanzlerin. Doch es gebe "Situationen, in denen nur noch militärische Mittel helfen, um wieder diplomatische Optionen zu haben". So haben Regierung und Abgeordnete etwa um Einsätze im Kosovo, in Afghanistan oder auf dem Balkan gerungen. Merkel bedankte sich bei den Soldaten der Bundeswehr für Ihren Dienst, "der mit hohen persönlichen Risiken für Leib und Seele verbunden" sei.

Der IS demonstriere jedoch einen grenzüberschreitenden Machtanspruch. "Die kurdische Autonomiebewegung stößt an die Grenzen, die Flüchtlinge zu versorgen", sagte Merkel. "Es droht eine humanitäre Katastrophe." Der IS habe in den vergangenen Wochen "unfassbare Gräueltaten" begangen, sagte Merkel vor dem Bundestag. "Alles, was nicht ihrem Weltbild entspricht, räumen sie grausam aus dem Weg."

"Das Leid vieler Menschen schreit zum Himmel"

Christliche Minderheiten und die Existenz der Jesiden seien in Gefahr, Tausende Menschen seien auf der Flucht, sagte Merkel. Die Kanzlerin rief die Situation einer eingekesselten Menge in Erinnerung, von verdurstenden Kindern und Frauen, und lobte den Einsatz der USA: "Nur so konnte einem Großteil der Jesiden die Flucht aus den Bergen gelingen."

Nun stehe der Irak vor einer Zerreißprobe, die Krise wirke sich auf den Libanon, Jordanien und die Türkei aus. So wachse "auch für uns die Gefahr", deutsche Sicherheitsinteressen seien betroffen. Deswegen sei die Bundesregierung bereit, den Streitkräften im Irak Waffen und Munition im Kampf gegen die IS in begrenztem Umfang bereitzustellen.

"Die Entscheidung ist weitreichend", sagte Merkel. Deswegen könne Deutschland nicht nur darauf hoffen, dass andere die Situation ändern. "Das Leid vieler Menschen schreit zum Himmel. Das, was ist, wiegt in diesem Fall schwerer, als das, was sein könnte." Eine Anspielung darauf, dass die Waffen in die Hände der Falschen geraten könnten.

Abstimmung über Entschließungsantrag

Auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte: "Angesichts dieser dramatischen Situation müssen wir helfen." Er betonte, die Entscheidung der Bundesregierung sei nicht im nationalen Alleingang getroffen und "kein Präjudiz für weitere Fälle, kein Tabubruch". Vielmehr sei die Entscheidung pro Waffenlieferungen "eine wohlbegründete Abwägung in einem Ausnahmefall". Insgesamt könne die Lage im Irak nur verbessert werden, wenn die politische und religiöse Zersplitterung aufgehoben werde.

Kritik an der Regierung kommt aus der Opposition: Linken-Fraktionschef Gregor Gysi verurteilte das mangelnde Mitspracherecht des Bundestags bei dem Thema. Dies gelte umso mehr, als die deutschen Waffen an Kampfverbände gingen, die nicht der irakischen Regierung unterstünden.

"Woher kommt eigentlich das Geld für den "Islamischen Staat"?", fragte Gysi. "Frau Bundeskanzlerin, warum verhindern Sie denn nicht, dass dieses Erdöl gekauft wird?" Sein Vorschlag: Die Konten der Familien aus Saudi-Arabien und Katar, die das Erdöl aus dem Irak von IS-Mitgliedern kaufen würden, sollten gesperrt werden.

Die Unionsfraktion im Bundestag hatte sich zuvor einmütig für Waffenlieferungen an die Kurden ausgesprochen. In einer Sondersitzung am Montag in Berlin habe es von den CDU- und CSU-Abgeordneten keinerlei Widerspruch gegen den Entschließungsantrag von Union und SPD zur Unterstützung der Regierung gegeben, berichteten Teilnehmer.

Am Sonntag hatte sich eine Ministerrunde unter Leitung von Kanzlerin Merkel in Berlin auf die Lieferung von Panzerabwehrraketen und Panzerfäusten aus Deutschland geeinigt. Am Montagnachmittag wird über den Entschließungsantrag von Union und SPD in einer Sondersitzung des Bundestags abgestimmt.

Gebiete unter unterschiedlicher Kontrolle in Syrien und dem Irak (Stand: 14. August) Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Gebiete unter unterschiedlicher Kontrolle in Syrien und dem Irak (Stand: 14. August)

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insgesamt 44 Beiträge
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1. definitiv
static 01.09.2014
IS ist die größte Bedrohung unserer Zeit. Wünsche mir dass das Feindbild Russland endlich abgelegt wird und ganz Europa diesen Terroristen den Kampf ansagt.
2. Kurdenstaat das kleinere Übel
MütterchenMüh 01.09.2014
Ein Kurdenstaat wäre grundsätzlich das kleinere Übel. Über kurz oder lang wird sich der Westen respektive das "Abendland" zusammenschließen müssen, einschlielich Kurden, Russen usw., um dem islamistischen Terror zu bekämpfen. Und ob dieser Kampf überhaupt je in absehbarer Zeit zu gewinnen ist, wage ich mal zu bezweifeln. Siehe Irak, Afghanistan, Syrien vorderes Afrika usw.
3.
freespeech1 01.09.2014
Die Überschrift passt mal wieder gar nicht zum Inhalt. Warum ist die IS eine Bedrohung für Deutschland? Das bleibt ungesagt.
4. Chaospolitik
capote 01.09.2014
Zitat: Kanzlerin Merkel sagt: "Wir haben die Chance, weitere Massenmorde zu verhindern." Hat Sie nicht, wenn Sie der Chaospolitik der USA nicht in den Arm fällt, die sich ausdrücklich darüber beschweren, wenn Ägypten und Quatar die Islamisten in Libyen angreifen, da ist die nächste ISIS-Front am Entstehen und die USA fördern das!
5. Frau Merkel hat sehr recht, nur wo bleibt die UN??
micromiller 01.09.2014
und wo bleiben die Verursacher dieses schrecklichen Problems .. die fast 30 Aufrechten und Willigen Staaten die unter Fuehrung des Vorgaengers von Herrn Obama den Irka in Schutt und Asche gebommt haben. Insbesondere die Kostgaenger der EU .. Polen, Litauen, Estland, Ungarn,Lettland und natuerlich der geplante Neuzugang Ukraine.. sie alle sind an der Verfnichtung von mehr als 100tausend unschuldigen Irakern schuldig.. und haben den Chaos der heute herrscht zu verantworten.
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Hilfe für Kurden: Bundeswehr liefert Ausrüstung in den Irak

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak
Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

Fläche: 434.128 km²

Bevölkerung: 34,776 Mio.

Hauptstadt: Bagdad

Staatsoberhaupt: Fuad Masum

Regierungschef: Haidar al-Abadi

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