S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Meister des guten Gewissens

Seit eine globale Hungerkatastrophe droht, auch weil wir immer mehr Nahrungsmittel nicht mehr essen, sondern durch den Auspuff jagen, sind alle gegen Biosprit - vorneweg die Grünen. Dabei sind es Spitzenleute der Ökopartei, die für dieses Debakel mitverantwortlich sind.

Eine Kolumne von


Wo sind eigentlich die Mahnwachen vor der Parteizentrale der Grünen? Wo bleiben die Demonstranten, die nach der Ablösung von Jürgen Trittin und Renate Künast rufen und dazu Plakate mit dem Slogan "E 10 tötet" hochhalten? Okay, das hört sich jetzt vielleicht etwas drastisch an, aber ernste Zeiten erfordern nun einmal drastische Maßnahmen. Erinnert sich noch jemand, was nach Fukushima vor dem Kanzleramt los war?

Die Lage ist ernst, jedenfalls für all die Leute, deren größte Sorge nicht die Frage ist, wo der nächste Bioschlachter aufmacht, sondern wie sie bis zum Abend an einen Teller Reis kommen. Also etwa eine Milliarde Menschen. Innerhalb weniger Wochen sind die Getreidepreise um fast die Hälfte gestiegen, und daran ist, neben der Dürre in den Kornkammern Amerikas, zu einem nicht ganz unwesentlichen Teil der Boom der Bioenergie schuld, der es für viele Bauern sehr viel attraktiver macht, ihre Ernte in die Ethanolanlage zu fahren als auf den Großmarkt.

Ausgerechnet den braven Deutschen fällt dabei eine Vorreiterrolle zu. Kaum ein Land ist bei der Umstellung der Nahrungsmittelproduktion auf Energiegewinnung in kurzer Zeit so weit gekommen wie die Bundesrepublik. Ein Drittel der hiesigen Maisernte landet heute schon im Biogastank statt auf dem Teller. In wenigen Jahren wird fast ein Viertel der 16,7 Millionen Hektar deutschen Ackerbodens für den Anbau von Energiepflanzen reserviert sein, wenn man den Fachleuten glauben darf.

Mit deutschem Biogas für den Weltfrieden

Wer nach den Verantwortlichen für diese Revolution der Agrotechnik fragt, bei der man vieles von dem, was man essen kann, nicht mehr verspeist, sondern lieber verbrennt, landet unweigerlich bei den Grünen, auch wenn diese davon heute nichts mehr wissen wollen. Keiner Bewegung verdankt die Biogasindustrie so viel wie dem parlamentarisch organisierten Umweltbewusstsein. Es ist nicht lange her, dass Jürgen Trittin den Biosprit als "Kraftstoff für unsere Zukunftsfähigkeit" pries, da war er noch Bundesumweltminister und Herr über etliche Fördermillionen. "Der Acker wird zum Bohrloch des 21. Jahrhunderts, der Landwirt wird zum Energiewirt", verkündete er im November 2005 auf dem Internationalen Fachkongress für Biokraftstoffe, unter dem Beifall der anwesenden Lobbyvertreter und sonstigen Nutznießer.

Wenn es um den Fortschritt geht, mag niemand bei den Grünen abseits stehen. "Wir wollen Landwirten den Weg für den Einsatz von Biokraftstoffen ebnen und deren Markteinführung beschleunigen", erklärte die damalige Landwirtschaftsministerin Renate Künast im selben Jahr. Die NRW-Windturbine Bärbel Höhn ging sogar soweit, die Förderung von Bioenergie zu einer Frage der nationalen Sicherheit zu machen: Weil Öl ein Rohstoff sei, um den immer wieder Kriege geführt würden, sei die Förderung alternativer Energien auch unter dem Gesichtspunkt globaler Sicherheitsfragen "für unsere Gesellschaft von großer Bedeutung". Mit deutschem Biogas für den Weltfrieden: Auch so lässt sich aus der Geschichte lernen.

So viel Enthusiasmus war selten, so viel Subvention ebenfalls. 2003 wurde reiner Biodiesel und reines Bioethanol von der Steuer befreit, ein Jahr später folgte die Steuerbegünstigung für die Mischung mit fossilen Brennstoffen. Dazu kamen der Technologiebonus, der Güllebonus, der Landschaftspflegebonus, was Strom aus Biomasse zum Teil noch teurer als Solarstrom macht.

Man muss im Rückblick sagen: Selten hat eine Reform so durchschlagenden Erfolg gehabt wie die Energiewende vom Acker. Gut, nicht alle habe gleichermaßen profitiert. Seit sich die Kraftstoffpflanzen auf deutschem Mutterboden wie Weißklee verbreiten, gehen die Bienen ein, auch weil sie unter der Monokultur leiden, und die Schafe finden keine Weide mehr, auf der sie grasen könnten. Dafür erstreckt sich nun im Frühjahr überall leuchtendes Gelb und im Herbst die Maiswüste.

Jetzt ist die Bestürzung groß, am Tod afrikanischer Kinder will niemand schuld sein. Schon steht ein vorläufiger Verkaufsstopp des Biobenzins E 10 im Raum, so hat es jedenfalls Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel gefordert. Wer nun allerdings eine Entschuldigung der Verantwortlichen erwartet oder wenigstens ein Eingeständnis, dass man sich in seinem Bio-Optimismus übernommen habe, der kennt die Grünen schlecht. Gegen das immergrüne gute Gewissen kommt auch die härteste Wirklichkeit nicht an.

Die Grünen wollen jetzt den Strom aus Wildkräutern stärker fördern

"Wir waren immer gegen E10", ließ sich Frau Künast gerade im ARD-Morgenmagazin vernehmen. Das nennt man dann wohl Chuzpe, oder, um dieses schöne jiddische Wort nicht zu sehr zu missbrauchen, steindeutsche Dummdreistigkeit. Wenn es ein Ritterkreuz für notorische Selbstgerechtigkeit gäbe, die amtierende Fraktionschefin der Grünen hätte beste Aussicht, dieses verliehen zu bekommen.

Bei einer anderen Partei würde man der Spitze nach einem vergleichbaren Debakel den kollektiven Rücktritt empfehlen. Das wäre ein Zeichen für einen moralischen Neuanfang, wie ihn gerade die Grünen gerne fordern. Stattdessen bewerben sich dieselben Leute, die nach jetziger Lage einen der folgenschwersten Ökoirrtümer der jüngeren Geschichte zu verantworten haben, dafür, ihre Partei in den Wahlkampf und, wenn alles gut geht, wieder an die Regierung zu führen.

Als Renate Künast im besagten ARD-Interview am vergangenen Freitag gefragt wurde, wie es denn um ihre Ambitionen auf eine Spitzenkandidatur stehe, erwiderte sie, jetzt gehe es erst einmal um inhaltliche Dinge, "zum Beispiel beim Welthunger". Am Nachmittag hatte sie es sich offenbar anders überlegt: Da erklärte sie ihre Kandidatur für den Führungsposten, trotz des Elends in Afrika. Das überlässt man, bis zur Klärung der Kandidatenfrage, vorerst Dirk Niebel.

Eine gute Nachricht, immerhin, zum Schluss: Bärbel Höhn will jetzt den Strom aus Wildkräutern stärker fördern. "Blumenwiesen statt Mais", lautet die neue Devise. Hoffen wir, dass dies nicht gleich wieder in ein staatliches Reformprogramm mündet. Sonst steht in naher Zukunft das Pflücken von Löwenzahn unter Strafe - wegen Verstoß gegen die Energiesicherheit der Bundesrepublik Deutschland.

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insgesamt 140 Beiträge
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Seite 1
järv 23.08.2012
1.
Zitat von sysopSeit eine globale Hungerkatastrophe droht, auch weil wir immer mehr Nahrungsmittel nicht mehr essen, sondern durch den Auspuff jagen, sind alle gegen Biosprit - vorneweg die Grünen. Dabei sind es Spitzenleute der Ökopartei, die dieses Debakel mitverantwortlich sind. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,851607,00.html
Ach, die Bärbel Höhn ... Ihr haben wir doch auch noch für die mechanisch-biologische Abfallbehandlung zu danken. Weil das Verfahren (vorhersagbar) ein völliger Flop war, wurden die Deponiegrenzwerte so verändert, das genau die Organik, welche man mit Müh und Not endlich nicht mehr auf den Deponien hatte, prompt wieder da gelandet ist. Sachverstand durch festen Glauben ersetzen kann nicht nur die katholische Kirche!
brehn 23.08.2012
2. achso
In afrika sterben kinder weil wir die weltmarktpreise nicht auf dem niedrigen niveau halten? ..... vorher waren es die bauern und ihre familien, welche an den niedrigen preisen kaputt gegangen sind...
sprechweise 23.08.2012
3. optional
Danke, blind grüne Ideologie tötet. Die Grünen haben eine krankhaft falsche Wahrnehmung geschaffen. Fukushima hat 0 Atomtote, ca 16000 Tsunami-Tote. Und womit wird Fukushima verbunden? Und "Umweltschutz" mit E10 wird 100000 und mehr Tote nach sich ziehen. Das ist echt krank
mps58 23.08.2012
4. Simplifizierte Welten
Die Fähigkeit komplexe Sachverhalte so lange zu simplifizieren, bis sie zur Ideologie passen, war schon immer eine Kernkompetenz der Soziologie-Spezialisten an der Spitze der Grünen. Eine überall in Asien leicht kopierbare Solarzellen-Technologie als Deutschlands Zukunft auszurufen, war nur eine der Glanzleistungen dieser Ideologen. Herr Fleischhauer hat recht, warum regt sich niemand über den Blödsinn auf, den diese technisch und wissenschaftlich total inkompetente Grüne Führungsclique tagtäglich absondert?
Booker_T 23.08.2012
5. E10 tötet garantiert mehr Menschen als Fukushima, denn wegen der Radioaktivität ist dort schlicht NIEMAND gestorben
... aber das will in Deutschland ja niemand hören. Begründung der E10-Verfechter: Die Menschen in Afrika würde ja sowieso verhungern, ganz unabhängig von unserem Mais. Umgekehrt zieht man gegen Kernkraft alle Register der Statistik. Das e3ntscheidende Argument sind angebliche Krebskranke und Krebstote, gern 10.00 oder 100.000. Die kommen aber allein dadurch zustande, dass man eine FALSCHE Hypothese anwendet, nämlich die, dass auch sehr kleine zusätzliche Dosen von Radioaktivität die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken, erhöhen. Das ist schlichter UNFUG, mit dem der BUND und Greenpeace und andere die Menschheit in Angst und Schrecken versetzen. Es sind in Japan Menschen deshalb gestorben, weil sie Panik vor der „Verstrahlung“ hatten. Das war ein realer Erfolg GRÜNER Ideologie. Stoppt endlich den grünen Irrsinn, stoppt den Sieg der Ängste und der Irrationalität über nüchterne Wahrheiten. Der Kampf gegen E10 könnte ein Anfang sein.
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