Beratungsstelle für Eltern Wie hole ich mein Kind aus dem Dschihad?

Ein deutscher Junge ruft aus Syrien seine Oma an, ein Mädchen begeistert sich für Salafisten: Was können Eltern dann tun?

IS-Kämpfer im Irak: Unter den Dschihadisten sind auch Jugendliche aus Deutschland
AFP/ al-Furqan Media

IS-Kämpfer im Irak: Unter den Dschihadisten sind auch Jugendliche aus Deutschland

Von Moritz Mihm und


Berlin - Manchmal fehlen plötzlich die Poster an den Wänden im Kinderzimmer. Oder der Sohn will nicht mehr mit auf Familienfeiern, weil dort Alkohol getrunken wird. Es gibt Streit ums Essen. Ganz andere Freunde hat die Tochter auf einmal. Das können erste Anzeichen für Eltern sein, dass sich ihr Kind einer radikalen muslimischen Strömung angeschlossen hat.

So beschreibt es Claudia Dantschke, die in Berlin-Friedrichshain in einer Erdgeschosswohnung in einem Zimmer zum Hinterhof sitzt. Hier, in diesem kleinen Raum mit den vielen Büchern, betreibt die Islamexpertin gemeinsam mit ihren Kollegen Ahmad Mansour und Daniel Köhler die Deradikalisierungs-Hotline Hayat. Sie bekommen tiefen Einblick in die Gedankenwelt und das Umfeld der salafistischen und dschihadistischen Szene in Deutschland. Die drei werden immer wieder Zeugen davon, wie Familien zerbrechen, weil ein Kind dorthin abrutscht - oder genau andersherum: wie ein Kind dorthin gerät, weil die Familie schon kaputt ist. Hayat ist eine von vier Anlaufstellen, die mit Mitteln des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) betrieben werden.

Seit die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) im Irak und in Syrien mordet, klingelt das Telefon häufiger als früher. Vor einem Jahr betreuten die drei 40 Fälle. Inzwischen sind es über hundert, in denen sich Eltern gemeldet haben.

Dantschke und ihre Kollegen versuchen sich ein möglichst komplexes Bild zu machen: Wie war das Leben des Kindes bis jetzt? Was könnte ihm gefehlt haben? Wieso ist es ansprechbar für Radikale? Dantschke sagt, es sei sehr wichtig, die Eltern spüren zu lassen, dass man ihnen keine Schuld gebe - sie würden sich ohnehin schuldig fühlen.

Das mächtigste Mittel ist das Wort

Die Leute von Hayat wollen möglichst genau den Grad der Radikalisierung herausfinden. In welche Moschee geht der Jugendliche? Welchen Prediger findet er gut? Gehört das Kind schon fest zu einer Szene? Aus diesen Informationen filtern sie heraus, ob womöglich sogar eine Ausreise nach Syrien bevorsteht. Von den aktuellen Fällen seien 20 sicherheitsrelevant, sagt Dantschke, und die Behörden involviert.

Dantschke erzählt von einem Mädchen, das in einer der radikalsten Moscheen überhaupt verkehrt, eine Ausreise nach Syrien ist nicht unwahrscheinlich. Es möchte Erzieherin werden, weil die Kinder nicht die Kultur der ihrer Ansicht nach Ungläubigen lernen sollten. Der Vater wollte ihr ausreden, sich einen Ausbildungsplatz zu suchen. Dantschke riet den Eltern, das Mädchen machen zu lassen. "Das alles bringt uns wertvolle Zeit."

Das mächtigste Mittel der Mitarbeiter von Hayat ist das Wort. Sie wollen die Eltern wieder mit ihren Kindern ins Gespräch bringen. Die Nachricht müsse sein: "Ich will deine Sicht hören, auch wenn ich sie nicht verstehe!" Wenn ein Gespräch zu eskalieren drohe, dann sollten die Eltern es lieber beenden.

"Es fallen immer wieder die genau gleichen vorgestanzten Antworten", sagt Dantschke. Aber irgendwann gingen den Jugendlichen die Antworten aus. "Dann kommt oft die Wut." Und dann heiße es warten, auf den einen Moment der Verunsicherung: wenn der ideologische Panzer einen Riss bekommt, wenn eine einzelne Sache hinterfragt wird.

"Das ist dann die Chance", sagt Hayat-Mitarbeiter Köhler. "Diese Situation muss man erkennen und darauf reagieren. Das ist im Grunde genommen die Kunst."

Ein Anruf bei Großmutter

Die Islamexpertin berichtet von einem Jungen, der bereits nach Syrien ausgereist war. Von dort aus rief er seine Großmutter an, um ihr zu sagen, er melde sich nun drei Wochen lang nicht. "Die Eltern dachten, übermorgen würde er sich in die Luft sprengen", sagt Dantschke. "Aber erfahrungsgemäß melden die sich wieder." Und dann müssten die Eltern richtig reagieren, ihr Kind emotional erreichen. "Sie müssen ihm sagen, dass sie es noch einmal sehen wollen, dass sie es lieben."

Die Gründe, warum ein Teenager in die Islamistenszene rutscht, sind unterschiedlich. Fast immer gibt es jedoch persönliche Probleme: in der Familie, im Umfeld, in der Schule. Fast immer fasziniere die Jugendlichen die klare Einteilung in gut und böse, das Versprechen auf Zuwendung und Solidarität. Die salafistischen Prediger versuchen seit Langem Jugendliche mit ihrer Sprache zu erreichen, im Internet, mit Videos auf Deutsch. "Antworten auf Fragen wie: 'Ist Red Bull mit dem Islam vereinbar', finden Sie fast nur auf salafistischen Seiten", sagt der Berliner Islamwissenschaftler Götz Nordbruch vom Berliner Verein Ufuq.

Immer häufiger geraten auch Mädchen in die Szene. So absurd das klingt: Manchmal sei es ein emanzipatorischer Akt, sagt Nordbruch. "Sie haben oft kein positives Männer-Vorbild". Aus ihrem sozialen Umfeld seien ihnen oft nur Männer mit Goldkettchen und dicken Autos bekannt, die sich nicht um ihre Familien kümmern und alles verbieten. "Dann kommt ein Prediger wie Pierre Vogel und sagt: 'Natürlich darfst du mit deinen Schwestern raus, wenn du den Koran liest'", so Nordbruch.

Insgesamt elf Mal hatte Hayat bisher Erfolg und die Jugendlichen stiegen aus der Szene aus. In drei Fällen war es schon zu spät, als die Eltern sich bei Dantschke und ihren Mitarbeitern meldeten. Die Kinder waren zu dem Zeitpunkt schon tot. Gestorben im Krieg.

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