Hinrichtungsvideos im Internet "Grausamkeit wird als Konsumgut normal"

Die Terrormiliz IS streut Bilder von Hinrichtungen, abgeschlagenen Köpfen und massakrierten Kindern in den sozialen Medien. Wer solche Szenen betrachtet, stumpft ab, erklärt Kinderpsychiater Lutz-Ulrich Besser im Interview. Vor allem die Seele von Jugendlichen leide.

Hinrichtung durch IS-Miliz: Erschießungsvideo verbreitete sich in den sozialen Medien
DPA/ WELAYAT SALAHADDEN

Hinrichtung durch IS-Miliz: Erschießungsvideo verbreitete sich in den sozialen Medien


Zur Person
  • zptn
    Lutz-Ulrich Besser, 63, ist Gründer und Leiter des "Zentrum für Psychotraumatologie und Traumatherapie Niedersachsen" (zptn) und Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Der Kinder- und Jugendpsychiater ist spezialisiert in der Traumaforschung. Seit 16 Jahren hält er als Dozent und Trainer Vorträge auf internationalen Fachkongressen. Einer seiner Schwerpunkte ist die Auswirkung von Gewalt in den Medien.
SPIEGEL ONLINE: Herr Besser, halten Sie die Konfrontation mit den Grausamkeiten, die man auf sozialen Medien in Fülle sehen kann, für jugendschädigend?

Besser: Ja. Bilder lösen grundsätzlich Gefühle in unseren Köpfen aus. Bilder, die grausam sind, die Blut, Zerstückelung, Zerstörung zeigen, rufen normalerweise Schutzreaktionen hervor: Wir empfinden Angst, Schmerz, Ekel. Eigentlich wollen wir wegschauen, um uns vor überflutenden Gefühlen, die zu solchen Szenen gehören, zu schützen. Durch die große Häufung solcher Bilder gewöhnt sich der Betrachter aber daran, man stumpft mehr und mehr ab. Die Folge ist, dass Grausamkeit als Konsumgut normal wird.

SPIEGEL ONLINE: Kann das Verhalten Jugendlicher negativ beeinflusst werden?

Besser: Ich befürchte ja. Ich denke da an die Amokläufer in Schulen. Diese waren ja keine Amokläufer im engeren Sinne: Sie haben das Töten in Computerspielen über Monate und Jahre konsumiert und vor allem real trainiert. Und dann haben sie, wie trainierte Scharfschützen, Menschen getötet. Natürlich wird diese Diskussion wissenschaftlich kontrovers geführt. Die Auswirkung von medialem Gewaltkonsum sollte aber nicht heruntergespielt werden. Das permanente Konsumieren von Gewaltdarstellungen oder auch Gewaltspielen führt zu einer Abstumpfung. Es führt dazu, dass sich Muster im Gehirn bilden, die aller Menschlichkeit entbehren.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie?

Besser: Das Gehirn passt sich an das an, was wir mit dem Gehirn machen. Ähnlich wie ein Magen, kann es zur Vergiftung kommen, wenn das Gehirn permanent mit schwerverdaulicher Kost gefüttert wird. Man verliert die natürliche kritische Distanz zu Destruktivität und Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Sind so auch Prügelattacken auf Bahnhöfen zu erklären?

Besser: Ja. Es wird geradezu zu einem Spiel für junge Menschen, die Gefahren suchen: Sie brüsten sich damit, einen anderen fertiggemacht zu haben, nehmen diese rohe Gewalt mit dem Smartphone auf und stellen solche "Happy slapping" Szenen auch noch ins Netz. Durch den ständigen Stress, den solche gewaltvollen Bilder bei uns auslösen, kommt es, neben der Abstumpfung, auch zu einem zunehmenden Verlust der Impulskontrolle. Man verliert die Fähigkeit zur Empathie, also sich in andere Menschen hineinzuversetzen, sich vorzustellen, wie es demjenigen geht, dem man etwas antut. Dieser Verlust von Empathie bildet dann eine eigene Struktur im Gehirn, er prägt sich ein. Dadurch haben wir eine zunehmende Zahl von jungen Leuten, aber auch Erwachsenen, mit dieser Empathielosigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Welche anderen Folgen kann es geben?

Besser: Szenen unmenschlicher Gewalt haben eben leider auch Vorbildcharakter, noch dazu durch heldenhaft dargestellte Kriegsszenarien. Der Nachahmungseffekt ist gerade bei Kindern und Jugendlichen erheblich, die auf der Suche nach Vorbildern sind, mit denen sie sich identifizieren können. Momentan kriegen wir ja ein krasses Beispiel mit: Junge Männer reisen aus, um sich der Terrorgruppe IS im Nordirak anzuschließen - um sich real an den unmenschlichsten Formen von Gewalt und Tötungen zu beteiligen.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man tun, um die Abstumpfung und deren Folgen im Griff zu behalten?

Besser: Ich glaube, wir müssen uns klar machen, dass die Darstellung von Gewaltsituationen wie auch real erlebte Gewalt ursprünglich erst einmal Angst auslösen. Auf Dauer aber macht Gewalt kalt und krank, je nachdem, wie lange und wie intensiv man ihr ausgesetzt ist. Deshalb brauchen besonders Kinder und Jugendliche einen gewaltfreien Lebensraum, ein Naturschutzgebiet für die Seele. Wir brauchen eine klare Haltung, dass wir alle Formen von destruktiver Gewalt nicht als Konsumgut verherrlichen.

Das Interview führte Bianca Maley



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