IS-Rückkehrerinnen Sicherheitsbehörden stufen Dutzende Frauen als Gefährderinnen ein

Frauen aus der Islamisten-Szene rücken zunehmend ins Blickfeld der Ermittler. Unter ihnen sind auch sogenannte Gefährderinnen. Jetzt wird eine Größenordnung bekannt: Es soll sich um mehrere Dutzend handeln.

Frauen bei der Kundgebung eines radikalen Salafistenpredigers in Offenbach (Archiv)
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Frauen bei der Kundgebung eines radikalen Salafistenpredigers in Offenbach (Archiv)


Die Sicherheitsbehörden in Deutschland halten mehrere Dutzend Frauen und Jugendliche für islamistische Gefährder - und trauen ihnen damit potenziell einen Terrorakt zu. Unter den aktuell mehr als 720 islamistischen Gefährdern gebe es einen niedrigen einstelligen Prozentanteil an Frauen und Minderjährigen, berichtet die Deutsche Presse-Agentur unter Berufung auf Sicherheitskreise. Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen hatte zuletzt eindringlich vor einer Gefahr durch islamistische Frauen und Kinder gewarnt - insbesondere durch jene, die aus früheren Kampfgebieten der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zurückkehren.

Anfang Dezember hatte Maaßen gemahnt, es gebe Kinder und Jugendliche, die in "Schulen" im IS-Gebiet eine Gehirnwäsche durchlaufen hätten und in starkem Maße radikalisiert seien. Bei ihrer Rückkehr stellten sie ein Problem dar, weil sie mitunter gefährlich seien. Auch heimkehrende Frauen von IS-Kämpfern seien zum Teil eine Bedrohung. "Frauen, die in den vergangenen Jahren in IS-Gebieten gelebt haben, sind oftmals derart radikalisiert und identifizieren sich so mit der IS-Ideologie, dass man sie mit Fug und Recht auch als Dschihadistinnen bezeichnen kann."

Maaßen hatte bereits bestätigt, dass unter den islamistischen Gefährdern auch Frauen seien. Die genaue Zahl könne er jedoch nicht nennen. Nun ist hier eine Größenordnung bekannt.

Die Zahl islamistischer Gefährder in Deutschland ist mit mehr als 720 so hoch wie nie zuvor. Dies sind Personen, denen die Sicherheitsbehörden grundsätzlich zutrauen, dass sie schwerste Straftaten wie einen Terroranschlag begehen könnten. Überwiegend handelt es sich um Männer. Seit einiger Zeit rücken aber zunehmend auch Frauen und Jugendliche aus der Islamisten-Szene ins Blickfeld von Polizei und Geheimdiensten.

Mehrere Frauen im ehemaligen IS-Gebiet im Gefängnis

So gingen drei islamistische Terrorattacken in Deutschland im vergangenen Jahr auf das Konto von Minderjährigen: die Messerattacke einer 15-Jährigen auf einen Bundespolizisten am Hauptbahnhof Hannover, der Bombenanschlag von zwei Jugendlichen auf ein Gebetshaus der Sikhs in Essen und der Axt-Angriff eines 17-Jährigen in einer Regionalbahn bei Würzburg. Hinzu kam ein Anschlagsversuch auf den Ludwigshafener Weihnachtsmarkt - geplant von einem Zwölfjährigen.

Außerdem sitzen im ehemaligen IS-Gebiet im Irak einige Frauen auch aus Deutschland im Gefängnis, darunter Minderjährige, die sich dem IS angeschlossen hatten und sich nun um eine Rückkehr nach Deutschland bemühen. Unter ihnen ist die inzwischen 17-jährige Linda W. aus dem sächsischen Pulsnitz.

Den Sicherheitsbehörden bereitet das Sorgen. Ein Problem ist dabei auch, dass die Justiz sich schwer tut, IS-Anhängerinnen zu belangen, etwa weil diese beteuern, sie hätten sich bloß um Haushalt und Kinder von IS-Kämpfern gekümmert, aber nichts mit Kampfhandlungen oder terroristischen Akten zu tun gehabt.

Hartes Vorgehen gegen Rückkehrerinnen

Die Bundesanwaltschaft hat nun angekündigt, auch hart gegen zurückkehrende Frauen aus IS-Gebieten vorzugehen, selbst wenn sie nicht für die Terrormiliz gekämpft haben. "Wir sind der Meinung, dass sich auch bei diesen Frauen die Mitgliedschaft in einer ausländischen terroristischen Organisation bejahen lässt", sagte Generalbundesanwalt Peter Frank zuletzt der "Süddeutschen Zeitung" sowie den Sendern NDR und SWR. Demnach soll es laut Bundesanwaltschaft bereits eine terroristische Straftat sein, wenn jemand zum "Staatsvolk" des IS gehört habe.

Die Bürgermeisterin von Pulsnitz, Barbara Lüke, rechnet vorerst nicht mit einer Rückkehr von Linda W. "Eine Rückkehr nach Pulsnitz steht auf absehbare Zeit überhaupt nicht an", sagte sie der "Mitteldeutschen Zeitung". "Das muss zunächst mal der Irak mit seiner Staatshoheit entscheiden. Dann wäre Deutschland an der Reihe."

Lüke machte deutlich, dass Pulsnitz einer möglichen Rückkehr der jungen Frau skeptisch gegenüberstehe. "Hier fragen sich manche, warum Linda W. immer noch Kopftuch trägt, wenn sie sich doch so distanziert hat." Zwar sei ein Kopftuch ein islamisches Glaubenszeichen und habe mit islamistischem Terror nichts zu tun. Insgesamt sei es "für alle Beteiligten wahnsinnig schwer nachzuvollziehen, was in Linda vorgeht".

In den vergangenen Jahren sind mehr als 950 Islamisten aus Deutschland Richtung Syrien und Irak ausgereist, um sich dort dem IS anzuschließen. Etwa 20 Prozent waren weiblich. Einige der Ausgereisten sind in den Kampfgebieten ums Leben gekommen. Ein Drittel ist wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Finanzrat Medienrat Geheimrat Militärrat Hilfsrat für Kämpfer Sicherheitsrat Rechtsrat Schurarat

Für weitere Information zu den neun Räten: Fahren Sie mit dem Mauszeiger über die Boxen in der Grafik.

Führungsrat:

Das Gremium trifft alle wichtigen Entscheidungen im "Islamischen Staat". Alle Beschlüsse des Führungsrats müssen von IS-Chef Baghdadi abgesegnet werden. Zumindest theoretisch können die Mitglieder des Führungsrats den "Kalifen" absetzen.

Schura-Rat:

Besteht aus neun Männern, die in islamischem Recht bewandert sind. Sie beraten den Führungsrat in allen wichtigen militärischen und religiösen Fragen.

Geheimdienstrat:

Sammelt Informationen über innere und äußere Gegner des IS.

Finanzrat:

Ist das Finanzministerium des IS und verfügt über Hunderte Millionen US-Dollar. Der Rat koordiniert den Verkauf von Erdöl und fädelt Waffengeschäfte ein.

Militärrat:

Ist so etwas wie das Verteidigungsministerium des "Islamischen Staats". Der Rat koordiniert den militärischen Vormarsch und die Sicherung des eroberten Territoriums.

Hilfsrat für Kämpfer:

Organisiert die Schleusung ausländischer Kämpfer in den "Islamischen Staat". Der Rat unterstützt die ausländischen Dschihadisten, hilft ihnen unter anderem dabei, Unterkünfte zu finden.

Rechtsrat:

Regelt Familienstreitigkeiten und Verletzungen des islamischen Rechts. Das Gremium entscheidet auch über die Tötung von Geiseln.

Medienrat:

Gibt die offiziellen Mitteilungen des IS heraus. Koordiniert die Propagandakampagnen in den sozialen Netzwerken.

Sicherheitsrat:

Koordiniert die Kontrolle über die eroberten Gebiete, entscheidet über die Errichtung von Checkpoints. Mitglieder des Rats sind auch an der Tötung von Geiseln beteiligt.

ler/dpa



insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
flaviussilva 16.12.2017
1. Eine ganz einfache Frage !
Warum lässt man die wieder nach Deutschland rein ?
lilelile 16.12.2017
2. gibt es denn keine Möglichkeit
diese Leute einfach *draussen* zu lassen. Zum Beispiel: Ohne Pass keine Einreise. Straftäter: Nein Danke. Islamisten: Haben wir bereits genügend. Diese *Rückkehrer* machen doch anschliessend nur unsere Vollzugsanstalten voll und ihnen geht es hier besser als *draussen*.
touri 16.12.2017
3.
Zitat von flaviussilvaWarum lässt man die wieder nach Deutschland rein ?
Einfache Antwort, weil es deutsche Staatsangehörige sind. Die Frage ist, warum wandern die nicht gleich in U-Haft, bis denen der Prozess wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation gemacht wird?
Mondlady 16.12.2017
4. Ich fürchte..
.. dass auch eine künftige Regierung, gleichgültig wie sie aussieht, nichts dazulernen wird! In der typisch deutschen Gefühlsduselei machen wir unsere Grenzen auf und glauben anscheinend immer noch daran, dass in jedem Menschen ein guter Kern steckt. Aber das stimmt - leider - nicht! Ich bin dafür, alle Mittel auszuschöpfen, dass keiner der Deutschen, seien es Männer, Frauen oder Kinder aus den IS-Gebieten zurückkehren dürfen! Es kann nicht sein, dass sich viele Länder weigern, "nur Wirtschaftsflüchtlinge", die bei uns kein Bleiberecht haben, zurückzunehmen, und wir sind so blöd und nehmen potentielle Mörder bei uns auf! Wacht endlich auf!
derschwolf 16.12.2017
5. Konsequentes Handeln
das heißt, wer eine deutsche Staatsangehörigkeit besitzt in U-Haft wer nicht wird ausgewiesen, oder worauf wollen wir noch warten?
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