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Chat-Interview mit Erhan A.: "Allah möge Sie heftig vernichten, wenn Sie lügen"

Von , Istanbul

Erhan A. in einem YouTube-Video: Reise nach Syrien missglückt Zur Großansicht

Erhan A. in einem YouTube-Video: Reise nach Syrien missglückt

Erhan A. wurde aus Deutschland ausgewiesen, weil er in einem Interview offen für die IS-Terrormiliz warb und Gewalt rechtfertigte. Jetzt behauptet er, er habe etwas anderes gemeint. Mit Journalisten mag er nicht mehr reden - auf einen Chat mit SPIEGEL ONLINE hat er sich trotzdem eingelassen.

Auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht Erhan A. Bilder von sich mit einer Wollmütze, auf der das islamische Glaubensbekenntnis steht. "Wer auch so ne Mütze will die gibt es im Inet", schreibt er dazu. Und er veröffentlicht Katzenbilder. Über Fotos eines Kätzchens schreibt er: "eine Katze ist mehr wert als alle Kuffar auf der welt" - mit Kuffar meint er "Ungläubige".

Erhan A., der sich den Namen Abdul Aziz At-Turki gegeben hat, ist 22 Jahre alt. Er wurde in der Türkei geboren, kam mit zwei nach Deutschland, ins Allgäu, wuchs in Kempten auf, machte das Abitur, begann ein Studium der Wirtschaftsinformatik. Vor ein paar Jahren wurde er religiös, las den Koran, betete fünfmal am Tag und besuchte regelmäßig die Moschee. Dann versuchte er, sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) anzuschließen, kam aber nur bis zur türkisch-syrischen Grenze.

In einem Interview, das er dem "SZ-Magazin" gab, beschrieb er seine Faszination für IS, für deren radikale Auslegung des Islam und dass er sogar seine Familie töten würde, "wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt". Letzteres, sagt er nun, sei falsch dargestellt worden. Aus seinem Umfeld heißt es, man habe ihn bewusst falsch zitiert, auch sei ihm das Interview vor der Veröffentlichung nicht vorgelegt worden.

Das "SZ-Magazin" bestreitet diese Darstellung und hat SPIEGEL ONLINE Autorisierungsbelege für das Interview mit Erhan A. einsehen lassen. Daraus ergibt sich, dass Erhan A. das Interview vor der Veröffentlichung vollständig vorgelegt wurde und dass von ihm monierte Einzelaussagen vor Drucklegung nach seinen Vorgaben angepasst wurden. Die Aussage "Ich würde sogar meine Familie töten, wenn sie sich gegen den Islamischen Staat stellt" allerdings hat er nicht beanstandet und also zur Veröffentlichung freigegeben. Man sei selbst verwundert darüber gewesen, wie offen Erhan A. geredet habe, heißt es aus München.

Bayern schob den Extremisten im Oktober in die Türkei ab, angeblich hält er sich nun in seinem Geburtsort nahe der Stadt Kayseri auf. Sein Anwalt, der auf Anfragen von Journalisten nicht reagiert, hat Klage gegen die Abschiebung eingereicht. Eigentlich will sich Erhan A. nicht mehr öffentlich äußern, aber die Sache mit seinen Eltern lässt ihm offenbar doch keine Ruhe. SPIEGEL ONLINE hat bei ihm nachgefragt.

Um mit dem Salafisten ins Gespräch zu kommen, bezog unser Korrespondent sich auf das Gespräch mit dem "SZ-Magazin" und nahm zunächst die Perspektive von Erhan A. ein, dass das veröffentlichte Interview nicht mit ihm abgesprochen gewesen sei. Ziel war es, den Mann zu einem Treffen oder Telefongespräch zu bewegen.

Wir dokumentieren die Original-Recherche via Chat. Im Interesse der Authentizität geben wir sie unredigiert wieder.

Hasnain Kazim (16:26): Lieber Abdul, salam aleikum! Mein Name ist Hasnain Kazim und ich bin Türkei-Korrespondent vom SPIEGEL mit Sitz in Istanbul. Ich würde gerne mit Ihnen telefonieren. Ist das möglich? Herzliche Grüße, WS, Hasnain Kazim

Abdul Aziz At-Turki (19:35): Weshalb und worüber?

Hasnain Kazim (19:38): Über das, was Ihnen widerfahren ist. Das SZ-Interview war, soweit ich das höre, nicht mit Ihnen abgesprochen. Ich möchte gerne von Ihnen hören, wie das war. Außerdem möchte ich einfach mehr über Sie wissen. Es ist ein Bild entstanden, das Ihnen geschadet hat. Vielleicht wollen Sie dazu ja etwas sagen? Würde mich jedenfalls freuen. Viele Grüße, Hasnain Kazim

Abdul Aziz At-Turki (19:39): Das einzige was ich zu sagen hab isr das ich meine Familie niemals töten würde nur weil sie gegen is sind das wurde komplett falsch rüber gebracht
Ich hab das in nem Ganz anderen Kontext gemacht
Gemeint*

Hasnain Kazim (19:40): Ich weiß, genau darüber würde ich gerne mit Ihnen reden. Überlegen Sie sich's und melden Sie sich gern. Vielleicht hilft Ihnen das auch, zurück nach Deutschland zu kommen, wenn Sie das denn wollen.

.

Abdul Aziz At-Turki (19:40): Ich will wenn dann chatte.
Aber nicht telefonieren
Kann ich auch garnicht hab keine Karte drin

Hasnain Kazim (19:41): Ok, das geht auch. Morgen Nachmittag?

Abdul Aziz At-Turki (19:41): Kp wann ich immer on bin
Jetzt wäre besser

Hasnain Kazim (19:41): Ok, dann jetzt. Ich muss nur mal die Tür vom Büro zumachen...

Abdul Aziz At-Turki (19:41): Ok

Hasnain Kazim (19:42): Also, in welchem Kontext haben SIe das denn gesagt mit Ihren Eltern?

Abdul Aziz At-Turki (19:45): Wenn meine Eltern ungläubige WÄREN und aktiv den gesamten islam im allgemeinen bekämpfen und die Muslime im allgemeinen und das alles in einer kriegssituation auf dem Schlachtfeld und nicht so verallgemeinert das ich sie einfach töte wie es in der Zeitung Steht
und nicht weil sie gegen die is sind sondern wenn sie gegen den ganzen islam kämpfen würden

Hasnain Kazim (19:46): Ja, aber das tun sie nicht, oder?
Ihre Eltern sind schon Muslime, nehme ich mal an.

Abdul Aziz At-Turki (19:46): Ja
Das war ja nur wenn es so WÄRE
Also eine imaginäre Vorstellung
Reh. Hypothetisch
Rein*

Hasnain Kazim (19:46): Wie kamen Sie überhaupt auf diese Vorstellung? Hat man Sie das gefragt?

Abdul Aziz At-Turki (19:47): Ich weis es nicht mehr wie das war ist ja jetzt knapp 3 4 Monate her

Hasnain Kazim (19:48): Stimmt es, dass Sie eigentlich wieder nach Deutschland wollen?

Abdul Aziz At-Turki (19:48): Naja kann dazu nichts sagen
Hab keine feste Meinung drüber

Hasnain Kazim (19:49): Und dass Sie jetzt in der Nähe von Kayseri sind, ist das korrekt? Ich war mal in Kayseri, finde das ganz hübsch.
Na ja, ein bisschen langweilig.

Abdul Aziz At-Turki (19:49): Unwichtig wo ich bin
Ich denke sie drucken das was ich hier schreibe
Deswegen antworte ich nicht zu viel

Hasnain Kazim (19:50): Na, es sagt schon etwas aus, in welchem Umfeld Sie sich bewegen, ob unter Muslimen oder nicht, und wenn ja, unter welcher Art von Muslimen.
Wollen Sie nicht, dass das veröffentlicht wird?

Abdul Aziz At-Turki (19:51): Sie werden es ja sowieso umschreiben

Hasnain Kazim (19:51): Sie könnten ja immerhin die Gelegenheit nutzen, Ihre Sicht der Dinge zu sagen.
Und nein, ich würde es nicht umschreiben.

Abdul Aziz At-Turki (19:51): Wenn sie das so übernehmen wie ich sagte das mit den Eltern töten wie der wahre Kontext war das wäre in Ordnung
Mehr brauch ich eig nicht

Hasnain Kazim (19:52): Okay, dann mache ich das so. Aber mich würde interessieren, was Sie unter einem Muslim verstehen.
Finden Sie wirklich richtig, was IS macht?
Ich frage, weil ich selbst Muslim bin, jedenfalls der Herkunft nach. Aber ich finde es enorm falsch, was sie machen. Geradezu verbrecherisch. Können Sie das nachvollziehen, dass ich das so sehe?

Abdul Aziz At-Turki (19:54): Das Wort Muslim ist linguistisch gesehen ein Gottergebener
Also ein Muslim isr einer der an Gott allein glaubt
Ganz einfach
Bzw ihn allein dient

Hasnain Kazim (19:55): Gut, das ist in der Tat ganz einfach. Das kann ich sein oder Sie oder jemand, der für IS kämpft. Es reicht, wenn jemand sich zu Allah bekennt. Aber finden Sie richtig, wie IS ihm dient?

Abdul Aziz At-Turki (19:56): Ich will nicht über is sprechen

Hasnain Kazim (19:56): Warum nicht?
Können Sie mir wenigstens erklären, warum so viele junge Männer - und ein paar Frauen - die so toll finden?
Ist es Abenteuerlust? Oder echter Glaube?

Abdul Aziz At-Turki (19:58): Das weiß ich nicht da müssen sie die betroffenen selber fragen

Hasnain Kazim (19:58): Finden Sie denn, dass man den Koran wörtlich auslegen muss?

Abdul Aziz At-Turki (19:58): Man muss ihn so auslegen wie der prophet ihn auslag

Hasnain Kazim (19:58): Anders gefragt: Halten Sie jemanden, der zum Beispiel Alkohol trinkt, für einen schlechten Muslim?

Abdul Aziz At-Turki (19:59): Ob jemand schlecht oder gut ist entscheidet Allah nicht ich
Aber ich kann zumindest sagen das dieser Muslim eine Sünde begangen hat

Hasnain Kazim (20:00): Ich verstehe, dass Sie sagen, man müsse den Koran auslegen wie der Prophet. Aber dann wiederum ist es so, dass wir 1400 Jahre vorangeschritten sind. Da hat sich vieles geändert. Trotzdem finden Sie, man müsse den Text wie der Prophet auslegen?
Ich meine, wir reisen doch auch nicht mehr auf dem Kamel nach Mekka, zur Hadsch.

Abdul Aziz At-Turki (20:01): Sie müssen Religion und weltliches trenne.
Naja ich geh mal schlafen hier ist es. 9 Uhr
Und hatte zu wenig Schlaf

Hasnain Kazim (20:02): Tamam, gute Nacht. Hier auch, ich bin ja in Istanbul.

Abdul Aziz At-Turki (20:02): Stimmt

Hasnain Kazim (20:02): Würde mich freuen, wenn wir bei Gelegenheit noch einmal sprechen. Oder doch telefonieren.
Iyi aksamlar!

Abdul Aziz At-Turki (20:02): Naja finde ich nicht gut
Ich denke ich werde ärger bekommen wenn ich weiter mit ihnen rede
Weil sie irgendein zeug über mich drücken
Drucken
Deswegen belassen wirn das

Hasnain Kazim (20:03): Nein, denke ich nicht. Wie auch immer, vielleicht überlegen Sie's sich.

Abdul Aziz At-Turki (20:03): Ich weis das ihr so seit
Vorallem spiegel

Hasnain Kazim (20:04): Ja?

Abdul Aziz At-Turki (20:04): Schreiben Sie mir nie wieder und ich bedanke mich falls sie es so drucken wie es stimmt und möge Allah sie heftig vernichten falls sie lügen über mich verbreiten

Hasnain Kazim (20:04): Hatten Sie schon mit uns zu tun?

Abdul Aziz At-Turki (20:05): Nein aber ich sehe doch was Spiegel soc Druckt

Hasnain Kazim (20:05): Na na, warum so aggressiv zum Abschied?
Schlafen Sie gut.

Abdul Aziz At-Turki (20:05): Bin ich nicht
Ich sag ja ich bedanke mich
Wenn die die Wahrheit schreiben
Und möge Allah sie vernichten FALLS sie Lügen

Hasnain Kazim (20:06): "Möge Allah Sie heftig vernichten" finde ich schon ein bisschen aggressiv...

Abdul Aziz At-Turki (20:06): Ja wenn sie Lügen SOLLTEN

Hasnain Kazim (20:06): Ah, das ist also wieder imaginär, wie mit Ihren Eltern.

Abdul Aziz At-Turki (20:07): Sie sagen ja Sie sagen die Wahrheit
Also bedanke ich mich

Hasnain Kazim (20:07): Tue ich immer. Danke auch Ihnen!

Abdul Aziz At-Turki (20:07): Wenn ich den bericht lese und es ist doch wieder krum dann erst das mit vernichten
Verstehen sie

Hasnain Kazim (20:08): Ja, richten Sie's Allah aus, dass er meinen Artikel aufmerksam lesen soll.

Abdul Aziz At-Turki (20:08): Allah sieht alles

Hasnain Kazim (20:08): Gut. Auch ohne SPIEGEL-Abo?

Abdul Aziz At-Turki (20:08): Bitte?

Hasnain Kazim (20:09): Schon gut. Also, nun aber wirklich: Gute Nacht!

Abdul Aziz At-Turki (20:09): Ihnen auch

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Imad Khamis

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