Islam-Debatte Der Minister hat Unrecht

Kaum im Amt, hat der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Debatte zum Thema Islam entfacht. So wie er sie intoniert, richtet er Schaden an.

Ein Kommentar von Yassin Musharbash

Islamische Moschee und christlichen Kirche in Berlin-Kreuzberg: Friedrich verletzt Gefühle
dapd

Islamische Moschee und christlichen Kirche in Berlin-Kreuzberg: Friedrich verletzt Gefühle


Gehört der Islam zu Deutschland? Der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich findet nein und begründet dies damit, dass sich "auch aus der Historie" nirgends belegen lasse, dass dem so sei.

Doch ab wann gehört man "historisch" überhaupt zu "Deutschland"? Die erste Moschee auf deutschem Boden ließ Friedrich Wilhelm I. im Jahr 1732 in Potsdam errichten, für 20 türkische Garnisonssoldaten, die ihm der Herzog von Kurland geschenkt hatte. 1762 gab es in der preußischen Armee ein eigenes islamisches Korps. 1798 entstand in Berlin der erste islamische Friedhof. 1807 kämpften deutsche Muslime für Preußen gegen Napoleon.

Das ist, genau genommen, länger als es Deutschland als Einheitsstaat gibt.

Natürlich haben Muslime die deutsche Gesellschaft, Politik und Geistesgeschichte nicht so stark geprägt wie Juden. Und ebenso ist es richtig, dass die Mehrheit der Muslime, die heute in Deutschland leben, Nachfahren von Gastarbeitern und Flüchtlingen sind, und nicht durch eine Traditionslinie mit den preußischen Muslimen verbunden sind.

Aber um all das geht es den Islamskeptikern nicht. Sie wollen in Wahrheit keine historischen Belege. Ihre Argumentation, beispielhaft die von SPIEGEL-Redakteur und Friedrich-Verteidiger Matthias Matussek, lautet: Der Islam "gehört nicht in unsere historisch-religiöse DNA, denn die ist... immer noch christlich".

Der Islam ist da. Schon lange

Das aber ist kein Argument, das ist eine Falle: Der Islam könnte seit 1400 Jahren in Deutschland präsent sein - da er nicht christlich ist, kann er nie dazugehören.

Tatsache ist: Der Islam verschwindet nicht aus Deutschland, wenn man ihn begrifflich ausschließt; und er rückt nicht näher, wenn man ihn begrifflich umarmt. Er ist da. Schon lange. Und seine Anhänger werden sich weder von ihrem Glauben abwenden noch verschwinden. Das anzunehmen ist realitätsfremd.

Man kann Millionen deutscher Muslime aber nicht qua Religionszugehörigkeit ausschließen, weil einem ihr Glaube nicht behagt. Sie prägen das Miteinander, jeden Tag, sie gehören zu Deutschland.

Bundespräsident Christian Wulff und der frühere Innenminister Wolfgang Schäuble haben in den vergangenen Jahren zögerliche Annährungsversuche gestartet, Friedrichs erste Islam-Aussage im neuen Amt wirkt zwangsläufig wie eine Schubumkehr. Damit verletzt er Gefühle und schürt Ressentiments. Das ist unnötig, das hilft niemandem.

Mag sein, dass man findet, Muslime könnten nicht Angehörige des christlichen Abendlandes sein. Aber für das christliche Abendland ist der Bundesinnenminister nicht zuständig.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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crooklyn 07.03.2011
1. Islam, Christentum und Deutschland - Kirche bitte im Dorf lassen
Historisch, dieser Begriff findet in jüngster Zeit leider selten Anwendung auf Politikeraussagen. Auch mit der Definition tut sich der ein oder andere schwer. Historie beinhaltet aber mit Sicherheit auch das letzte halbe Jahrhundert, in dem Millionen muslimisch geprägter Menschen hier Wurzeln schlugen. Also Herr Friedrich, aufgewacht, der Islam gehört zu Deutschland. Aber da hinten auf der Schulbank hat noch einer geschlafen. Herr Erdogan, Integration geht anders. Vielleicht träumt der türkische Ministerpräsident insgeheim doch von einer Islamisierung Deutschlands, zuletzt war historisch vor Wien ja Schluss. In der Tat ein Bärendienst für unsere tuerkischstaemmigen Mitbürger. Denn ohne sprachliche Integration, also Minimum, des Deutschen mächtig zu sein, wird der Nachfolgegeneration eine qualifizierte Ausbildung weiterhin verwehrt sein. Auch historisches Faktum, siehe klassische Einwanderungsländer. Wem nützt dieser oberflächliche Populismus? Ein aufgeklärter Islam unterscheidet sich kaum vom aufgeklärten Christentum. Allerdings ist hier mehr Initiative von beiden Seiten wünschenswert. Weiterhin gönnen wir uns übrigens einen deutsch-französischen Kulturkanal, ein zusätzlicher deutsch-türkischer ist längst überfällig. Hier gilt es, einzuhaken, Herr Friedrich und Herr Erdogan.
arinari 07.03.2011
2. !!!!!
Zitat von sysopKaum im Amt, hat der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Debatte zum Thema Islam entfacht. So wie er sie intoniert, richtet er Schaden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749531,00.html
Ja der Islam ist da, aber er "gehört" nicht zu uns, weil er uns fremd ist.Und auch Sie können es nicht herbeireden, dass der Islam hier heimischer wird.Gerade gelesen. 82% der Bevölkerung in D meint, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Und ich glsube, das kommt daher, weil , wie schon gesagt, den meisten Deutschen diese Religion und deren Praktiken fremd und furchteinflößend sind ( aus bekannten Gründen)
zweiundzwei 07.03.2011
3. Wie wahr
Danke für diese schöne Klarstellung. Miteinander und nicht Abgrenzung sollten das gesellschaftliche Zusammenleben bestimmen. Und die Exklusion einer Grupper qua religöser Zugehörigkeit kann nicht zu deren Integration betragen.
Baikal 07.03.2011
4. "Sie prägen das Miteinander," ...
Zitat von sysopKaum im Amt, hat der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Debatte zum Thema Islam entfacht. So wie er sie intoniert, richtet er Schaden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749531,00.html
.. hauptsächlich durch immer neue, meist erpresserische Forderungen. "sie gehören zu Deutschland" .. was nur selbst durch viele von ihnen immer wieder betsritten wird, siehe etwa jene, die Erdogan als ihren MiPrä feiern, siehe jene, die nach Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft sich heimlich die türkische zurückholen. Sie sind eingewandert, stimmt, sie sind hier, stimmt auch. Nur: sind sie gebeten worden?
semper fi, 07.03.2011
5. -
Zitat von sysopKaum im Amt, hat der neue Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich eine Debatte zum Thema Islam entfacht. So wie er sie intoniert, richtet er Schaden an. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,749531,00.html
Es ist nun 'mal so, dass Politiker-Äusserungen in der Regel gleichzeitig schaden und nutzen. Angesichts der Heterogenität der (potentiellen) Wähler ist das vollkommen normal und letztendlich auch eine Sache des persönlichen Standpunktes. Von meinem Standpunkt aus gesehen kann ich nur sagen, dass Friedrichs Äusserung nutzt. Zum Artikel: Muslime habe die deutsche nicht nur nicht so stark geprägt, sie haben sie überhaupt nicht geprägt. Und dabei sollte es eigentlich auch bleiben. Der Islam ist überwiegend (je nach Richtung) eine menschenfeindliche Religion. Und deshalb gehört er nicht nach Deutschland.
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