Islam in Europa Als der Obermufti einmal Scharia sagte

Mustafa Ceric, Obermufti von Bosnien-Herzegowina, hat einen theologischen Aufsatz für eine CDU-nahe Publikation verfasst. Weil er darin die Scharia für unverhandelbar erklärt, schlagen Unionspolitiker Alarm. Aber ganz so einfach ist es nicht.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Von "Sprengstoff", der in dem Text enthalten sei, schreibt die "Welt". Einen "Verbalangriff auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung" nennt sueddeutsche.de den Beitrag. Und Kristina Köhler, Extremismusexpertin der CDU im Bundestag, warnt gar vor einem "europäischen Kalifat", das der Verfasser im Sinn habe.

Obermufti Ceric: Als Theologe gesprochen, als Politiker verstanden
Getty Images

Obermufti Ceric: Als Theologe gesprochen, als Politiker verstanden

Der Mann, der diesen Wirbel ausgelöst hat, ist eigentlich über jeden Extremismusverdacht erhaben: Mustafa Ceric ist der hoch angesehene Obermufti der zwei Millionen Muslime von Bosnien-Herzegowina, Theodor-Heuss-Preisträger - und einer der interessanten Vordenker eines europäischen Islam.

Aber eins nach dem anderen: Der Grund für die Aufregung ist ein Aufsatz, den Ceric für das Dezember-Heft der Zeitschrift "European View" verfasste - ein Magazin, das von dem Brüsseler Think Tank "Zentrum für Europäische Studien" (Center for European Studies, CES) herausgegeben wird. Das CES ist konservativ, steht der CDU und der Europäischen Volkspartei EVP nahe, dem Zusammenschluss der Konservativen in der EU. Laut "Welt" soll das CES demnächst sogar in "Helmut-Kohl-Stiftung" umgetauft werden.

Acht Seiten, 23 Fußnoten

Für "European View" hatte Ceric sich Gedanken über das Thema "islamische Autorität" in Europa gemacht. Es ist im Kern ein theologischer Text - acht Seiten mit 23 Fußnoten, komplex in der Sprache und dicht in der Argumentation. Außerdem hantiert Ceric - naturgemäß - mit Begriffen der islamischen Theologie.

Hier freilich beginnt das Problem, denn einer dieser Begriffe ist "Scharia" - und da setzen bei manchen Journalisten und Politikern offenbar bestimmte Reflexe ein. So ist es zwar richtig, dass Ceric, wie es sueddeutsche.de und "Welt" berichten, die Scharia als "ewig, nicht verhandelbar und unendlich" bezeichnet. Was aber nicht richtig ist, ist dass Ceric damit "das islamische Recht" meint, wie es beide Publikationen schreiben.

Scharia, argumentiert Ceric zunächst einmal etymologisch korrekt, bedeute auf Arabisch "Wasserloch" oder "Weg zur Wasserstelle". Im arabisch-religiösen Sprachgebrauch finde das Wort Anwendung als Begriff für "eine prophetische Religion in ihrer Gesamtheit". Das zeige sich an Wendungen wie "Die Scharia des Moses" oder "Die Scharia des Messias". Scharia, so der an der al-Azhar-Universität in Kairo ausgebildete Islamgelehrte, stehe mithin für den Bund zwischen Gott und den Menschen schlechthin - er bedeute nicht zuletzt die Kontinuität zu den Zehn Geboten.

Drei Verse lang zitiert Ceric aus dem Koran, um diese Tradition zu unterlegen und den Begriff Scharia als Synonym für die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf zu definieren. Erst dann formuliert er den vermeintlich so gefährlichen Satz: "Daher ist dieser islamische Bund, diese Scharia, ewig, nicht verhandelbar und unendlich."

Man kann Ceric nicht einmal vorwerfen, missverständlich zu sein, denn er deutet diese Argumentationsfigur noch einmal aus: Die Scharia, erklärt er weiter, sei nicht identisch mit dem "angewandten islamischen Recht", das Fiqh heißt. Die Scharia sei vielmehr eine immer geltende Grundlage. Auf der anderen Seite hätten die Muslime "das Recht und die Pflicht, im Kontext der Zeit und des Raumes und im Kontext ihrer eigenen Erfahrungen", jeweils neu zu definieren, was gut und was falsch ist.

Scharia als Grundlage, nicht angewandtes Recht

Geholfen hat Cerics Ausführlichkeit nicht: "Aufsatz in CDU-naher Zeitschrift fordert Scharia in Europa", titelt die "Welt". "Prediger wirbt für Scharia - mit Hilfe der CDU", lautet die Schlagzeile bei sueddeutsche.de. Der CDU-Politiker Hans-Gert Pöttering, Präsident des EU-Parlaments und nominell Mitherausgeber von "European View", sagte der "Welt", die Redaktion hätte sich in einem Kommentar absetzen sollen.

Dabei hätte man durchaus stutzig werden können - schließlich ist Ceric kein Unbekannter in Deutschland: "Der islamische Reformator" nannte ihn die "Zeit", "Gesicht des europäischen Islam" die "Süddeutsche Zeitung", "Vermittler zwischen den Religionen" die "tageszeitung".

Nicht ohne Grund, denn vor fast genau einem Jahr erhielt der Obermufti den Theodor-Heuss-Preis für sein Wirken als Vermittler zwischen Islam und Christentum. Im Herbst 2006 hatte Ceric bereits erklärt: "Wer Freiheit und Demokratie attackiert, der greift auch mich als europäischen Muslim an." Und die "Zeit" zitierte ihn 2006 mit den Worten: "Heute finde ich die Integration der Muslime in die europäischen Gesellschaften so wichtig, dass ich sage: Wir müssen sie selbst um den Preis der Assimilation vorantreiben." Sein Aufsatz in "European View" steht vollständig in der Tradition seiner vorherigen Äußerungen.

Wie weit sollen die Rechte des "Imams" gehen?

Natürlich ist der Text deshalb nicht unangreifbar. Der Obermufti vertritt einen sehr selbstbewussten europäischen Islam, der sich nicht verstecken will und Forderungen stellt. Zudem wirbt Ceric in dem Aufsatz für ein "europäisches Imamat", also die Installation eines Imams, eines religiösen Führers. Ceric sieht ein solches Amt als wichtigen Schritt auf dem Weg der Institutionalisierung des Islams in Europa. In Bosnien-Herzegowina, wo er als Obermufti ein vergleichbares Amt auf nationaler Ebene innehat, meint er offenbar nachahmenswerte Erfahrungen gemacht zu haben. Unadressiert lässt Ceric allerdings leider, dass viele Muslime unter einem "Imamat" eher eine Kombination aus religiöser und weltlicher Führung verstehen. Hierüber könnte man trefflich diskutieren - nicht zuletzt über die Frage, wie weit der Führungsanspruch eines solchen Imams gehen sollte.

Cerics Text ist aber auch visionär - denn dem Gelehrten schwebt als Imam eine gemeinsame Autorität für Sunniten und Schiiten vor. Und wer den Text gründlich liest, der erkennt auch die darin enthaltene scharfe Ablehnung jeglichen Radikalismus: Die militanten Islamisten der Gegenwart stellt er in die Tradition der Charidschiten, einer frühislamischen Abspaltung vom Mainstream-Islam. Es sei ein Risiko für die globale Gemeinschaft der Muslime, sich nicht untereinander zu einigen, weil sie sich sonst diesem charidschitischen Gedankengut auslieferten.

Bei genauer Lektüre kann von einem Aufruf zur Einführung drakonischer Strafen oder der Schlechterbehandlung von Frauen oder was sonst noch gemeinhin mit dem Begriff Scharia assoziiert wird, indes auf keinen Fall die Rede sein.

Ceric hat als selbstbewusster Theologe gesprochen, der von bestimmten Begrifflichkeiten, die aus der islamischen Theologie nicht wegzudenkenden sind, nicht lassen kann und will. Aber er ist interpretiert worden, als wäre er ein Politiker, der die Gebote der political correctness verletzt hat.



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.