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Islam-Satire: "Es muss krachen"

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Hat Narrenfreiheit Grenzen? 2006 tobte der Karikaturenstreit, und Deutschlands Karnevalisten verzichteten auf Islam-Scherze. Statt Kölle Allah heißt es auch in diesem Jahr Kölle Alaaf - nur die Düsseldorfer wollen am Rosenmontag nicht zimperlich sein.

Hamburg - Polemisch, provokant, plakativ: Als Jacques Tilly, 43, sich im vergangenen Jahr Gedanken machte, wie er den in vielen muslimischen Ländern herrschenden Verschleierungszwang für einen politischen Mottowagen des Rosenmontagszuges thematisieren könnte, folgte er wie immer seinem satirischen Instinkt. Mit spitzer Feder zeichnete der Düsseldorfer seinen Entwurf: vier Muslima in einer Reihe, eine verhüllter als die andere - die letzte steckt in einem großen Beutel, zugebunden mit einer Schnur.

Jacques Tilly liebt es, die Grenzen der Satire auszuloten. Mit seinem Team baut der Künstler seit 13 Jahren die Hälfte der rund 70 Motivwagen des Karnevalsumzugs in Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt. Der Verschleierungszwang übersteigert bis hin zum Müllsack - das war eine überspitzte Islam-Kritik ganz nach dem Geschmack des Künstlers. Doch er realisierte den heiklen Entwurf nicht.

Denn durch die muslimische Welt rollte eine blutige Protestwelle - ausgelöst von ein paar Karikaturen des Propheten Mohammed in einer dänischen Tageszeitung - die am Rosenmontag 2006 ihren Scheitelpunkt erreichte. Was darf Satire? Die alte Frage Kurt Tucholskys wurde in jenen Tagen oft strapaziert. Genauso die unmissverständliche Antwort, die sich der Schriftsteller und Journalist einst selbst gab: alles. Kommentatoren weltweit pflichteten ihm nur zu gern bei.

Doch angesichts Dutzender Toter und brennender Botschaften kamen den Karnevalisten am Rhein Zweifel. Sie mussten sich plötzlich wegen einiger dünnhäutiger Fundamentalisten Sorgen um die Sicherheit von Millionen Besuchern der Karnevalsumzüge am Rosenmontag machen. Die Narren beugten sich der Gewalt: Scherze auf Kosten des Islam wurden aus den Zügen verbannt.

Friede zwischen den Religionen - eine Illusion

Ein Jahr danach scheint es, als habe Jacques Tilly Nachholbedarf. "Der Kampf der Kulturen steht noch ganz oben auf der weltpolitischen Agenda", sagt der Bildhauer. Und diesmal will er sich davon nicht die Laune verderben lassen. Am 19. Februar herrscht wieder Narrenfreiheit: Die jecke Schonzeit für Muslime ist vorbei.

"Wir gehen das Thema auf jeden Fall an", kündigt Jürgen Rieck an, der Geschäftsführer des "Comitees Düsseldorfer Carneval". Man wolle "deutlich werden", ohne unter die Gürtellinie zu treffen. "Einer der Wagen hat's wirklich in sich", verspricht auch Tilly, der sei "hart an der Grenze". Wie und warum? Kein Kommentar. Es gilt strikte Geheimhaltung, damit kein Bedenkenträger den Wagenbauern dazwischenfunken kann.

Nur ein Motiv ist bisher bekannt: Da liegen sich ein Hamas-Kämpfer und ein orthodoxer Jude in den Armen, kuscheln ein schiitischer Geistlicher und ein Kardinal, tanzen ein Inder und ein Pakistaner. Für Tilly alles zu schön um wahr zu sein, die scheinbar versöhnlichen Gesten werden sofort entlarvt: "Friede zwischen Religionen - die größte aller Illusionen", heißt das Wagenmotto.

Selbstzensur statt kritischer Auseinandersetzung

In der Vergangenheit gab es immer wieder Aufregung um einzelne Wagen. 2005 bekamen die Organisatoren Drohbriefe und Klageankündigungen, weil das katholische Lager an einer Darstellung von Kardinal Joachim Meisner Anstoß nahm. Der war zu sehen, wie er einen Scheiterhaufen anzündet, auf dem eine Frau bekennt: "Ich habe abgetrieben." Im vergangenen Jahr wurde zwei Tage vor Rosenmontag eine George-W.-Bush-Figur aus dem Zug gekippt. Düsseldorfer Rathauskreise hatten von dem grenzwertigen Motiv Wind bekommen und interveniert.

Und so ganz verzichteten die Düsseldorfer vor Jahresfrist auch nicht darauf, den Karikaturenstreit öffentlichkeitswirksam aufzugreifen, trotz aller Sicherheitsbedenken. So trugen die Jecken die Meinungsfreiheit symbolisch zu Grabe, den Sarg von einem Krummsäbel durchstochen. Eine Kritik, die sich nicht nur an gewaltbereite Islamisten richtete, sondern auch an die, die im vorauseilenden Gehorsam die Selbstzensur einer kritischen Auseinandersetzung vorzogen.

Die Konkurrenz in Köln mied das Thema lieber ganz. Und auch in diesem Jahr hält man hier nichts von direkter Islam-Satire. Statt Kölle Allah heißt es weiter Kölle Alaaf. Zwar seien auf einem Wagen Tora, Bibel und Koran zu sehen, deren friedliches Nebeneinander nur von Fundamentalisten und Terroristen gestört werde, sagt Rosenmontagszugleiter Christoph Kuckelkorn. "Religiöse Gefühle verletzen wir aber nicht." Von präventiver Kapitulation angesichts einer vermeintlich andauernden islamistischen Bedrohung will Kuckelkorn aber nichts hören. Er spricht lieber von einer "ur-kölschen Haltung".

Mohammed ist tabu

Ein Seitenhieb auf Düsseldorf muss sein: "Diese kleine Stadt im Kölner Norden nimmt ja keiner wahr", stichelt der Zugchef "deswegen sucht sie eben die Öffentlichkeit über Provokation." Dass er in Wahrheit ein wenig neidisch auf den selbst in der heimischen Presse stets gelobten, deutlich respektloseren Rosenmontagszug des Nachbarn ist, belegen Kuckelkorns bislang erfolglose Versuche, den Düsseldorfer Wagenbauer Tilly abzuwerben - was der Boulevard rheinaufwärts schon als kölsche Karnevalskriegserklärung wertete.

Die Jecken in Mainz, der dritten rheinischen Karnevals-Hochburg, nehmen unter anderem Papst Benedikt XVI. aufs Korn, der mit dem Papamobil gegen ein Minarett kracht. Ablehnende Reaktionen von Moslems auf die Darstellung des gerammten Minaretts fürchten die Karnevalisten nicht. "Ich habe es bei den islamischen Mitarbeitern von Mercedes-Benz in Mainz getestet", erklärt Zugmarschall Ady Schmelz: "Die haben darüber lachen können." Dass es auch diesmal keinen islam-kritischen Wagen gebe, sei keinerlei Sicherheitsbedenken geschuldet, behauptet Karl-Heinz Werner vom "Mainzer Carneval Verein". "Wir lassen wir uns nicht verbiegen", betont er. "Es hat sich einfach nicht angeboten."

Das sieht Jacques Tilly völlig anders. "Es muss ordentlich krachen", findet der Düsseldorfer. Und darum gibt es in diesem Jahr für ihn nur ein Tabu: Einen überdimensionalen Mohammed will er nicht durch die Straßen der Altstadt rollen lassen.

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