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Islamdebatte: Pinguine, Burkas und der Nazivorwurf

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Wer konservative Muslime scharf kritisiert, gilt schnell als rechts und rassistisch - gerade muss das Ralph Giordano erleben. Doch die Trennlinien zwischen vernünftiger und populistischer Islamkritik verlaufen ganz woanders: Entlang der Frauenfrage.

Berlin - Der Holocaust-Überlebende Ralph Giordano ist jetzt rechts, schreibt die "taz". Der im Dritten Reich als Jude von den Nazis verfolgte Schriftsteller habe mit seiner Kritik am Bau einer Moschee in Köln- Ehrenfeld sogar den Gründer der Republikaner, Franz Schönhuber, rechts überholt, heißt es in dem Blatt - das vor kurzem übrigens noch über "das organisierte Berufsjudentum" klagte.

Ganzkörperverschleierung: Giordano bezeichnete Frauen in Burka als "menschliche Pinguine"
DPA

Ganzkörperverschleierung: Giordano bezeichnete Frauen in Burka als "menschliche Pinguine"

Tatsächlich hatte Giordano in einem Streitgespräch des "Kölner Stadtanzeiger" einiges vermengt: Unter anderem will er den Bau der Kölner Moschee stoppen, weil die Mehrheit der Bevölkerung dagegen ist, obwohl sich die Stadt bereits dafür entschieden hat. Auch der Vergleich einer in Burka verhüllten Frau mit einem Pinguin ist nicht besonders feinfühlig. Ob sich der Schriftsteller dadurch in seinem eigenen ästhetischen Empfinden gestört fühlt, wie er sagte, kann kein Maßstab für den Umgang mit dem Islam sein.

Giordano liegt falsch, wenn er den Moscheebau mit dem Argument bisheriger Integrationsversäumnisse grundsätzlich verhindern will. Denn wer offene, zugängliche Moscheen baut, verhält sich nicht per se integrationsfeindlich. Geglückte Integration besteht im Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte jüngst längst überfällig bemerkt: Der Islam ist Teil der deutschen Gesellschaft.

Rechtsextremismus-Keule reflexhaft erhoben

Und doch zeigen die wütenden Reaktionen auf Giordanos Islam - und Integrationskritik ein Muster, das es schon länger gibt : Die Keule des Rechtsextremismus oder -populismus wird reflexhaft gegen die erhoben, die sich deutlich - und auch mal überspitzt - gegen konservative islamische Vorstellungen und gegen Kopftücher einsetzen. Die Frauenrechtlerinnen Necla Kelek, Alice Schwarzer und Seyran Ates bekommen das ständig zu spüren. Erst kürzlich hatte der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu Parallelen zwischen Islamkritikerinnen, Feminismus und Rechtspopulismus gezogen.

Natürlich finden auch die Islamkritiker selbst scharfe Worte: Necla Kelek nannte den Zusammenschluss der muslimischen Verbände kürzlich eine "Versammlung muslimischer Stammesführer". Und doch gibt es einen ganz entscheidenden Unterschied zwischen beiden Gruppen: Necla Kelek und Seyran Ates kämpfen für die Rechte der Frauen. Sie kämpfen auch um ihr persönliches, politisches Gewicht, aber das ist völlig legitim, nötig und bei beiden auch verdient.

Motorhauben und Kopftücher

Dem neu gebildeten Koordinierungsrat der Muslime (KRM) aber, der den Islam in Deutschland vertreten will, ist die Gleichberechtigung von Frauen und Mädchen kein Anliegen. Oder wie ist es zu verstehen, wenn sich der KRM auf der Islamkonferenz noch nicht mal auf einen Passus zur deutschen Werteordnung einigen konnte? Man mag ihm damit zwar nicht automatisch unterstellen, nicht auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen. Aber: Der KRM will auch kein Zeichen setzen und keine klaren Worte finden, etwa dafür, dass man Mädchen und Frauen gleichberechtigt und frei erziehen will. Nicht umsonst hatte Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime und Sprecher des neu gebildeten Koordinierungsrats der Muslime, gesagt, er wolle Eltern unterstützen, die ihre Kinder vom koedukativen Schwimmunterricht abmelden. Damit übernimmt der Verband die Forderungen konservativer muslimischer Eltern - und nicht die Interessen der Mädchen.

Das Kopftuch kann natürlich auch bewusstes Symbol einer religiösen erwachsenen Frau sein - es muss nur sicher gestellt sein, dass sie es wirklich freiwillig trägt. Und freiwillig hieße: Sie darf keinerlei Nachteile haben, sie darf nicht von ihren Verwandten diskreditiert werden, nicht als Ungläubige verunglimpft werden. Denn wer sich mit dem Tuch vor abwertenden und sexistischen Blicken und Sprüchen schützen muss, trägt es nicht aus eigenen Stücken, sondern als Schutz vor einer Macho-Gesellschaft.

Und dann stimmt das, was Seyran Ates sagt: "Für mich gibt es keinen Unterschied, ob eine Frau unter einem Kopftuch verdeckt wird, insbesondere wenn es ein kleines Mädchen ist, oder ob sich eine Frau halbnackt auf einer Motorhaube räkelt. Beides dient dazu, das weibliche Wesen zum Sexualobjekt zu machen und darauf zu reduzieren."

Die Erfahrung, Applaus von der falschen Seite zu bekommen und als Rechtspopulist dargestellt zu werden, hat nun Ralph Giordano gemacht - tatsächlich hat er nicht besonders differenziert argumentiert. Ihn aber flugs zu einem Rechtsradikalen zu stempeln, ist maßlos und demagogisch. Vor falschem Beifall kann auch Giordano sich nicht schützen - in Köln applaudierte ihm eine rechte Wählerinitiative.

Die Aufregung um Giordanos Äußerungen zeigt: Es gibt in der Integrations - und Islamdebatte keinen neutralen Akteure. Jede Anmerkung wird idelogisiert- und wie im jüngsten Fall missbraucht - von alten Linken in der "taz", von neuen Rechten in Köln. Damit das nicht mehr passiert, müssen Maßstäbe für die Integration definiert werden, die sich immer an einem orientieren müssen: Der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frauen.

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