Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Im Zweifel links: Merkels Krieg

Eine Kolumne von

Tankflugzeug der Luftwaffe (Archivbild): Krieg erzeugt nur Krieg Zur Großansicht
DPA

Tankflugzeug der Luftwaffe (Archivbild): Krieg erzeugt nur Krieg

Deutschland zieht in den Krieg. Ohne Strategie, ohne Aussicht auf Erfolg. Hauptsache, wir sind dabei. Der Preis kann hoch sein: Die Terrorgefahr hierzulande steigt.

Satelliten und Tornados zur Aufklärung, eine Fregatte und Tankflieger. Es ist keine beeindruckende Streitmacht, die Deutschland in Syrien aufbieten will.

Aber darauf kommt es nicht an. Was zählt ist: Die Deutschen werden nun endgültig zur Kriegspartei in diesem Konflikt ohne Hoffnung. Bisher hatte Deutschland sich weitgehend herausgehalten. Nicht aus Feigheit, sondern aus Vernunft. Es gibt hier keinen Ausweg. Zu viele Seiten verfolgen zu viele gegensätzliche Interessen. Aber jetzt ist der Krieg in Syrien auch unser Krieg. Warum? Aus Liebe zu Frankreich, und das ist im Prinzip ein guter Grund. Aber er ist nicht gut genug für einen Krieg. Und er rechtfertigt nicht das Risiko, dass der Terror nun auch zu uns kommt.

Wer will noch mal, wer hat noch nicht. In Syrien kämpfen im Moment - ohne Anspruch auf Vollständigkeit: die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar, Saudi-Arabien, Bahrain, Jordanien, die Nusra-Front, die Türkei, Hisbollah, Iran, die "Freie Syrische Armee", mehrere kurdische Gruppen, die Syrische Armee und natürlich der "Islamische Staat". In Syrien ist immer ein Platz frei. Jetzt auch für die Deutschen.

In der "Neuen Zürcher Zeitung" stand neulich: "Die alte bundesrepublikanische Außenpolitik, eine Endmoräne des Biedermeier, hat sich überholt." Das ist aus dem Blickwinkel der Weltmacht Schweiz leicht gesagt. Immer, wenn es um Krieg oder Frieden geht, brütet Deutschland mit schwerem Sinn und gefällt sich in der Rolle des melancholischen Zweifels. Handeln oder Nicht-Handeln?

"Ich erinnere uns alle daran: Nicht nur durch Tun, sondern auch durch Unterlassen können wir uns schuldig machen." Frank-Walter Steinmeier hat das gesagt, unser Hamlet im Außenamt. Dabei muss man gar nicht so tief schürfen. Nüchterne Vernunft reicht völlig. Colin Powell hat für George Bush den Älteren vier einfache Bedingungen formuliert, die bei jedem Waffengang erfüllt sein müssen: überwältigende Übermacht, öffentlicher Rückhalt, klare Ziele, schneller Rückzug.

Der erste Golfkrieg der Amerikaner wurde nach dieser Powell-Doktrin geführt und gewonnen. Seitdem hat sich niemand mehr daran gehalten - und die US-Kriege sind gescheitert, in Afghanistan wie im Irak. Das liegt daran, dass der Krieg kein Instrument der Politik mehr ist, sondern selbst zur Politik wird. Er muss nicht mehr gewonnen werden. Er muss nur führbar bleiben.

Freundschaft verpflichtet nicht zur Torheit

Warum also Syrien? Es gibt nur einen Grund: Frankreich. Der Freund outre-Rhin ist angeschlagen. Die Verletzung des 13. November war ungeheuerlich, und die Erwartung an Deutschland klar: "Mitgefühl reicht nicht, wir müssen handeln", sagte François Hollande am Mittwoch im Élysée-Palast, und die Bundeskanzlerin stand neben ihm. "Deutschland zieht nicht in den Krieg gegen den IS - es wird in ihn hineingezogen", schreibt Nico Fried in der "Süddeutschen Zeitung". Hübsch gesagt. Aber Angela Merkel hatte nach den Angriffen von Paris die Wahl. So wie Gerhard Schröder, als er im Sommer 2002 beim Krieg gegen den Irak Nein zu den amerikanischen Freunden sagte.

Freundschaft verpflichtet nicht zur Torheit. Und dieser Krieg ist töricht. Was wir in Syrien bekämpfen wollen, erzeugen wir selbst: Flüchtlinge und Terror. Krieg erzeugt nur Krieg. Dass dieser Krieg aus der Luft gewonnen werden kann, glaubt niemand. Niemand weiß aber, wer ihn am Boden auskämpfen soll. Die Truppen des syrischen Regimes würde man schon nehmen. Aber bitte ohne ihren Anführer Assad. Merke: Nenne niemanden zu früh einen Fassbombenmörder, den du später vielleicht noch brauchst.

Syrien ist ein Schlachthaus und der Westen ist hilflos. Wir halten aber die eigene Hilflosigkeit nicht aus, also machen wir alles immer schlimmer. Und gefährlicher.

Deutschland wird erst mit den Flugzeugen zur Kriegspartei

Die "Bild am Sonntag" hat den Generalinspekteur der Bundeswehr gefragt, ob der IS versuchen wird, sich mit Terroranschlägen in Deutschland zu rächen, wenn die Bundeswehr ihre Tornados über Syrien fliegen lässt.

General Volker Wieker antwortete: "Das ist Spekulation. Wir haben jetzt schon eine starke Gefährdung. Wir gehören bereits seit einem Jahr der Koalition gegen ISIS an und unterstützen die Peschmerga im Nordirak."

Ein tapferes Wort! Dieser General ergibt sich nie, nicht mal der Wahrheit.

Zu der militärischen Anti-IS-Koalition gehören zwei Dutzend Staaten. Und General Wieker weiß gut genug, dass sie von A wie Australien bis K wie Katar längst nicht alle gleichermaßen vom Terror bedroht sind. Bislang bestand der deutsche Beitrag zur Koalition aus an die hundert Ausbildern und Waffenlieferungen an die Kurden. Den Unterschied zu deutschen Tornados über Syrien, den muss man dem obersten Soldaten der Bundeswehr doch nicht erklären.

Deutschland wird erst mit diesen Flugzeugen zur Kriegspartei. Und natürlich erhöht diese Beteiligung am Krieg in Syrien die Terrorgefahr in Deutschland.

Aber das ist ein verbotener Gedanke. Wer ihn äußert, ist feige, will sich verstecken, den Kopf in den Sand stecken. Vielleicht wären die Angehörigen der Toten von Paris froh, wenn ihr Land sich nicht in diesen sinnlosen syrischen Krieg gemischt hätte.

Newsletter
Kolumne - Im Zweifel Links
Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 483 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
thomas.b 30.11.2015
Ich denke nicht, dass Merkel das politisch treibt. Ich tippe eher auf UvdL.
2. Unglaublich dumm, diese Stammtischpolitik!
leo19 30.11.2015
Ein deutscher Bundeskanzler/in sollte nicht so dumm sein, sich in solche Kriege verwickeln zu lassen, die nur aus archaischen Emotionen begründet sind und keinerlei Erfolgsaussichten haben. Aus dem Irakkrieg der USA ist ja der IS entstanden. Da braucht men kein Physikstudium, um die Sinnlosigkeit zu erkennen. Genau wie beim Krieg in Afghanistan ist nichts für Deutrschland zu gewinnen. Soldaten werden für nichts geopfert.
3. Feigheit?
itzenflitz 30.11.2015
In der Tat: Wer nicht bereits ist, die europäischen Werte der Freiheit und Aufklärung ggf. auch militärisch zu verteidigen, ist feige. Punkt! Eine Appeasement-Politik hat in der Geschichte nie funktioniert, es war immer nur der Verlust der Freiheit auf Raten.
4. Strategie
Miach 30.11.2015
Tausend Jahre Erkenntnis reichen wohl nicht? Denn wer in einen Kampf zieht, ohne einen Plan zu haben was nach dem Sieg passieren wird, wird verlieren. Wie kann es sein das hier nicht gelernt wird? Welchen Plan haben wir denn für Syrien? Welche Motivation möchten wir Flüchtlingen anbieten doch für "ihr Land" zu kämpfen - denn hier hängen die Themen ja wirklich für jeden sichtbar zusammen? Terrorgefahr ist damit aber auch nicht höher, der Hauptgrund warum "die" uns nicht mögen ist schlicht und einfach weil es uns gibt und wir leben wie wir es tun. Nicht so sehr ob wir da mitfliegen. Wir können bomben schmeißen, wir können sogar einmarschieren und den IS auch schlagen ... und dann? Wie im Irak? Wie in Afghanistan? Gut, dann kommt der nächste, noch schlimmere Feind auf. Ja wir brauchen Militär - aber nicht als Lösung, sondern als Teil einer Lösung.
5.
dosmundos 30.11.2015
Wenn wir allen unseren Freunden und Verbündeten ganz, ganz viel Geld zahlen, damit wir nicht kämpfen müssen, und wenn wir ganz, ganz viele Kriegsflüchtlinge aufnehmen und wir super lieb zu ihnen sind, wird uns der böse, böse IS dann auch garantiert nicht verhauen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jakob Augstein
In dieser Woche...

...berichtet "Der Freitag" unter anderem über folgende Themen:

  • Von der Rolle Deutschland zieht wieder in einen Krieg, den man nur verlieren kann

    Debatte Was wäre denn so verwerflich an einem linken Populismus? Ein Plädoyer für die Polarisierung

    Gespräch Yanis Varoufakis und Brian Eno über Popkultur, Ökonomie und die Frage, ob wir in der Matrix sind

    RAF Staatsfeind Peter Brückner aus Sicht des Sohns. Von "Mescalero" Klaus Hülbrock

  • Diese Ausgabe digital lesen
  • Drei Ausgaben kostenlos testen


Facebook

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: