Jesidin in Deutschland Als Aschwak Talo ihren IS-Peiniger in Schwäbisch-Gmünd wiedererkannte

Aschwak Talo wurde vom IS verschleppt und als Sklavin verkauft. Später, in Deutschland, traf sie offenbar ihren Vergewaltiger auf der Straße - und floh aus Angst zurück in den Irak. Das ist ihre Geschichte.

Von Andrew Moussa, und


Die Stimme am anderen Ende der Leitung stockt immer wieder. Aschwak Hadschi Talo ist, so sagt sie es, vor vier Monaten aus Deutschland in den Irak zurückgekehrt. Sie erzählt, wie sie im Februar 2018 dem Mann begegnete, der sie Jahre zuvor als Kämpfer der Terrormiliz "Islamischer Staat" gefoltert und vergewaltigt hatte. Er nannte sich "Abu Humam".

Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagt sie, sie habe schon einmal geglaubt, ihn erkannt zu haben. "Ich habe zu meiner Mutter gesagt, Mama, ich habe einen Mann gesehen, er sah aus wie Abu Humam. Aber ich war mir nicht ganz sicher." Ihre Mutter habe sie beruhigt, der IS-Kämpfer sei bestimmt nicht in Deutschland.

Doch im Februar 2018 habe er sie angesprochen. Sie habe ein Praktikum absolvieren müssen, um ihren Hauptschulabschluss zu bestehen. Dort sei er aufgetaucht, in Begleitung eines zweiten Mannes, in einem weißen Auto. "Ich hatte solche Angst", sagt sie. Und: "Wir konnten nicht in Deutschland bleiben." Ihre Mutter, ihr Bruder und sie entschieden, zurück in den Nordirak zu gehen. Dort leben sie nun in einem Flüchtlingscamp, gemeinsam mit dem Vater und anderen Verwandten, erzählt sie.

Ein Video, in dem sie ihre Geschichte erzählt, geht viral

Talo, die mehrere Nachnamen führt und in Presseberichten auch Aschwak Hadschi genannt wurde, entschied sich, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Sie nahm mit der irakischen Zeitung "basnews" ein Video auf. Darin steht sie vor einer gelben Mauer und erzählt von der Begegnung mit "Abu Humam". Die Szene beschreibt sie sehr konkret. Direkt sei der Mann auf sie zugekommen, dann habe er sie auf Deutsch angesprochen. Er habe Details über ihren Aufenthaltsort und ihre Familie gewusst. "Ich erkenne dich an deinen Augen", soll der Mann dann noch zu Talo gesagt haben. Danach will sie sich sicher gewesen sein, dass dies ihr Peiniger war.

Das Video verbreitet sich schnell in den sozialen Medien. Von vielen wird es als Beleg gesehen, dass die deutschen Behörden nicht entschieden genug gegen Gewalttäter und Terroristen vorgehen.

Die Geschichte von Talo ist brutal. Die junge Frau gehört zur Minderheit der Jesiden, die nach dem Vormarsch des IS im Nordirak rücksichtslos unterdrückt und verfolgt wurde, die Frauen wurden als Sklavinnen verkauft. Die IS-Kämpfer behandelten die jesidischen Frauen wie Freiwild, vergewaltigten sie und töteten unzählige. Auch aus Talos Familie werden immer noch 42 Personen vermisst.

Talo überlebte das Martyrium, wenig später kam sie nach einer humanitären Geste des Bundeslands Baden-Württemberg nach Deutschland, gemeinsam mit mehreren Hundert anderen Frauen.

Drei Monate in Gefangenschaft

Vom 3. August bis 22. Oktober 2014 habe sie als Mitglied der jesidischen Minderheit bei "Abu Humam" in Gefangenschaft leben müssen. Sie seien sechs Frauen gewesen und 18 IS-Kämpfer. Eines Abends hätten die Frauen den Männern eine hohe Dosis Allergiemedikamente ins Essen gemischt, die Kämpfer seien eingeschlafen, sie hätten fliehen können. Drei von ihnen, erzählt Talo, lebten noch immer in Deutschland.

Drei Jahre später nun habe ihr Peiniger sie wiedergefunden - in der kleinen Stadt Schwäbisch Gmünd, etwa 50 Kilometer östlich von Stuttgart in Baden-Württemberg. Mehr als eine Woche nach dem Vorfall ging sie zur Polizei und berichtete den Beamten von der beängstigenden Begegnung.

Die Stadt Schwäbisch Gmünd bestätigt, dass Talo sich an die Behörden gewandt habe. "Sofort nachdem die junge Frau im Februar dieses Jahres den Vorfall geschildert hatte, wurden seitens der Stadt der Staatschutz und die Ermittlungsbehörden eingeschaltet, die dann die weiteren Schritte übernommen haben", schreibt die Pressestelle in einer Stellungnahme an den SPIEGEL.

Sie hätten Talo auch einen Wohnungswechsel angeboten, der sei aber nicht angenommen worden. "Nach Kenntnisstand der Stadt war der genannte Mann in Schwäbisch Gmünd nicht gemeldet oder in einem Asylverfahren befindlich", schreiben sie weiter.

Die Ermittlungen laufen bis heute, bislang erfolglos

Tatsächlich wurde seit der Anzeige der Jesidin intensiv ermittelt, doch die Recherchen liefen ins Leere. Die Polizei in Schwäbisch Gmünd erstellte zwar anhand der Aussagen ein grobes Phantombild des mutmaßlichen IS-Schergen und überprüfte, ob man den Namen des Mannes unter den registrierten Flüchtlingen im Umkreis findet.

Trotz mehrmonatiger Ermittlungen kam man aber nicht weiter, ein Mann mit dem Namen "Abu Humam" war nicht zu finden. Ganz offensichtlich handelt es sich dabei um einen Kampfnamen, den viele der IS-Kämpfer verwenden. Das Phantombild wiederum war so vage, dass niemand den Gesuchten wiedererkannte.

Trotzdem laufen die Ermittlungen bis heute. Im Juni nahm der Generalbundesanwalt (GBA) in Karlsruhe den Fall in ein sogenanntes Strukturverfahren auf. Seit Monaten befragen die Ermittler jesidische Frauen, die über teils abscheuliche Straftaten gegen sie im Irak berichten. Die Recherchen sind schwierig, die Frauen traumatisiert. Trotzdem gelang es den Ermittlern, in einem Fall einen der IS-Leute zu identifizieren und einen internationalen Haftbefehl zu erwirken.

Im Fall von Talo aber kamen die Fahnder bisher nicht weiter. Ein Grund ist, dass Talo zurück in den Norden des Irak ging. Seitdem haben die Behörden nichts mehr von ihr gehört und konnten sie auch nicht weiter befragen.

Jesiden in Deutschland demonstrieren gegen die Verfolgung durch den "Islamischen Staat"
imago/ snapshot

Jesiden in Deutschland demonstrieren gegen die Verfolgung durch den "Islamischen Staat"

Inzwischen haben sich nach Informationen des SWR mehrere Zeuginnen gemeldet, die ihren IS-Folterer in Baden-Württemberg erkannt haben wollen. Laut Zentralrat der Jesiden handelt es sich hierbei um denselben Mann, der auch Talo angesprochen haben soll.

Talo will nicht nach Deutschland

Die kurdische Gemeinde in Deutschland kritisiert das Vorgehen der Behörden. "Es kann doch nicht sein, dass Gewalttäter hier frei herumlaufen, während die eigentlich Schutzbedürftigen in Angst leben", sagt Mehmet Tanriverdi, stellvertretender Vorsitzender der kurdischen Gemeinde in Deutschland.

"Wir haben Kontakt zu der Familie - Frau Talos Aufenthaltstitel gilt noch bis Oktober. Wir hoffen, dass sie wieder nach Deutschland kommt, und würden sie hier unterstützen", sagt Tanriverdi. Talos Fall sei zwar in der Form noch nicht vorgekommen - allerdings würden immer wieder IS-Kämpfer identifiziert, die dann trotzdem eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bekämen.

Talo will nicht nach Deutschland zurück. "Ich kann nicht mehr zurück", sagt sie dem SPIEGEL. Doch im Irak könne sie auch nicht bleiben, auch dort habe ihr Peiniger Kontakte. "Ich würde gern mit meiner Familie in Sicherheit leben", sagt sie.

Die Minderheit der Jesiden
Wo leben die Jesiden?
REUTERS

Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.


insgesamt 177 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
lasorciere 17.08.2018
1.
Aus welchem Grund bekommen IS-Kämpfer eine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland? Ein Terrorist hat seinen Flüchtlingsstatus verwirkt.
gutmichl 17.08.2018
2. Deutschland - Land unkalkulierbarer Regeln
Während wir moralisch in jedem Winkel der Erde den Regierenden Ratschläge erteilen, schaffen wir es nicht, ehemalige IS-Kämpfer aus dem Land zu halten. Im Bereich Asyl/Zuwanderung scheint es nur Rechte der Zuwanderer, aber keine Pflichten mehr zu geben. So lange der Herr nicht rechts überholt oder die GEZ nicht zahlt, droht ihm wohl nichts, in diesem "Rechtsstaat".
brunosacco 17.08.2018
3. Danke!
Danke Frau Merkel für die Suppe die Sie uns da eingebrockt haben und an der unsere Kinder noch zu löffeln haben! Treten Sie endlich ab, die Uckermark braucht Sie!
chulumani 17.08.2018
4. Alle Achtung, dass sich auch der Spon
als eine der wenigen Medien der Leidensgeschichte dieser jungen Jesidin annimmt. Es steht zu befürchten, dass noch viel mehr IS-Terroristen hier Zuflucht gefunden haben; denn auch andere Jesidinnen berichten, in Deutschland ihren "Besitzern" begegnet zu sein. Wie es mit der Justiz nun so läuft, werden wohl auch keine IS-Mörder abgeschoben werden, da ihnen in ihren Heimatländern harte Strafen für Mord, Vergewaltigungen und praktisch alle nur erdenklichen Verbrechen zur Last gelegt werden und harte Strafen folgen könnten. Das kann die deutsche Justiz nicht auf ihr Gewissen laden.
seine-et-marnais 17.08.2018
5. Überrascht mich gar nicht
Da wird das halbe Land mit #metoo und #metwo in Aufruhr versetzt, und die wirklichen Peiniger und Vergewaltiger laufen frei herum. Zum K..en, aber das ist mit ein Aspekt der Politik von Frau Merkel und allen denen die jede Überprüfung und Kontrolle als Rassismus usw verurteilen. Bei den Migrationswellen sind wohl jede Menge IS-Kämpfer und andere Kriminelle mit hereingeschwappt und das Problem der nächsten Jahre wird sein da alle zu kontrollieren und wieder Ordnung in die Migration zu bringen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.