IS-Kronzeuge Nils D. vor Gericht Gescheitert, erweckt und abgehauen

Der Dinslakener Nils D. gehörte einer Spezialeinheit der Miliz "Islamischer Staat" an. Doch zurück in Deutschland, sagte er umfangreich gegen die Islamisten aus. Jetzt steht er als geläuterter Terrorist in Düsseldorf vor Gericht.

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Angeklagter D. vor Gericht: Innenleben des IS geschildert
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Angeklagter D. vor Gericht: Innenleben des IS geschildert


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Wenn es Nacht wurde in Kafr Hamra, Syrien, konnte Nils D. die Schreie der Gefolterten hören. Sie hingen, das wusste er, in einem dunklen Raum eines Gebäudes auf der gegenüberliegenden Straßenseite, sie hingen an Eisenstangen, die Hände hinter dem Rücken gefesselt.

Manche Gefangene mussten auch tagelang in Holzkästen hocken, in denen sie sich nicht aufrichten konnten. In den Augen von Nils D., des Dschihadisten aus dem niederrheinischen Dinslaken, verdienten die armen Teufel ihr Schicksal. Sie waren Abtrünnige und hatten den "Islamischen Staat" (IS) verraten. So sah D. das damals.

Inzwischen hat sich die Sicht des Nils D. auf den IS stark verändert. Und fragte man den Nils D. von damals, was er denn über den Nils D. von heute denke, so müsste er ihn ebenfalls für einen Verräter halten: D. ist der erste deutsche IS-Kämpfer, der nach seiner Heimkehr umfangreich gegen die Terrormiliz ausgesagt hat.

In mehr als drei Dutzend Vernehmungen schilderte er den Sicherheitsbehörden das Binnenleben der derzeit vielleicht gefährlichsten Terrororganisation der Welt und sorgte damit fast im Alleingang für einen erheblichen Erkenntnisgewinn der deutschen Staatsschützer. Zudem trat D. als Zeuge in mehreren Prozessen gegen andere Islamisten auf und räumte zugleich Straftaten ein, die ihm wohl sonst nicht hätten bewiesen werden können.

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Bürgerkrieg: Europäische Dschihadisten in Syrien
Jetzt muss Nils D. selbst vor Gericht erscheinen. Am Mittwoch beginnt in Düsseldorf der Prozess gegen ihn. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 25-Jährigen unter anderem Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor.

D. war der Prototyp des Gescheiterten

Demnach reiste D. als Teil der salafistischen "Lohberger Gruppe", benannt nach einem Dinslakener Stadtteil, im Herbst 2013 nach Syrien aus. Dort schloss er sich dem IS an, ließ sich im Umgang mit Gewehren, Pistolen und Sprengstoff schulen und verdingte sich schließlich bei einer IS-Spezialeinheit. Einmal posierte er für ein Handyfoto, einem Gefangenen eine Pistole an den Kopf haltend.

Dieser "Sturmtrupp", wie die deutschen Dschihadisten ihre Kohorte nannten, hatte die Aufgabe, Deserteure und Abtrünnige aufzuspüren und festzusetzen. Nils D. nahm an bis zu 15 dieser Einsätze teil. Später, wieder in Deutschland, rechtfertigte er im Gespräch mit seinem Freund Sahin E. die Loyalität gegenüber IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi: "Was der sagt, müssen wir machen. Der ist unser Präsident", verkündete D. Und vor seiner Freundin prahlte er: "Das Beste, Allerbeste, was es gibt auf dieser Welt, ist der Märtyrertod." Doch spätestens nach seiner Festnahme im Januar 2015 erlosch die Verbundenheit des Islamisten mit dem IS. Nils D. packte aus. "Der will sich frei singen", kommentierte ein hochrangiger Sicherheitsbeamter.

Dass es Nils D. einmal zum derzeit vielleicht wichtigsten Anti-Terror-Zeugen Deutschlands bringen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Vielmehr verlief seine Jugend wie die so vieler vermeintlicher Gotteskrieger: D. kiffte sich um Ausbildungsplatz und Zukunft, er hing herum, langweilte sich, stahl und schlug sich, er zeugte ein Kind, da war er gerade 14 Jahre alt. D. war der Prototyp des Gescheiterten - ohne Plan, Halt und Orientierung.

"Komm nach Hause, Nils"

Als ihn sein Cousin Philip B. schließlich mit in das "Dinslakener Institut für Bildung" nahm, einen salafistischen Verein, aus dem später knapp zwei Dutzend Extremisten als freiwillige Kämpfer in den Bürgerkrieg nach Syrien ziehen würden, muss das wie ein Erweckungserlebnis gewesen sein. Plötzlich hatte D. einen Platz, ein Gedankenkorsett, das ihm Sinn gab und Antworten auf die Fragen, derentwegen er sich bislang bloß zugedröhnt hatte. Dabei war die Ersatzdroge Extremismus noch viel gefährlicher als seine jahrelange Planlosigkeit - nur wusste D. das noch nicht.

Sein Cousin B., ein ehemaliger Pizzabote, sollte später bei einem Selbstmordanschlag in Syrien sterben. Mustafa K., ein anderer Dinslakener Dschihadist, wiederum würde vor seinem Tod noch zu trauriger Berühmtheit gelangen, weil er mit abgeschlagenen Köpfen für Fotos posiert hatte. Und Hüseyin D., ebenfalls ein Gefährte des Nils D., pflegte in Syrien gute Kontakte zu dem Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud. Nach Hüseyin D. wird derzeit europaweit gefahndet.

Doch Nils D. konnte dem IS schließlich entkommen, womöglich mit einer List. So will er im Winter 2014 den Islamisten vorgetäuscht haben, seine Tochter aus Deutschland zu holen und nach Syrien zu verschleppen. Mit einem Reisebus fuhr er aus Istanbul zurück in die Heimat. 43 Stunden lang war er unterwegs, und als er zu Hause ankam, wussten die Sicherheitsbehörden bereits Bescheid. Sie observierten und belauschten ihn.

Rasch wieder in die Disko

Dabei registrierten die Beamten auch leicht amüsiert, dass der vermeintlich Strenggläubige schon sehr bald wieder rauchte, Hamburger futterte und Diskotheken besuchte. Als er in Gesprächen mit Vertrauten intime Kenntnisse über seine Zeit beim IS erkennen ließ, nahm die Polizei Nils D. fest.

"Komm nach Hause, Nils", hatte seine Schwester dem verlorenen Bruder im Sommer 2014 geschrieben. "Ich weiß, du willst auch gerne ins Paradies. Aber bitte warte uns zuliebe noch ab." Er könne jederzeit heimkehren. "Die paar Wochen Knast kriegen wir geschafft", ermunterte sie ihn. Es dürften dann aber doch einige Jahre werden, die Nils D. hinter Gittern sitzen wird. Das Urteil wird wohl im März verkündet werden.


Zusammengefasst: Nils D. ist als ehemaliger IS-Kämpfer eine wichtige Informationsquelle für die deutschen Strafbehörden. Nach zahlreichen Aussagen gegen andere Männer muss er sich nun selbst vor Gericht verantworten - unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Ihm drohen mehrere Jahre Haft.

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